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Hanns Zischler: Verschwiegenes Gesicht

Es gibt eigentlich nichts, was Charakterkopf Hanns Zischler nicht spielen kann. Das wusste auch Steven Spielberg und engagierte ihn für seinen Polit-Thriller "München"

Wenn ein Hollywood-Regisseur wie Steven Spielberg einem deutschen Schauspieler eine Rolle anträgt, dann wird der normalerweise mal kurz vor Begeisterung die Luft anhalten. Hanns Zischler natürlich nicht. Gemessen saßen sich die beiden Herren in einem Pariser Hotel gegenüber und plauderten übers Kino. Selbstverständlich hat Zischler nicht gefragt, wie denn Spielberg auf ihn gekommen sei. Oder welchen Film er denn von ihm gesehen habe. "Ein Profi wie ich", sagt Zischler ein wenig verlegen, "tut so was einfach nicht mehr."

Niemals hätte Zischler Lob & Hudel an den Amerikaner verteilt. So billige Sachen gehören sich nicht. Und so wusste der Deutsche Zischler nur, dass es in Spielbergs neuem Film "München" (Filmstart am 26. Januar) um das Palästinenser-Attentat auf die israelische Olympia-Mannschaft 1972 und die Folgen gehen sollte. Welche Folgen, hat Spielberg ihm nicht verraten. Nur so viel: Er suche einen verschwiegenen Mann mit einem verschwiegenen Gesicht, Alter um die 60, deutscher Hintergrund.

Zischler machte ein verschwiegenes deutsches Gesicht und nickte. Seine Rolle: ein in Deutschland geborener, nach Palästina geflüchteter Jude, der nach dem Krieg nach Frankfurt zurückkehrt und vom israelischen Geheimdienst Mossad als Schläfer vorgehalten wird. Er ist der wortkarge deutsche Hans, der penibel auflistet, was die jeweilige Operation gekostet hat und der dann am Ende erstochen in einem Frankfurter Park aufgefunden wird. Ein einsamer Tod in der Nacht. Die Mörder: vermutlich der sowjetische KGB in Zusammenarbeit mit den Palästinensern. Spielbergs Botschaft in seinem umstrittenen Film (siehe stern Nr. 2/2006): a) Mossad-Agenten haben auch ihre moralische Befindlichkeit zwischen fröhlicher Action und bitterem Zweifel; b) es macht nicht glücklich, ein Killer zu sein. Nur zwei der fünf Agenten überleben.

Als das Olympia-Attentat am 5. September 1972 weltweit live über alle TV-Kanäle lief, war Zischler, Jahrgang 1947, Dramaturg an der Schaubühne am Halleschen Ufer. Es war die Zeit, wo überall in West-Berlin junge Deutsche mit rotweiß gewürfelten Palästinensertüchern auf dem Kopf durch die Straßen liefen. Niemals hätte er, damals SPD-Wähler, so ein "Gesinnungstextil" am Leib getragen.

Kritik an Spielbergs Film, er hielte sich nicht an die historischen Fakten, mag Zischler nicht gelten lassen. Schließlich habe Spielberg "keinen pädagogischen Thesenfilm gemacht, auch keine Dokumentation", sondern eben einen Spielfilm. Überhaupt ist Zischler, der mit Jean-Luc Godard, Claude Chabrol und Wim Wenders gearbeitet hat, voller Anerkennung für den US-Regisseur. Das heißt erstmal nicht viel, weil alle Schauspieler auf die Frage, welche Regisseure ihnen am liebsten seien, grundsätzlich flöten, alle seien wunderbar. Zischler, der Intellektuelle, ist da natürlich differenzierter. An Spielberg schätzt er, dass der "ein Arbeitstier ist, ein Profi, extrem gut vorbereitet. Er pampert die Schauspieler, aber er mag keine kapriziösen Diven. War auch keine dabei". In all den drei Drehmonaten habe es kein einziges Mal Streit gegeben.

Ein Kino am Potsdamer Platz, ein Abend mit einem Film der französischen Kino-Legende Jean-Luc Godard. Ein gemessener Hanns Zischler, Rollkragen, Blazer, hebt an zu einleitenden Worten. Das Kino ist trotz der späten Stunde voll besetzt. Zischler wird vorgestellt als "der deutsche Lieblingsschauspieler von Godard" und wehrt ab: "Lieblingsschauspieler" passe nicht in den Wortschatz des französischen Meisters, aber irgend so was Ähnliches habe er wohl gesagt. Zischler spricht viele vorsätzlich komplizierte Sätze für Fortgeschrittene, er weiß, hier sitzt ein Publikum, dem man seinen Godard nicht erklären muss. Er spricht 18 Minuten und sagt hinterher zufrieden: "Keiner hat gemurrt." Stimmt.

Aber dennoch: Ein zufälliger Besucher hätte Mühe gehabt, seinem Text zu folgen. Und wenn schon. "Ich bin immer für eine tendenzielle Überforderung. Das ist mein Prinzip in vielen Fällen", sagt Zischler streng. Er will, bis hin zur Humorlosigkeit, auf keinen Fall den Eindruck machen, als sei mit ihm zu tändeln. Mag sein, dass ihn manche deshalb für arrogant halten.

Er schreibt Essays und Bücher; "Kafka geht ins Kino" wurde von französischen Kritikern als bestes nicht französisches Buch übers Kino ausgezeichnet. Er singt. Er spielt Klavier. Er nimmt Hörbücher auf. "Die Vollidioten" von Eckhard Henscheid, wird von ihm so hervorragend deklamiert, wie man sich seinen Vorleser wünscht: professionell mit volltönender Stimme intoniert, doch ohne die Eitelkeit des Schauspielers, der mit jedem Satz sagen will: Der Künstler bin ich.

