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Volksbühne Berlin: Die Ära nach Frank Castorf beginnt mit Tanz und Samuel Beckett

Zwei Jahre Hass, Verleumdung und Gegenkampagnen konnten es nicht verhindern: An diesem Wochenende eröffnen Intendant Chris Dercon und sein Team die erste Spielzeit der neuen "Volksbühne Berlin". 

"10000 Gesten", Choreographie von Boris Charmatz, Vorpremiere beim Manchester International Festival 2017

"10000 Gesten", Choreographie von Boris Charmatz, Vorpremiere beim Manchester International Festival 2017

Als die erste Produktion der neuen Volksbühne frenetisch gefeiert wird, bleiben die Türen des Hauptquartiers am Berliner Rosa-Luxemburg-Platz verschlossen. Nackt steht sie da, die 1914 eröffnete Trutzburg, keine Fahnen, keine Plakate, keine Spruchbänder flattern über den sechs Säulen, kein trotziges "OST" leuchtet mehr auf dem Dach, kein Räuberrad prangt auf der Wiese vorm Haus. Das Ende wird hier schon seit zwei Jahren zelebriert. Nun hat es seinen Höhepunkt erreicht.

"Volksbühne Berlin" am Rosa-Luxemburg-Platz

"Volksbühne Berlin" am Rosa-Luxemburg-Platz

Es ist kurz vor 23 Uhr am 13. Juli 2017, im alten Mayfair-Bahndepot von Manchester haben 25 Tänzer "10 000 Gesten" in einem einstündigen, atemlosen Akt vollführt. Als die Akteure zum Stillstand kommen, springen die Zuschauer von den Sitzen auf und jubeln. Frenetischer Applaus für die Vorpremiere des von Boris Charmatz choreographierten Stückes, mit dem Chris Dercon jetzt eine neue Ära der Volksbühne einläuten wird.

Einladung zum Tanz

Eine Einladung zum Tanz haben Dercon und sein Team den Berlinern für diesen Sonntag gesandt: Zehn Stunden lang wird Charmatz, der zu den neuen Hausgöttern der Volksbühne gehört, Szenen-Abfolgen und Mitmach-Sequenzen  dirigieren. Die Stadt soll sich eingrouven auf das, was sie künftig in der Volksbühne Berlin und ihrem neuen Satelliten im ehemaligen Flughafen Tempelhof erwartet.

Szene aus "10000 Gesten"

Szene aus "10000 Gesten"

Die neue Volksbühne, sie startete im Exil. Zeit und Raum für Proben hat ihnen der scheidende Intendant Frank Castorf nicht gewährt. Jede Besichtigung des Hauses mit künftigen Regisseuren oder Schauspielern mussten die Anwälte beider Seiten miteinander aushandeln - absurdes Theater, aufgeführt von den Staranwälten der Berliner Kultur: Gregor Gysi für die Volksbühne, Peter Raue für das Team Dercon. "Das war eine innovative Erfahrung für Chris und mich", sagt Marietta Piekenbrock, die als Programmdirektorin wesentlich an der Neuausrichtung der Volksbühne mitarbeitet. Am 1. August erhielten die Neuen die Schlüssel. Dann, und das hatte Castorf klug einkalkuliert, rauschte die Kulturszene in die Ferien.

Also probten die Neuen dort, wo die internationale Theaterwelt sie schätzt: in Manchester, in Essen, in Graz. Und wenn sie im November zur ersten Schauspiel-Premiere ins Haus am Rosa-Luxemburg-Platz laden, zeigt Regisseur Walter Asmus drei Einakter von Samuel Beckett, die er mit Anne Tismer in seiner Berliner Wohnküche einstudiert hat.

Abschied im Zorn

Castorf, Intendantenlegende mit Tendenz zur Selbstmusealisierung, geht im Zorn. Und zum Abschied nach 25 Jahren Volksbühne ermahnt er sich selbst, diese Regung nicht mehr ständig mit "Wut und Hass" zu verwechseln. Vergeblich. "Das ist unser Räuberrad", ruft er bei seiner letzten Rede am 1. Juli von der Freitreppe der Volksbühne, lässt es abmontieren und nimmt es mit nach Avignon.

Dort, auf dem Internationalen Theaterfestival, zeigt er zum letzten Mal "Die Kabale der Scheinheiligen", der allerletzte Vorhang fällt am selben Abend, an dem die Neuen in Manchester die Vorpremiere erleben. Auch in Avignon stehen die Menschen auf und feiern - die Schauspieler, den scheidenden Volksbühnen-Intendanten und einen Zeitgeist, der spätestens mit der letzten auf der Bühne gerauchten Gitanes verglüht ist.

Größer, als an diesem Abend deutlich wird, könnten die Gegensätze zwischen der alten und der neuen Intendanz nicht sein. Neo-expressionistisches Theater mit Kunstblut, weißer Schminke, Federboas und fünfeinhalb Stunden herausgebrüllter Sprach-Eruption auf der einen, analytische, auf knapp 60 Minuten  verdichtete Körper-Konzeptkunst auf der anderen Seite. Alle Befürchtungen, aber auch die Hoffnungen in Berlin werden erfüllt. Volltreffer.

