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FROM HELL: Stochern im Nebel

Der Ripper geht um: Im Thriller »From Hell« jagt Johnny Depp Englands berühmtesten Frauenmörder. Der Schocker setzt auf beklemmende Atmosphäre.

Ach, Johnny! Ist so ein hübscher Bursche, wird weltumspannend angebetet und könnte richtig absahnen in Hollywood. Aber nein - seit seinem Kinodebüt 1984 in »Nightmare On Elm Street« sperrt sich Johnny Depp gegen das Pretty-Boy-Image. Verunstaltet sich gern, wie neulich in Venedig bei den Filmfestspielen, wo er offensichtlich Bob Dylans abgelegte Garderobe auftrug. Hollywood, Glamour - igitt! »Filmstar zu sein«, sagt Depp, »steht ernsthafter Schauspielerei im Weg.« Typisch Hippie: Was kommerziell ist, kann keine Kunst sein. Ach, Johnny!

Er sucht sich absonderliche Rollen in absonderlichen Filmen. Bevorzugt verhuschte, von inneren Dämonen geplagte Charaktere. Wie den Kriminalisten Abberline im Thriller »From Hell«. Im Herbst 1888 fahndet der Polizist in London nach Jack the Ripper, dem Vater aller Serienkiller. Das direkte Umfeld des britischen Königshauses gerät in Verdacht - eine oft verwurstete Theorie. Doch den Zwillingen Allen und Albert Hughes, die mit harten Ghetto-Filmen (»Menace II Society«) bekannt wurden, geht es weniger um das »Wer war's?« als das »Wie war's?«, um die beklemmende Atmosphäre. Es funzeln die Laternen im Londoner Nebel, misstrauisch beäugen sich die Menschen. Jeder könnte der Hurenmörder sein, selbst Inspektor Abberline.

Ein Polizist, der seine Schwermut mit Opium und Absinth betäubt und sich von Visionen leiten lässt - das gefällt Johnny. »Oh ja, ich glaube an Vorahnungen. Träume verraten uns viel über die Zukunft und darüber, was wirklich vor sich geht.«

Solche Themen machen Depp munter. Munter heißt: Er redet immer noch so, als hätte er drei Bonbons auf einmal im Mund, doch die Worte kommen einen Tick schneller. Auch wenn es um seine Familie geht: Seit 1999 lebt Depp mit der französischen Sängerin Vanessa Paradis in Paris und Südfrankreich. Eine Tochter haben sie, das zweite Kind ist unterwegs. Seine beiden Mädchen hätten alle dunklen Wolken weggepustet, sagt Johnny.

Lange war er der grüblerische, dunkle Rebell, der tönte, er habe bereits mit 14 sämtliche bekannten Drogen ausprobiert, der in Hotels randalierte und Paparazzi verprügelte. Jetzt, mit 38, vertrödelt Depp die Zeit lieber im Café oder klampft auf seiner Gitarre. Das helle, sorglose Leben eines Bohemien - oder was sich ein Junge aus Kentucky so darunter vorstellt.

Nur in seinen Rollen bleibt Johnny der schwarz-romantische Antiheld, fern von Hollywood. »Ich fürchte, mein Hirn verkraftet diesen bizarren Ort nicht, wo alle sich vom Ehrgeiz zerfressen lassen.« Und wie um sich vor drohender Hirnerweichung zu schützen, zieht Johnny Depp den Hut in die Stirn, einen sandfarbenen Stetson mit schmuddelig bräunlichem Hutband. Ob es irgendwo in Mexiko Männer gibt, die Hüte einschwitzen für solche Edelhippies? Ach, Johnny.

Anke Kapels