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Harrison Ford: Flieger mit Bodenhaftung

Er ist einer der größten Stars der Welt - aber eigentlich, brummt er, nur ein gutes Arbeitstier: Harrison Ford über Handwerk, Pilotenglück und die Jagd auf Frischverliebte.

Er war Weltraum-Cowboy in "Star Wars", Schatzsucher in "Indiana Jones", Roboter-Jäger in "Blade Runner" und Präsident der Vereinigten Staaten in "Air Force One". Fast immer war er brillant, doch es gibt diese eine Rolle, die Harrison Ford so gar nicht liegt, obwohl er nicht schlecht davon lebt: Filmstar.

Als der 61-Jährige zerknittert und mit hängenden Schultern ins Zimmer schlurft, sieht er aus wie ein Rentner, den man gerade aus dem Mittagsschlaf gerissen hat. Kariertes Hemd, verwaschene Jeans, müde Augen. Jemand hat zuvor im Zimmer geraucht. Ford macht ein Gesicht, als würde die Toilette überlaufen, und öffnet vorwurfsvoll die Balkontür. Eine heikle Situation. Dass man mit ihm nun auch noch über "Hollywood Cops" sprechen soll, macht es nicht besser. Denn die konventionelle Action-Komödie über zwei Polizisten ist in den USA beim Publikum durchgefallen - und gehört sicherlich nicht zu Harrison Fords stärksten Rollen.

Herr Ford, in Ihrem neuen Film gibt es eine lustige Stelle ...

Nur eine lustige Stelle?!

Es gibt schon ein paar, aber in dieser einen sagen Sie zu Ihrem Polizistenkollegen, der Schauspieler werden will: "Mach das nicht, Schauspielerei ist was für Idioten." Haben Sie den falschen Beruf gewählt?

Das ist nur ein Spruch, der im Drehbuch stand, nicht meine Meinung. Ich bin kein Student der Filmwissenschaft. Ich komme morgens aufs Set, mache meine Arbeit und gehe abends wieder nach Hause.

Betrachten Sie diese Arbeit als Kunst oder als Handwerk?

Schon immer als Handwerk. Es ist doch ganz einfach: Du brauchst nur ein paar Kenntnisse über Licht, Kamera, die Idee des Regisseurs. Das ist alles. Andere warten darauf, dass die Muse sie küsst. Ich verlasse mich lieber auf mein Handwerk.

Anfang der 60er Jahre verdienten Sie Ihr Geld noch als Zimmermann. Was hat Sie nach Hollywood getrieben?

Das war nur ein Job, um über die Runden zu kommen. Nach dem College wusste ich, dass ich mein Leben nicht in einem Großraumbüro verbringen will. 40 Jahre auf einem Stuhl, zum Abschied eine goldene Uhr, das war nicht meine Welt. Ich suchte nach einem Abenteuer.

Was haben Ihre Eltern dazu gesagt?

Anfangs habe ich niemandem von meinen Plänen erzählt. Aber mein Vater hätte sicher nichts dagegen gehabt, er war Radio-Schauspieler, bevor er ins Anzeigengeschäft wechselte, und mein Großvater war Theaterschauspieler. Es gab also schon ein bisschen Showgeschäft in meiner Familie.

Als Sie anfingen, Anfang der 70er Jahre, begannen junge Regisseure wie Steven Spielberg, George Lucas und Francis Ford Coppola, am alten Hollywood-System zu rütteln ...

Ja, es war eine aufregende Zeit. Ich bekam 1964 meinen ersten Vertrag bei Columbia Pictures und wurde dort in ein Förderprogramm gesteckt. Die Idee war, junge Schauspieler zu Superstars aufzubauen. Nach sechs Jahren war ich der einzige Überlebende. Jeder andere in der Gruppe hatte aufgegeben.

Wie hat sich die öffentliche Wahrnehmung von Stars seit damals gewandelt?

Es war weniger hysterisch. Die Boulevardpresse war noch nicht allgegenwärtig und so erfolgreich wie heute.

Sie haben es jahrelang geschafft, nicht in die Klatschspalten zu kommen.

Bis sich meine privaten Lebensumstände änderten. Dann wurde die Jagd eröffnet.

Ihre Trennung im Jahre 2001 von Ihrer zweiten Frau, der Drehbuchautorin Melissa Mathison, und Ihre neue Beziehung zu der "Ally McBeal"-Darstellerin Calista Flockhart, die immerhin 22 Jahre jünger ist als Sie, haben Sie zum Liebling der Regenbogenpresse gemacht. War das ein Schock ?

Es war kein Schock. Es hat mich zur Weißglut gebracht. Zum einen, weil ich so etwas nicht gewöhnt war. Zum anderen, weil alles erstunken und erlogen war. In 98 Prozent der Geschichten bezog man sich auf "ungenannte Quellen" oder "enge Freunde". Es war alles Bullshit.

Machen Sie sich jetzt mehr Gedanken über Ihr Image ?

Ich bin nicht der Typ, der sich über so etwas den Kopf zerbricht. Ich halte mein Maul und gehe meinen Weg.

Welche Ihrer Rollen mögen Sie besonders?

So denke ich nicht. Ich habe kein Lieblingsessen, keine Lieblingsfarbe, kein Lieblingskind. Sie sind alle unterschiedlich.

Hatten Sie früher nicht einen Lieblingsschauspieler? Ein Vorbild? Einen Lehrer?

Natürlich gibt es Menschen, deren Arbeit ich bewundere, aber ich kann sie doch nicht imitieren. Ich lerne aus meinen eigenen Erfahrungen. Der Lehrer von Harrison Ford war Harrison Ford. Ich betrachte die Welt kritisch, nicht romantisch. Ich war schon immer ein kleiner Zyniker, der seine Unabhängigkeit genießt.

Haben Sie deshalb in den vergangenen Jahren mehr Zeit als Privatpilot in einem Ihrer drei Flugzeuge verbracht als auf Filmsets?

Das Fliegen ist wirklich wichtig für mich geworden. Es bewahrt mir meine Freiheit.

Woher rührt diese Leidenschaft?

Als ich vor acht Jahren damit anfing, hatte ich schon lange nichts Neues mehr gelernt. Ich wollte herausfinden, ob ich noch das Zeug hatte, ein staatlich geprüfter Pilot zu werden. Es ist die Kombination aus Freiheit und Verantwortung, die das Fliegen für mich reizvoll macht.

Fliegen Sie alleine?

Meistens. Oder mit Calista. Sie liebt es.

Sind Sie selbst nach Deutschland geflogen?

Nein, meinen Privatjet haben diesmal andere geflogen. Ich sitze dann hinten, trinke ein paar Cocktails oder schlafe. Ich bevorzuge allerdings kleine Flugzeuge, mit denen man ganz nah über die Berge fliegen kann, in die Täler hinein, sich vom Wind tragen lassen kann. Und was ich am allermeisten mag: Wenn ich da oben unterwegs bin und mit anderen Piloten spreche, dann bin ich nur "November 62 Bravo" und nicht Harrison Ford.

Interview: Andrew Berg/Hannes Ross