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Helen Mirren: Die Leinwand-Königin

In den Adelsstand hat Elizabeth II sie bereits vor drei Jahren erhoben. Nun ist Helen Mirren selbst "The Queen". Mit ihrem Porträt der Monarchin liefert sie das Meisterstück ihrer Karriere ab. Und wir wären überhaupt nicht amused, wenn sie dafür im Februar nicht den Oscar bekäme.

Von Irmgard Hochreither

Die britische Schauspielerin Helen Mirren posiert im Hamburger Hotel Atlantik. Mirren hat fuer ihre Rolle als Koenigin Elizabeth II. in dem Film "Die Queen" einen royalen Segen erhalten.

Die britische Schauspielerin Helen Mirren posiert im Hamburger Hotel Atlantik. Mirren hat fuer ihre Rolle als Koenigin Elizabeth II. in dem Film "Die Queen" einen royalen Segen erhalten.

Sie hat es einfach drauf. Das Majestätische. Für Nanosekunden hebt sich die linke Augenbraue, in den Mundwinkeln ein kaum wahrnehmbares Kräuseln - und dann noch diese Haltung des Kopfes. Feinster Windsor-Style. So lächelt nur die Königin von England. Und Drama-Queen Helen Mirren.

Seit ihrer brillanten Interpretation von Elizabeth II in Stephen Frears Kinofilm "The Queen" (ab 11. Januar in Deutschland) liegt der britischen Künstlerin die Welt zu Füßen. Beim vorigen Filmfest in Venedig gewann sie den Darstellerpreis für diese schauspielerische Meisterleistung, ein Golden Globe könnte dieser Tage folgen. Und als Krönung kommt vielleicht noch der Oscar obendrauf. Verdient hätte sie ihn. Sogar die echte Königin zeigte sich "amused" vom feinsinnigen Spiel der Doppelgängerin. Als außergewöhnliche Gunstbezeugung ließ "Lilibeth" kürzlich von ihrem Privatsekretär eine Einladung zum Lunch in den Buckingham Palace überbringen.

Die verehrte Mimin steht derweil mit den Füßen im Matsch. Der Drehort für ihren nächsten Film, "Tintenherz", liegt mitten im Wald bei Farnham, einem mittelalterlichen Städtchen rund 30 Meilen vor London. Die Leinwand-Königin bittet zur Audienz in den Wohnwagen.

Verblüffende Ähnlichkeit mit der echten Queen

Ein drolliger Witwe-Bolte-Kopfputz thront über dem fein geschnittenen Gesicht, das Samtgewand betont den zarten Körper der 61-Jährigen, die Füßchen stecken in überdimensionalen Filzpantoffeln. Helen Mirren spielt Elinor, die skurrile Büchersammlerin aus dem Bestseller von Cornelia Funke. Doch selbst in dieser Maskerade ist die Ähnlichkeit mit Britanniens Königin nicht zu übersehen. "Natürlich hat mein Styling, die Perücke, die ich im Film trage, diesen Eindruck verstärkt", sagt die Schauspielerin, "aber ich sehe ihr tatsächlich etwas ähnlich. Wenn ich heute ein Foto von ihr sehe, denke ich manchmal: Huch, das bin ja ich."

Als Produzent Andy Harries ihr die Rolle anbot, sei ihre erste Reaktion allerdings gewesen: "O mein Gott, das will ich nicht! Auf keinen Fall will ich etwas machen, das sich satirisch mit der Person der Königin auseinandersetzt. Keine Parodie, keine Scherze auf ihre Kosten, keine bösartigen Breitseiten." Doch dann kam das Drehbuch und verscheuchte ihre Skepsis.