Hanns Zischlers Markenzeichen: keins. Das ist ein bisschen auch sein Problem. Nie weiß man, wo man ihn gerade hintun soll. In den letzten "Tatort"? Zum "Alten"? Zu den "Männern vom K3"? Sein markantes Gesicht erkennt man auf der Straße sofort, die blauen Augen, die buschigen Augenbrauen. Er ist groß und inzwischen nicht mehr ganz schlank. Sein Haupthaar, als er es noch hatte, war schwarz, mit tiefen frühen Geheimratsecken. Zischler ist ein vielseitig verwendbarer Typ, in mehr als 170 Film- und Fernsehrollen hat er gespielt, er taugt als Killer, Liebhaber, Nazi, Ehrenmann. Und immer ist er der Mann für den zweiten Blick.

Er verkörpere eine "vertrauenerweckende Männlichkeit, die jeder modischen Attitüde trotzt und sympathisch altmodisch auftritt", vermerkt das Lexikon des deutschen Films über ihn. Auf die Frage: Kennen Sie den Film "Walk on Water" - es geht um einen jungen Mossad-Agenten, der alte deutsche Nazis jagt -, sagt Zischler: "Nö" und verbessert sich schnell: "Klar, da hab ich ja mitgespielt!" Typisch Zischler. Bis auf wenige Ausnahmen schaut er sich seine Filme nicht an. Er mag sich nicht sehen. Warum? "Das ist mir nicht sehr angenehm." Kein Lächeln. Dann langsam: "Es gibt vielleicht eine Berührungsangst mit sich selbst."

Auf den Events der Hauptstadt, in den Klatschspalten der Zeitungen sieht man Zischler selten. Dem Sohn eines wohlhabenden Unternehmers aus dem fränkischen Jura ist diese Art von Anonymität nicht unangenehm. Seine Kindheit war gut geordnet. Gemessen an den Bauern in einem Dorf unweit von Nürnberg waren die Zischlers reich. Später, als der Bub nach dem frühen Tod der Mutter auf ein Internat geschickt wurde und so manche Mitschüler aus dem bayerischen Geldadel mit dem Privatjet eingeflogen wurden, fühlte sich der kleine Hanns arm. Sein Vater, ein früher Nazi, starb an den Folgen der amerikanischen Kriegsgefangenschaft. Dem Sohn blieben aus dieser "abgedunkelten Zeit" nur Mosaikstückchen, "um sich das Leben eines unheroischen Losers zusammenzubasteln". So kommt es, dass sich in Zischlers Arbeitszimmer im Berliner Westend umfangreiche Literatur zum Thema Drittes Reich und seine mannigfaltigen Folgen findet.

Privat ist Hanns Zischler eher verschlossen. Er hat einen erwachsenen Sohn, der ebenfalls Schauspieler werden will, und lebt seit 1978 mit einer Architektin zusammen. Dies mit jener Distanz, die man zum Überleben braucht, wenn man sich nicht einkuscheln will in eine symbiotische Beziehung. Ein Horror für ihn, denn: "Die Fremdheit des anderen muss ich nicht immer verstehen. Du bist ja verrückt, würde meine Freundin sagen, wenn sie meinetwegen beruflich etwas aufgeben müsste. Ich finde, diese Distanz hält auf lebendige Form zusammen." Warum sind Sie nicht verheiratet, nach so vielen Jahren Probezeit? "Hab ich vergessen", brummt er und fügt verwegen hinzu: "Wir planen, uns in diesem Jahr zu verloben."

Gerda-Marie Schönfeld / print
Wie heißt der Film?
Hallo, seit langer Zeit bin ich auf der Suche nach einem Film, den ich vor ca. 25 Jahren gesehen habe. Es ist ein französischer Film von oder in der Art wie Eric Rohmer. Der Titel könnte "Betrug" oder ähnlich lauten. Es geht um eine Dreiecksgeschichte, bei der ein Mann von seiner Ehefrau und seinem besten Freund betrogen wird. Der Film erzählt seine Geschichte in Rückblenden und steigert die Spannung dadurch, dass der anfangs unwissende Zuschauer von Rückblende zu Rückblende mehr Informationen erhält, bis er gegen Ende sogar wissender ist als die Darsteller. Wie ein roter Faden zieht sich dabei die Frage durch den Film: Wer hat zu welchem Zeitpunkt was gewusst. - Ab wann wusste der betrogene Ehemann, dass er betrogen wurde? - Ab wann wussten die Betrüger, dass der Ehemann wusste, dass er betrogen wurde usw. Der Film beginnt äußerst langatmig. Wenn ich mich recht erinnere mit einer 20-minütigen fast statischen Kameraeinstellung. Zwei Personen (Ehefrau und Liebhaber) sitzen an einem Tisch eines sehr einfachen Restaurants. Aus dem Gespräch erfährt man, dass sie früher einmal ein Verhältnis hatten. Im Laufe der Unterhaltung verdichtet sich allmählich die Befürchtung, der Beste Freund/ Ehemann könnte eine Ahnung gehabt haben. Dann folgt die erste Rückblende. Dieses Prinzip von sich verdichtender Ahnung verstärkt sich immer mehr und verleiht dem Film eine - wie ich finde - einzigartige Dramaturgie. Wäre wundervoll, wenn jemand helfen könnte. Gruß Leo