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Hildegard Knef: Wanderin zwischen Drama und Triumph

Anlässlich ihres 75. Geburtstags im Dezember 2000 gab Hildegard Knef dem stern ein Interview, mit der Bitte, keinen Fotografen mitzubringen. Es ging ihr miserabel. stern-Reporterin Gerda-Marie Schönfeld erinnert sich an ihren Besuch bei "der Knef".

"Bloß keine roten Rosen mitbringen" dachte sich stern-Reporterin Gerda-Marie Schönfeld auf dem Weg zu Hildegard Knef und entschied sich vielmehr für einen prächtigen exotischen Winterstrauß. Das war die richtige Wahl. Seit ihrem Hit "Für mich soll's rote Rosen regnen" wird nämlich die Knef bombardiert mit roten Rosen. "Dabei hasse ich die Dinger" sagte sie zur Begrüßung. Sie lebte damals, bereits schwer krank, mit ihrem Mann Paul von Schell in einem hübschen Dachgeschoss in Berlin-Zehlendorf. Ihr letztes Konzert absolvierte sie 1995. Zu ihrem 75. Geburtstag im Dezember 2000 gab sie dem stern ein Interview, mit der Bitte, keinen Fotografen mitzubringen. Es ging ihr miserabel. Hildegard Knef starb mit 76 Jahren im Februar 2002. Die Stadt Berlin spendierte ihr ein Ehrengrab.

Der Entzug war unerfreulich. Vier Monate stopfte Hildegard Knef Eiscreme in sich hinein, wurde stündlich dicker, hätte ständig die Tapeten von den Wänden zerren können, hat es dann doch geschafft, sich aus einer 50-jährigen süchtigen Liebesbeziehung zu retten: der Zigarette.

Nun ist sie clean und hat ein Lungenemphysem. Das kommt vom Rauchen. Das Atmen wird mühsamer. "Man fragt sich: Warum hast du eigentlich geraucht?", sagt sie und schnüffelt an ihrem Sauerstoffgerät. Weil die späte Frage ebenso überflüssig ist wie die späte Reue, gibt es jetzt in Berlin eine Hildegard-Knef-Stiftung zur Erforschung des Lungenemphysems.

Immer wieder rote Rosen

In ihrer gemütlichen sonnigen Berliner Dachgeschosswohnung sitzt eine Frau, die keine große Neigung zeigt, auf ihr Leben zurückzublicken. Von ihrem hellen Sofa aus schaut sie in die herbstlichen Bäume. Fast schmal wirkt sie in ihrem schwarzen Hosenanzug. Besucher mit Grippeverdacht werden auf Abstand gehalten. "Sie husten ja", sagt die Knef vorwurfsvoll und entschuldigt sich, allmählich werde sie zum Hypochonder, schon gar nach der letzten Lungenentzündung. Seit ihrem Hit: "Für mich soll's rote Rosen regnen" kommt sie blumenmäßig nicht mehr ungeschoren davon. Unerbittlich werden ihr rote Rosen in den Arm geschoben. Dabei kann sie die Dinger einfach nicht ausstehen.

Die Knef auf der Bühne und im Film - das war immer etwas Unverwechselbares. Schulterlange blonde Haare, ein intelligentes, schönes, nie süßliches Gesicht. Dazu eine Tonlage mit Charakter, gebrochen, rauchig, ein unverkennbarer Sprechgesang. "Die größte Sängerin ohne Stimme", wurde sie von Ella Fitzgerald genannt. Nur die stets viel zu dunkel umrandeten Augen wollten nie so recht passen zu diesem blonden Gesicht.

Berühmter als Günter Grass

Mehr als 60 Filme, sieben Bücher, dazu Konzerte und CDs - die Frau war stets in allen Disziplinen erfolgreich, als Schauspielerin, Sängerin, Schriftstellerin, selbst als Malerin. Berühmt-berüchtigt wurde sie vor 50 Jahren, als "Die Sünderin". Zum ersten Mal durfte für Sekunden ein nackter Frauenkörper auf der Leinwand erscheinen. Politiker, Pfarrer, das ganze Land spielte verrückt. Ihre Autobiografie "Der geschenkte Gaul", erschienen 1970, war ein weltweiter Bestseller, übersetzt in 17 Sprachen, mit einer Auflage von mehr als vier Millionen. Als Autorin war die Schauspielerin Knef in den USA plötzlich berühmter als der Schriftsteller Günter Grass. Die "New York Times" schrieb Elogen auf die Deutsche, die zweite "Kraut" in Amerika, neben Marlene Dietrich.

Ihre erste Begegnung mit Marlene in Hollywood schildert die Knef so: "Ich fühlte mich ein bisschen wie ein Konfirmandenkind, das eigentlich einen Knicks machen muss." Marlene füttert Hilde mit Vitamintabletten, hat immer eine Hausapotheke im Koffer, versorgt den Berliner Nachwuchs mit Kleid, Mütze, Hut und bekocht die Erschöpfte nachts nach deren Vorstellung von "Silk Stockings". Das Musical lief zwei Jahre und war ein Sensationserfolg. Hildegard Knef wurde damit der erste deutsche Broadway-Star in New York. Später, als die alt gewordene Marlene sich in Paris verbarrikadiert hatte, durften nicht mal gute Freunde in ihre Wohnung, auch nicht Hildegard Knef. Sie stand 1977 am Fenster ihres Pariser Hotels und winkte auf die andere Straßenseite, wo sich eine Gardine bewegte. "Behalt mich in Erinnerung wie früher", hauchte Marlene Dietrich ins Telefon. Die Knef hat das stets respektiert.