Eine Mischung aus Komödie und Tragödie

Der Film spielt im Spätsommer 1997, als Lady Dianas Unfall in einem Pariser Tunnel die britische Monarchie in ihren Grundfesten erschütterte. Während sich die überbordende Trauer um den Verlust der "People's Princess" in dem täglich wachsenden Blumenmeer vor den Londoner Palasttoren manifestiert, hat sich die königliche Familie in ihrem schottischen Landsitz Balmoral verschanzt, geht zur Jagd und zeigt keinerlei öffentliche Gefühlsregung. Das ist die Stunde des frisch gewählten jungen Premiers Tony Blair, genial besetzt mit Michael Sheen. Durch diplomatische Beharrlichkeit bringt er seine in Etikette erstarrte Königin schließlich dazu, im Wortsinn Flagge zu zeigen. Auf Halbmast. Gegen das Protokoll.

Je tiefer, je intimer sich die Geschichte in das stets wie die Kronjuwelen gehütete Innenleben der Queen vortastet, desto mehr ist Helen Mirren um Respekt und Feintuning bemüht. Aber weil wir in Großbritannien sind, wo die Royals schon immer einen höheren Unterhaltungswert hatten als anderswo, mischen sich auch in diesem menschlichen Drama Komödie und Tra-gödie, öffentliche Erregung und private Regung.

"Kohlkopf" wird im Deutschen zu einem lahmen "Schatz"

So zum Beispiel, wenn der für seine derben Späße berüchtigte Prinzgemahl Philip im schottischen Schloss zu seiner Ehefrau ins Bett steigt und sie den Satz "rutsch mal rüber, Kohlkopf" mit amüsierter Noblesse überhört. (Leider ist der deftige Kosename in der deutschen Übersetzung zu einem lahmen "Schatz" gemildert.) Oder wenn Ihre Majestät schlechtes Benehmen mit einer Ausdruckslosigkeit quittiert, die Bände spricht. Wie beim Antrittsbesuch von Tony Blair im Buckingham-Palast, als sie dem nervösen Neuling mit ein paar knappen Regieanweisungen durch die protokollarische Prozedur hilft. Was soll sie auch sonst tun mit einem Kerl, der regelwidrig auf die Knie fällt und zu allem Übel noch einen feuchten Schmatz auf dem königlichen Handrücken platziert? Weil Helen Mirren eine Meisterin der Nuancen, der winzigen Gesten ist, werden solche Szenen zur Delikatesse. Sie lässt uns den Menschen hinter der Maske erahnen und führt uns gleichzeitig die Monarchie als absurd-komischen Anachronismus vor. Die Königin als Quastenflosser, als lebendes Fossil.

Nicht um das Porträt der Monarchin sei es ihr gegangen, betont Mirren, sondern um die Persönlichkeit einer Frau, die Elizabeth Windsor heißt und seit mehr als 50 Jahren mit Würde und eiserner Disziplin ihre Pflicht erfüllt. "In der Vorbereitung für diesen Film habe ich die Königin zum ersten Mal als Menschen betrachtet. Mit all den Ängsten, Hoffnungen und Träumen. Und nun habe ich mich regelrecht in sie verliebt." Sie habe sich gewünscht, dass die Queen "dieses Porträt sieht und sagt, mmmh, ja, irgendwie finde ich mich ein bisschen darin wieder". Und dieser Wunsch ist offenbar in Erfüllung gegangen.

Mirren hat Monarchie abegelehnt

Dass ausgerechnet Helen Mirren mit fast schon zärtlicher Sympathie über die Queen spricht, ist erstaunlich. Denn sie wuchs in einem durch und durch antimonarchistischen Haushalt auf. Ihr Vater, Wasily-Petrow Mironoff, stammte aus einer weißrussischen Aristokratenfamilie, die nach der Oktoberrevolution in London gestrandet war. Politisch wählte er die extreme Linke. Mutter Kathleen stammte aus einer Metzgersfamilie und hatte mit den Royals nichts am Hut. Und so wurde Helen als Ilynea Lydia Mironoff im Juli 1945 ins königsfeindliche Londoner Arbeitermilieu geboren. Die Anglisierung des Namens erfolgte erst in den Fünfzigern.

