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Filmkritik "James Bond: Spectre": Die wahrste Wahrheit über "Spectre"

Man soll einen Bond-Film nicht nach seinem Song beurteilen? Bei "Spectre" sagt Sam Smiths "Writing's on the Wall" allerdings alles. Vorsicht Spoiler! 

Von Sophie "May Day" Albers Ben Chamo

James Bond schießt ins Dunkel - Szene aus "Spectre"

Manchmal kann auch James Bond nur ins Dunkel schießen 

Kennen Sie dieses Gefühl, wenn ein Film Ihnen nicht mehr aus dem Kopf geht? Wenn er Sie auch eine Woche nach dem Kinobesuch noch der Realität enthebt, weil Sie immer wieder an eine bestimmte Szene denken müssen, den Soundtrack summen oder sich einfach diesem Gefühl hingeben wollen, das die Leinwandgeschichte Ihnen mitgegeben hat? Tja, das alles hat "Spectre" leider nicht zu bieten.

Bond und sein Bondgirl im Zug - Szene aus "Spectre"


Der 24. Bond ist ein großes Spektakel, das alles vereint, was man von einem Bond erwartet - die Opulenz, die Stunts, die Autos, die Frauen, die Schurken, die Coolness - aber eines fehlt diesmal sehr, und das ist die Seele. Deshalb sind die zweieinhalb Stunden vor allem gegen Ende nicht nur etwas lang, sondern auch eine Enttäuschung für alle, die mit dem grandiosen "Skyfall" im Gedächtnis ins Kino gehen. Vielleicht sollten wir damit anfangen, Bondfilme nach ihren Songs zu beurteilen.

Daniel Craig hat keine Lust mehr

Wer gedacht hat, dass Daniel Craigs Spruch "Eher schlitze ich mir die Handgelenke auf, als noch einen Bond zu drehen" ein PR-Stunt war, wird im Kino eines Besseren belehrt: "Spectre" ist eine verdammt teure (angeblich 270 Millionen Euro) Abschiedsparty für den Bond, der es am Anfang so schwer gehabt hat. Craig ist offensichtlich durch mit Bond. Er hat ihn neu erfunden, in einer Welt, in der nichts mehr beim Alten war. Er hat sich zwischen Jack Bauer und Jason Bourne eine Nische erschuftet, und die ist jetzt ausgefüllt. Zuweilen könnte man es schon lieblos nennen, was Craig da veranstaltet. Der geniale Anti-Held aus "Skyfall" fällt zurück auf alte Klischees, die sich seit Beginn der Bond-Filmreihe vor 53 Jahren bewährt haben. Aber die Sean Connery'sche Spitzbübigkeit nimmt man Craig einfach nicht ab. Und er ist auch kein Roger Moore. War "Skyfall" der Höhepunkt, ist "Spectre" der petite mort.

Was soll das mit Monica Bellucci?

Das gilt auch für die Frauen und sogar für den Bösewicht: Das mit sexistischem Bombast angekündigte "älteste Bondgirl" aller Zeiten, Monica Bellucci, ist alles andere als eine zeitgemäße Offenbarung im Jahr 2015. Die Frau, die mehr Sexappeal im Ohrläppchen hat als ihre "Spectre"-Bondgirl-Kollegin Léa Seydoux im ganzen Köper, hat ganze fünf Minuten, die außer der nicht eingelösten Aussicht auf mehr nichts Neues zeigen. Stattdessen gibt es eine ärgerliche "Du willst es doch auch"-Verführungsszene. Und dann sitzt sie auch schon bettelnd auf dem Bett, und Bond überlässt sie ihrem Schicksal. Außer Gerede nichts gewesen mit Stärkung der Frauenrollen. Denn Seydoux darf hauptsächlich schön französisch schmollen. Octopussy war emanzipierter als dieses Mädchen, das allen Ernstes meint, mit Bond Schluss machen zu müssen, als der gerade zum ultimativen Showdown aufbricht. Da zuckt nicht nur er mit den Schultern.


Und was ist mit Waltz?

Und dann Christoph Waltz. Die Aussicht, dass der zweifache Oscarpreisträger den Bösewicht spielt, hat für Begeisterungsstürme gesorgt. Die Erwartung lag auf der Höhe, dass er Fröbe und Bardem mal eben an die Wand spielen wird. Auch das liefert "Spectre" nicht. Waltz ist Waltz in seiner brillanten "Die Banalität des Bösen"-Show, aber wenn Bonds Erzfeind am Ende geschlagen auf dem Asphalt liegt, fehlt wieder dieses Stück Seelenkleber, um die Einzelteile zusammenzubringen, deren Summe allein kein eben kein Kunstwerk macht.

Etwas Positives!

Um so beeindruckender ist Ralph Fiennes als M, ein würdiger Nachfolger für Judi Denchs Übermutter. Auch wenn Fiennes den MI6-Chef aussehen lässt wie einen verbitterten Beamten, beherrscht er die große Kunst, dessen vorheriges Leben immer wieder durchscheinen zu lassen. Und offensichtlich ist er genauso hart wie Bond. Auch Ms Widersacher C ist perfekt besetzt: Andrew Scott, bekannt als Moriarty aus Benedict Cumberbatchs "Sherlock", klingt, als habe Mark Zuckerberg Lutz Bachmann verschluckt. Zeitgemäß und auf den Punkt.

Leider so ganz anders als der restliche Bond, der sich am Ende in einer Nostalgie sonnt, der er doch eigentlich schon vor zehn Jahren abgeschworen hat. Das Spannendste an "Spectre" ist eigentlich, wie es danach weitergehen soll.