Kultursenator als Gegner

Selten war ein neuer Intendant mit so viel Ablehnung konfrontiert worden wie der belgische Kurator und Theaterwissenschaftler Chris Dercon

Intendant Chris Dercon

Intendant Chris Dercon

seit seiner Berufung im April 2015. An der Spitze der Gegner: Der mittlerweile zum Kultursenator ernannte Linken-Politiker Klaus Lederer. Noch kurz vor Schlüsselübergabe denunzierte der oberste Dienstherr des neuen Intendanten diesen als Vertreter "so 'ner postmodernen Art von Kunst", die sinnbildlich für die "gefährlichen Verlockungen gesellschaftlicher Konsumbeschwörung" stünde. Beim Abschied Castorfs sagte Lederer: "Vielleicht geht der Vorhang irgendwann auch wieder auf." Und meinte: nach Dercon.

Die Volksbühne um Frank Castorf hatte sich selbst zum letzten Hort des künstlerischen Widerstands gegen Kapitalismus, Gentrifizierung und die internationale Ereigniskultur stilisiert. Dabei war die Volksbühne eigentlich auf ihre Weise genau das, wovor Intendanten-Urgestein Claus Peyman vom Theater am Schiffbauer Damm in einem Offenen Brief gegen Dercon warnte: eine Eventbude.

An der Volksbühne wurde gesungen, performt, getanzt, palavert - und zwischendurch saß man rituell die fünf- bis siebenstündigen Exerzitien des klassenkämpferischen, ost-stolzen Lordsiegelbewahrers Castorf ab. Achim Busch, Theatermeister in Rente, verriet bei einer Führung durchs Theater, wie das am besten auszuhalten war: "Man ging in der Pause und kam an einem anderen Abend zum zweiten Teil wieder. Freie Plätze gab es dann ja genug."

Ensemble passte in Kleinbus

Das vielbeschworene Ensembletheater, das der belgische Ursupator zu vernichten drohte, gab es schon lange nicht mehr. In den Nullerjahren dämmerte Castorf dem künstlerischen Koma entgegen und die zuletzt an der Volksbühne fest engagierten Schauspieler passten in einen Kleinbus. Neue Impulse kamen vor allem von Künstlern, die eng mit der Volksbühne assoziiert waren, aber auch an Dutzenden anderen Häusern Erfolge feierten: René Pollesch, Christoph Marthaler, Werner Fritsch.

So richtig Feuer fing die Fangemeinde erst wieder, als das Ende nahte. Besitzstand zu verteidigen, ist in Berlin ein Volkssport: Tempelhof, Tegel, Volksbühne. Und mit dem ausländischen Erzfeind vor den Toren der letzten ostdeutschen Identitäts-Maschine lief der gesamte Volksbühnenzirkus noch einmal zu frenetisch gefeierten Höchstleistungen auf. Jede letzte Vorstellung ein Fanal, jede Demontage ein großes Buhei, ein ausgestreckter Mittelfinger an die Adresse der Nachfolger, oder wie man hier sagt: der Eroberer.

Theater des Jahres

Die Auszeichnung als "Theater des Jahres" folgte auf den Fuß – und zu Recht: Eine solche Bündelung von Energie und Ausdruckswut hat es wohl noch nie auf einer deutschen Bühne gegeben.

Dass danach eine Zensur folgen muss, ist allen Beteiligten klar. Sonst würde ja auffallen, dass Glanzstücke wie "Murmel Murmel" von Herbert Fritsch nach einem Manuskript des Aktionskünstlers Dieter Roth perfekt in den interdisziplinären Spielplan der Neuen passen würden. Um die Fronten klar zu ziehen, verboten alle mit Castorf befreundeten Regisseure die Wiederaufnahme ihrer Stücke. Um gleichzeitig das Ende des Repertoire-Theaters zu beklagen.

Programmdirektorin Marietta Piekenbrock

Programmdirektorin Marietta Piekenbrock

"Wir möchten uns bedanken bei allen, die nachhaltig in Feindbilder, Drohformeln, Unwahrheiten und Ängste, die in das öffentliche Drama der Skepsis investiert haben. Sie haben dazu beigetragen, unsere Sinne und unsere Idee von Freiheit zu schärfen", rief Mariette Piekenbrock gegen eine Wand der Ablehnung, als das neue Team um Chris Dercon im Mai sein Programm präsentierte.

Wie eine Löwin verteidigte die Programmdirektorin, was sie und ihre Leute in den vergangenen zwei Jahren ausgearbeitet haben: "Das, was wir lieben, woran wir glauben, was uns befremdet, was uns magisch anzieht, was uns wichtig ist und was wir für wichtig halten."

220 Vorstellungen stehen auf dem Programm der Doppelspielzeit 2017/18 und 2018/19. Piekenbrock verspricht: "Ein anderer Ton, ein anderer Gestus, andere Erzählperspektiven als zuvor." Eine der ersten hauseigenen Neuproduktionen wird die Regisseurin Susanne Kennedy am 30. November vorstellen: "Women in Trouble". "Die Frauenbilder der Volksbühne wurden alle von Männern inszeniert", sagt Marietta Piekenbrock. "Wir werden eine andere Realität auf die Bühne holen! Dabei dürfen wir Frauen nicht vor dem großen Maßstab zurückschrecken."

Eröffnung: 10. September, 12 bis 22 Uhr, Tempelhof Flugvorfeld: "Fous de danse – Ganz Berlin tanzt auf Tempelhof"

Weitere Termine: http://www.volksbuehne.berlin