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Berliner Volksbühne Castorfs "Kaputt" strapaziert die Nerven


Frank Castorf setzt auf die Zermürbungstaktik. Bei seiner "Kaputt"-Inszenierung an der Berliner Volksbühne geht er extrem verschwenderisch mit Zeit und Nerven des Publikums um.

Tour de force an der Berliner Volksbühne. In einem sechsstündigen Theaterabend brachte Intendant Frank Castorf den knapp 600 Seiten langen Antikriegsroman "Kaputt" von Curzio Malaparte erstmals auf die Bühne - für Schauspieler wie auch das Publikum ein enormer Kraftakt. Die Uraufführung von "Kaputt - Tour de force européene nach Malaparte" geriet dabei allerdings zu einer enttäuschenden, vergleichsweise harmlosen und zahmen Inszenierung.

Die Geschichte über den bei Castorf wahlweise Smoking, Abendkleid oder Uniform tragenden italienischen Gentleman an der Front des Zweiten Weltkriegs hat viele Längen, gedankliche Leerstellen und redundante Momente. Ein Bezug zu Debatten und Problemen der Gegenwart fehlt dieses Mal komplett.

Das Grauen des Krieges

"Kaputt" handelt vom Grauen des Krieges und denjenigen, die ihn organisieren. Das Buch stammt von dem Deutsch-Italiener Kurt Erich Suckert (1898-1957), der sich Curzio Malaparte nannte. Sein Roman entstand aus seinen Berichten von den Fronten des Zweiten Weltkrieges für die italienische Zeitung "Corriere della Serra". Für seine Recherchen setzte sich Malaparte - am Anfang Faschist und später Kommunist - auch mit den Mächtigen an einen Tisch.

An der Seite von Malaparte - gespielt von der Französin Jeanne Balibar - tritt zum Beispiel auf: Hans Frank, der Generalgouverneur des von den Deutschen besetzten Polen - von Patrick Güldenberg als unheimlicher, dämonischer und hysterischer Charakter überzeugend dargestellt. Horst Günter Marx spielt Graf Augustin de Foxa, den spanischen Gesandten in Helsinki, Frank Büttner den Boxer Max Schmeling. Georg Friedrich ist der amerikanische Offizier Jack Hamilton.

Knallgelbe Plastikbahnen

Friedrich spielte an diesem Abend trotz eines Ellenbogenbruchs, den er sich bei einer vorangegangenen Probe zugezogen hatte. Die Inszenierung stand bereits zuvor unter keinem guten Stern. Bei einer anderen Probe verletzte sich Hauptdarstellerin Balibar, so dass die ursprünglich zehn Tage früher geplante Uraufführung verschoben werden musste.

Bert Neumann stattete die Bühne mit knallgelben Plastikbahnen und schwarzen Säulen-Überresten aus, die das sonnige Rom als Ausgangsort für Malapartes abenteuerliche Reisen symbolisieren. Ein vergoldetes Opferlamm in Übergröße vervollständigt das Bühnenbild.

Belanglose Breite

Ein Großteil der Action spielt sich in einem schwarzen, schräg über einem Wasserbassin baumelnden Container ab, in den die Zuschauer nur durch eine kleine Tür schauen können. Was sich drinnen abspielt, wird von Kamera- und Tonmann live aufgenommen und grob gerastert und in Schwarz-Weiß auf eine Videoleinwand übertragen.

Malaparte-Darstellerin Balibar spielt mit ihrem Menjou-Bärtchen den Mann von Welt souverän, hat aber manchmal Schwierigkeiten, die gewaltigen Textmassen zielgerichtet ans Publikum zu bringen. Statt in die gedankliche Tiefe, die der Stoff in jedem Fall hergegeben hätte, wabert Castorfs Inszenierung dieses Mal ausufernd in die belanglose Breite.

Elke Vogel/DPA DPA

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