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Filmprojekt "Staya Erusa": Weltretten mit Uri Geller

Mit seinem neuen Film "Staya Erusa" legt TV-Magier Uri Geller eine "Wissenssammlung" über paranormale Phänomene vor. Nichts besondereres eigentlich. Doch der notorische Besteckverbieger verspricht wieder einmal, die großen Probleme dieser Welt lösen zu wollen. Ob das wohl klappt?

Von Björn Erichsen

Uri Geller ist zurück. Schon wieder. Und diesmal begnügt sich der weltbekannte "Mentalist" nicht damit, ein bisschen Besteck zu verbiegen oder per Fernsehshow einen Nachfolger zu finden. Diesmal hat Geller höhere Ziele: Es geht um die Rettung des Planeten. Hunger, Armut, Krieg, Umweltverschmutzung, Krankheit - die großen globalen Probleme sind lösbar, so die Botschaft seines neuen Films "Staya Erusa". Wie das möglich sein soll? "Wenn alle Menschen anfangen, ihr Bewusstsein für positive Gedanken zu öffnen, würde das die Welt verändern", sagt Uri Geller. Wer hätte das gedacht?

"Staya Erusa", den Geller gemeinsam mit den Parapsychologen Ronald Jan Heijn und Harry Beckers herausbringt, stellt eine "Wissenssammlung" über paranormale Phänomene und andere Spiritualitäten dar: Ursprung des menschlichen Bewusstseins, Leben nach dem Tod, kosmische Verbindung, alles untermalt mit bunten Bildern und entspannender Musik. Und damit auch ja kein Sinnsucher zu kurz kommt, werden auch schnell noch Reinkarnation, Aliens und Atlantis dazu gemixt und für bare Münze erklärt. Wessen Bewusstsein sich da nicht erweitert, ist selber Schuld.

In "Staya Erusa" wird eine "größere Realität" beschworen und versucht, Verbindungen zwischen Spiritualität und Wissenschaft aufzuzeigen. Dafür kommen in dem Film gut ein Dutzend "aufgeschlossene" Experten zu Wort. Mit dabei etwa Brian Josephson, der 1973 den Nobelpreis für Physik erhielt, sich seither aber vorwiegend in Grenzwissenschaften verliert und vom Gros seiner Kollegen als "tragische Figur" wahrgenommen wird. Ebenfalls zu Wort kommt Edgar Mitchell, der sechste Mann auf dem Mond, der während der Apollo-14-Mission heimlich PSI-Experimente durchführte und seither nicht müde wird zu erzählen, dass uns die Außerirdischen demnächst beim Einkaufen begegnen werden.

Willkommen zurück im Mittelalter

Die dünne Argumentationskette des Films gipfelt in der Forderung nach einem Paradigmenwechsel – also dem Wandel wissenschaftlicher Grundannahmen -, weg von vom materialistischen, hin zu einem auf Bewusstsein basierenden Paradigma. Nun darf sich sicher auch der kritische Zeitgenosse mit der Frage auseinandersetzten, ob es zwischen Himmel und Erde mehr gibt, als die Menschheit derzeit erahnt. Und zu den Pflichten eines Wissenschaftlers gehört es ebenfalls, die eigenen Erkenntnisse zu hinterfragen und gegebenenfalls zu verwerfen. Das was in "Staya Erusa" gefordert wird, würde jedoch allerlei Mutmaßungen Tür und Tor öffnen und mühsam erkämpfte wissenschaftliche Standards unterlaufen. Mit anderen Worten: adieu 250 Jahre Aufklärung, willkommen zurück im Mittelalter.

Geller selbst ist in den Film nur in den ersten 20 Minuten und in den letzten 20 Sekunden zu sehen. Anfangs wird die bekannte Uri-Geller-Story zum Besten gegeben, natürlich nur in ihren schönen Facetten: Geller als Superstar in den 70ern, der die Welt mit Löffelverbiegen und Uhrenreparieren in Atem hielt. Ausführlich wird eine Versuchsreihe am Stanford Research Institute präsentiert, bei der Geller erstaunlich gut abschnitt, was ihm einen positiven Beitrag im renommierten Magazin "Nature" einbrachte. Unerwähnt bleibt freilich, dass die Zeitschrift den Artikel zunächst gar nicht veröffentlichen wollte und den Beitrag im eigenen Editorial "schwach in Design und Ausführung" und "beunruhigend unklar" nannte.

Sieben Milliarden Euro Umsatz

"Ich hoffe, 'Staya Erusa' wird sich wie ein Flächenbrand ausbreiten." Mit diesen Worten Gellers endet der Film, und es steht durchaus zu befürchten, dass sich seine Hoffnung erfüllt: Die Lust am Mystischen, am Unbekannten boomt und verspricht allen Hellsehern, Wünschelrutengängern und einschlägigen Buchautoren satte Gewinne. Die umstrittene Mystik-Dokumentation "What the bleep do we know!?" etwa sahen in den USA rund eine Millionen Menschen, inzwischen zählt der Film zu den meist verkauften Dokumentationen der Welt. Im Hauptabendprogramm erzielen Sendungen wie "Galileo Mystery" Marktanteile von bis zu 20 Prozent und bei Astro-TV und Fernsehkartenlegern telefonieren sich die Leichtgläubigen die Finger wund. Im Buchhandel macht die Sparte Esoterik 15 Prozent des gesamten Umsatzes aus, der Jahresumsatz der Szene wird auf mehr als sieben Milliarden Euro geschätzt.