"Schon als junges Mädchen", sagt Mirren in ohrenbetörendem Oxford-Englisch, "habe ich die Institution der Monarchie abgelehnt. Denn sie war für mich und meine Familie die Garantin für das Weiterbestehen des Klassensystems. Diese unsinnige, in Ritualen erstarrte Ordnung hat mich irritiert. Und das ist bis heute so. Sie passt nicht zu meinen Ideen von Menschlichkeit. Wir gingen zur Kirche und sollten für die Queen beten. Warum?" Mit zunehmendem Alter sehe sie das Ganze allerdings in milderem Licht. "Ich denke heute, dass die Monarchie - ob man sie liebt oder hasst - auch eine starke bindende Kraft besitzt, über Klassengrenzen hinweg. Vielleicht ist sie also doch sinnvoll." Nur der Nachsatz "sogar für mich", geht beinahe in einem lauten, glucksenden Lachen unter.

Begegnung mit der Queen zur Adelung

Ein einziges Mal ist die Schauspielerin, die 2003 von Prince Charles als Dame Helen geadelt wurde, ihrer Königin bisher persönlich begegnet. "Es war in einem großen Zelt nach einem Polo-Match vor etwa fünf Jahren. Ich war in Gesellschaft von 400 anderen Gästen, wir tauschten Begrüßungsfloskeln aus. 20 Sekunden. Das war's." Hat sie Gemeinsamkeiten zwischen sich und der Queen entdeckt? Dame Helen lächelt und denkt nach. Dann: "Mein erster Instinkt war es auch immer, ein nettes, gehorsames Mädchen zu sein." Pause. Und weiter? "Aber ich habe alles getan, um dagegen anzugehen. Ich habe immer rebelliert, was sie sich nie erlauben konnte."

Die Rebellion begann mit dem frühen Wunsch, Schauspielerin zu werden, statt den Eltern zu folgen, die eine Lehrerin aus ihr machen wollten. Bereits mit 20 war sie ein Theaterstar am Old Vic in London. Zwei Jahre später schaffte sie die Aufnahme in die berühmte Royal Shakespeare Company. In ihrer mehr als 40 Jahre dauernden Karriere verstand sie es immer, souverän zu pendeln zwischen Theater, Kino und Fernsehen, zwischen großen historischen Frauenfiguren und gemeingefährlichen Grenzgängerinnen der modernen Gesellschaft. Mal in großer Robe, mal ganz ohne Stoff am Leib wie in "Kalender Girls". Sie war Caesonia in "Caligula" und die Zauberin Morgana in "Excalibur", sie jagte in der preisgekrönten TV-Serie "Prime Suspect" ("Heißer Verdacht") als Polizeiinspektorin Jane Tennison Mörder und Kinderschänder oder spielte unter der Regie von Robert Altman die Hausdame in "Gosford Park". Sie ging mit Theaterrevoluzzer Peter Brook ein Jahr lang auf Tournee durch Europa, Amerika und Afrika und hat sich bis heute ihre Lust bewahrt an riskanten, verrückten, obsessiven Experimenten.

Seit zwanzig Jahren glücklich liiert

Der Anker in ihrem Leben heißt Taylor Hackford. Helen Mirren lernte den US-Regisseur ("Ray") 1985 beim Dreh von "White Nights" kennen. Geheiratet hat sie ihn erst 1997. In der Silvesternacht. Mit ihm führt sie ein Nomadenleben zwischen Los Angeles, New York, London und Südfrankreich. "Aber so richtig zu Hause", gesteht sie, "fühle ich mich nur in England."

Dort, wo der Himmel grau ist, wo weicher Regen fällt - und die Queen "wie ein schöner alter Baum" für Beständigkeit sorgt. Irgendwie besitzt es eben doch eine magische Anziehungskraft. Das Majestätische.

  • Irmgard Hochreither