Heath Ledger in "Batman" Wer früher stirbt, ist länger Kult


Zu Lebzeiten hasste Heath Ledger den Rummel um seine Person. Nach seinem Tod wurde er erst recht zur öffentlichen Kultfigur. Womöglich erhält Ledger nun sogar posthum eine Oscarnominierung - wie James Dean und River Phoenix.
Von Annabel von Gemmingen

Mit jungen, auf tragische Weise ums Leben gekommenen Schauspielern ist das so eine Sache: Im Nachhinein wird unglaublich viel in das, was sie in ihren Filmrollen verkörpert haben, hineininterpretiert. Da ist schnell von seelischen Abgründen, ja einer merkwürdigen "Entrücktheit" des Darstellers die Rede. Dass diese Entrücktheit sich ganz von selbst einstellt, wenn ein Schauspieler eine Rolle - also nicht sich selbst - spielt, wird dabei übersehen. Filmfigur und reale Person des Verstorbenen verschmelzen zu einer Kunstfigur.

Nachdem man Heath Ledger am 22. Januar 2008 tot in seinem Bett vorgefunden hatte, ging der Kult um seine Person erst richtig los. Der gebürtige Australier wurde - durch Medien, Fans, Management und Filmindustrie - zu genau dem gemacht, unter dem er schon während seiner kurzen Karriere gelitten hat: zu einer öffentlichen Figur in den Medien, zu einem Star.

Ledger wollte kein Star sein

In der Öffentlichkeit entstand ein Bild von Ledger, das allein von den Filmrollen des 28-Jährigen geprägt war: Mal war er verängstigt und voll von Selbstzweifeln ("Brokeback Mountain"), mal charmant und selbstironisch ("Ritter aus Leidenschaft"), mal Herzensbrecher ("Casanova") und einmal sogar Drogenabhängiger ("Candy"). Am Ende hieß es, der öffentliche Ledger sei von allem ein bisschen.

Ironie des Schicksals, dass die Rolle, die ihm nun möglicherweise eine posthume Oscar-Nominierung einbringen wird, die einer besonders grellen Kunstfigur ist: Als "Joker" im Batman-Film "The Dark Knight" entstellten die Visagisten sein Gesicht zu einer dick geschminkten Maske: ein kalkweißes Gesicht mit blutunterlaufenen, unnatürlich lang gezogenen Mundwinkel, die sich zu einem irren Grinsen verzerren, dazu schwarz umränderte Augen - furchteinflößender und endzeitlicher sah bisher kein "Joker" aus. Ledger glänzt auf der Leinwand als ein vom Wahnsinn zerfressener Massenmörder, und man spürt, welche unbändige Freude er dabei gehabt haben muss.

Genie und Wahnsinn sind des Schauspielers Leisten

Leider nährt diese schauspielerische Glanzleistung den medial verbreiteten Irrglauben, der 28-Jährige habe am Set zu "The Dark Knight" düstere Einblicke in seine Seele gewährt, ja sein tragischer Tod sei geradezu vorhersehbar gewesen. Ein bisschen wie in der Schule, wo die Leiden des jungen Werthers so sehr unter die Lupe genommen werden, dass am Ende selbst dessen glückliche - "himmelhoch jauchzende" - Augenblicke noch als Ausdruck tiefster Depression gedeutet werden können.

Genie und Wahnsinn liegen eben dicht beieinander, auch beim "Joker". Und noch niemand hat dieses Spannungsverhältnis so treffend verkörpert wie Ledger. Aber das zeichnet einen guten Schauspieler nun einmal aus: dass er himmelhoch jauchzende Glückseligkeit und tiefste Trübseligkeit gleichermaßen auszudrücken vermag. Ledger war genau das: Ein guter, vielleicht sogar ein sehr guter Schauspieler. Dass er während der Dreharbeiten zu "The Dark Knight" über Ruhelosigkeit und Schlafstörungen klagte, muss noch lange nicht heißen, dass er lebensmüde war.

Wie ein Mythos entsteht

Was passiert, wenn die Nachwelt plötzlich Erklärungen für den viel zu frühen - und darum gern als "tragisch" apostrophierten - Tod eines Schauspielers sucht, lässt sich gut am Beispiel von River Phoenix und James Dean aufzeigen. Der eine brach im jungen Alter von 23 Jahren nach der Einnahme eines Drogencocktails leblos vor einem Nachtclub zusammen, der andere raste als 24-Jähriger mit seinem Porsche in den Tod.

James Dean, der Adrenalinjunkie und Autonarr, der für den großen Kick keine Sportart unversucht ließ, und River Phoenix, der Drogenselige, der die Natur liebte und die Öffentlichkeit scheute: Wie Ledger wird auch ihnen nachgesagt, immer ein wenig unglücklich gewesen zu sein, von Zeit zu Zeit mit sich und dem Leben gehadert zu haben. Schon bald nach ihrem Tod hieß es, ihr seelischer Gemütszustand habe sich in ihren Rollen widergespiegelt. So schafft man Mythen. Bis heute hat sich daran nichts geändert und auch Ledger ist sein Platz in der Riege der "jungen und wilden" Hollywood-Legenden längst sicher.

Der Tod als Kassenmagnet

Dass man aus einem toten Schauspieler mithilfe der Legendenbildung nachhaltig Kapital schlagen kann, wusste die Filmindustrie bereits in den 50er Jahren: Für seine beiden Rollen in "Jenseits von Eden" (1956) und "Giganten" (1957) erhielt James Dean posthum zwei Oscarnominierungen in der Kategorie "Bester Hauptdarsteller". Den Filmstart von "Giganten" hatte man nach Deans Tod extra ein Jahr lang hinausgezögert, um den Kult künstlich anzuheizen.

Auch von Ledger wird voraussichtlich noch ein zweiter Film nach seinem Tod erscheinen: Das Fantasy-Abenteuer "The Imaginarium of Doctor Parnassus" soll 2009 in die Kinos kommen. Es bleibt abzuwarten, ob auch dieser Film, dank Ledger, Wellen schlagen wird. Die Oscarnominierung für seine Rolle als "Joker" wäre jedenfalls äußerst hilfreich, um den toten Darsteller bis zum Start seines allerletzten Films weiter im Gespräch zu halten.

Dabei hätte Ledger bei nüchterner Betrachtung den Oscar auch so verdient. Aber wer geht mit dem Phänomen Heathcliff Andrew Ledger schon noch nüchtern um? Die Grenze von der Schauspielerverehrung zum Personenkult ist längst überschritten. Diesem großartigen Darsteller, der den Rummel um seine Person hasste, wird man damit nicht gerecht. Er lebte seine Rollen, ja - aber bedeutet das, dass seine Rollen ihn gelebt haben?


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