Uri Geller ist seit mehr als 30 Jahren Teil dieser Szene. Dem 1946 in Tel Aviv geborenen Ex-Fotomodel hat es nie gereicht, nur ein guter und zweifellos sehr charismatischer Unterhaltungskünstler zu sein, der - wie zur Zeit mit der von ihm entwickelten Zaubershow "The next Uri Geller" - in vielen Ländern große Erfolge feiert. Zwar behauptet er heutzutage nicht mehr seine besonderen Kräfte direkt von Gott oder von Außerirdischen vom Planeten "Hoova" zu haben. Er beharrt jedoch nach wie vor darauf, im Alter von vier Jahren ein besonderes Lichterlebnis gehabt zu haben, woraufhin sich erstmals ein Löffel in seiner Hand verbogen haben soll. Und auch mit dem Weltretten hat Geller einschlägige Erfahrungen: Angeblich hat er 1987 bei den Abrüstungsverhandlungen zwischen den USA und der Sowjetunion den russischen Unterhändler mit Energiestrahlen bombardiert, sodass Michail Gorbatschow am nächsten Tag den Abzug der Mittelstreckenraketen aus Europa anbot.

Erfolgreiches "One-Trick-Pony"

Bemerkenswerterweise konnten die vielen Kritiker dem Selbstvermarktungskünstler Uri Geller bisher kaum etwas anhaben. Seine Zaubertricks sind allesamt mehr oder minder mühelos enträtselt worden, von anderen Bühnenmagiern wird er als "One-Trick-Pony" verspottet, weil er seit Jahrzehnten mit dem immergleichen Repertoire auftritt. Geller klagte oft und verlor fast immer. Etwa gegen seinen großen Widersacher James Randi, der nachweisen konnte, dass einer von Gellers Tricks von der Rückseite einer Müslipackung stammte. Aufsehen erregte ebenfalls ein Prozess zwischen Geller und der Skeptiker-Organisation "Rational Response Squad" um ein Video, das bei der Internetplattform "Youtube" aufgetaucht war. Darin ist zu sehen, wie sich Geller in der israelischen Variante der Show "The next Uri Geller" bevor er eine Kompassnadel zum Ausschlag bringt, einen Gegenstand über den Finger schiebt, den manche für einen Magneten halten. Gellers Begründung für seine Klage: In dem Video befände sich Material von zehn Sekunden Länge, an dem er selbst die die Urheberrechte halte.

All dies hat Gellers Popularität keinen Abbruch getan - im Gegenteil, es hat seinen Mythos noch gefestigt. Von dem kann er heutzutage in einer opulenten 23-Zimmer-Villa nahe London - übrigens mit einem rundum mit Löffeln beklebten Cadillac vor der Tür - leidlich leben.

Bei "Staya Erusa" geht es ihm aber nicht ums Geld, keinen Cent vom Erlös des Films, der zunächst nur auf DVD erscheint, will er für sich beanspruchen. Das betont er gleich zu Beginn im stern.de-Interview. Doch wohin fließt das Geld, das der Weltrettungsfilm einspielen wird? Brunnenbohren in Afrika vielleicht? Oder teleportiert er den Gewinn vielleicht an der Junta vorbei in das arme Myanmar, wo er gleich gegen alle fünf globalen Probleme auf einmal vorgehen könnte? Weit gefehlt: Der Erlös soll in eine ganze Reihe von "Staya-Erusa"-Filmen fließen, damit das allgemeine Bewusstsein noch ein Stückchen weiter erweitert werden kann. So gesehen kann es mit der Weltrettung also nicht mehr allzu lange hin sein.

So bleibt nur noch die Frage, was das eigentlich heißen soll, dieses geheimnisvolle "Staya Erusa", dass, wenn Geller es mit scharfem "S" ausspricht, immer wie ein schnittiges "Aerussaaa" klingt? "'Staya Erusa' hat keine Bedeutung. Es ist ein Vakuum, in das jeder hineinlegen kann, was man denkt und fühlt, nachdem man den Film gesehen hat", sagt Geller. "Staya Erusa", die große Leere. Viel treffender kann man es kaum formulieren.

Anmerkung der Redaktion: Dieser Text ist nachträglich geändert worden. Fälschlicherweise wurde behauptet, dass Uri Geller die Internettplattform "Youtube" wegen der Veröffentlichung eines Videoauszuges aus der israelischen Variante von "The next Uri Geller" verklagt hat. Dies entspricht nicht den Tatsachen.