Ein Mythos, wie die Dietrich es schon zu Lebzeiten war, ist Hildegard Knef nie geworden, weder in Amerika noch in Deutschland. Sie war, anders als Marlene, keine Emigrantin. Vielmehr war sie, so wenige Jahre nach dem Krieg, die junge Frau aus Naziland. Das hat man sie in Amerika auch spüren lassen. Der Filmstar James Mason erinnert sich: "In Hollywood, wo nach dem Krieg die fürchterlichsten Holocaust-Nachrichten eintrafen, war der Hass der emigrierten Juden auf alles Deutsche unbeschreiblich. Darum war das plötzliche Auftauchen einer schönen blonden jungen Deutschen eine echte Sensation. Einen jungen blonden Mann hätten sie aus der Stadt gejagt. Bei einer kleinen Süßen wie der Knef sind sie alle schwach geworden."

Natürlich hat die kleine Süße auch in Hollywood Blessuren davongetragen. "Als ich jünger war, lief ich auf Menschen zu, wie junge Hunde es tun, die sich freuen, wenn Besuch kommt", sagt sie. Diese Zutraulichkeit ist ihr, wie sollte es anders sein, längst abhanden gekommen. Manchmal fürchtet sie ihr Publikum ebenso wie die Presse. Dann sind Journalisten feindliche Inländer, die nur darauf lauern, Fangfragen zu stellen und sie reinzulegen. Gar nicht zu reden von dem Typen in der vierten Reihe, der nur ins Konzert gekommen ist, um sie zu hassen.

Die Frage, warum einer 100 Mark ausgeben sollte, um sich in die vierte Reihe zu setzen und stundenlang die Frau auf der Bühne zu hassen, lässt sie nicht gelten. Da wird Hildegard Knef richtig störrisch. "Es ist so, ich weiß es, ich spüre es." Vielleicht braucht sie auch den Hasser in der vierten Reihe, um sich zu beweisen, dass neben dem Licht immer der dunkle Hammer hängt, der ihr gleich auf den Kopf sausen wird. Wer einmal durch die Bombennächte von Berlin gerast ist, hat das so eingeübt. Nach Kriegsende war die 19-Jährige als Gefangene der Roten Armee in Einzelhaft.

Angst vor Einsamkeit

Seither kann sie nicht mehr allein sein. Diese fast hysterische Angst vor Einsamkeit hält sie seit Jahrzehnten fest im Griff. "Ich habe fürchterliche Depressionen, wenn ich allein bin", sagt die Knef heute. "Schreckliche Bilder kommen in mir hoch." Auch, um diese Bilder wegzuarbeiten, hat sie gerackert wie ein Haushaltsvorstand. Nicht als Galionsfigur des Feminismus, eher mit der Selbstverständlichkeit einer berufstätigen Person. Das ist ungewöhnlich für eine Frau ihrer Generation, die eigentlich ein traditionelles Frauenleben zu erwarten hatte: Gattin, Mutter, Hausfrau; für den Lebensunterhalt sorgt der Mann.

Nicht bei ihr. Seit mehr als 50 Jahren spielt, singt, schreibt malt die Frau mit trotziger Energie um ihr Leben. Sie hat den ersten, zweiten und dritten Ehemann finanziert. Dazu Kind, Köchin, Kindermädchen. Dazu Miete und die Annehmlichkeiten eines zeitweise üppigen Lebensstils. Ein ganzer Clan hing immer an der Firma Knef. "Unser Hildchen", wie sie gern apostrophiert wurde, wenn sie Erfolg hatte, schuftete trotz grausamer Krankheiten - etwa 60 Operationen wurden an ihr vorgenommen - oft bis zur totalen Erschöpfung und garantierte so ihren Ehemännern den Monatsunterhalt. Im Gegenzug organisierten die Männer ihr Berufs- und Alltagsleben.

Der Mann an ihrer Seite

Auch Paul von Schell, Sohn eines ungarischen Diplomaten, dann Assistent des US-Regisseurs Robert Aldrich, schlüpfte umstandslos in die Rolle des Helfers, als ein solcher 1976 nach der unerfreulichen Scheidung von David Cameron gebraucht wurde. Das war, als Hildegard Knef gerade eine Brustkrebsoperation hinter sich hatte. Eine Erfahrung, aus der der nächste Bestseller, "Das Urteil", entstanden ist. Der 60-jährige ungarische Adlige Schell, aufgewachsen in Amerika, ist seit 23 Jahren der Mann an ihrer Seite. Mehr will er auch nicht sein. "Ich sorge zwar nicht für Engelchens Wohlstand, aber für ihr Wohlleben", sagt Paul von Schell. Er ist ein Ehemann, der einkaufen gehen kann, und dazu ein geübter Koch. Just in diesem Moment klingelt das Telefon, Tochter Christina aus Los Angeles will ein Sauerbratenrezept. Von Paul natürlich.

Das einstige kranke Sorgenkind, einzige Tochter der Knef, ist inzwischen 32 Jahre alt und verheiratet mit einem wohlhabenden Amerikaner. "Sie ist eine geniale Köchin, sie kann zwölf Gänge, besser als in jedem französischen Restaurant. Und nebenbei kümmert sie sich um kranke Raubtiere in einem Tierpark in Los Angeles. Sie führt ein absolut beneidenswertes kalifornisches Sonnenleben", sagt die Mutter zufrieden.

35 Millionen Mark

Wann immer sich ein Mann um die Finanzen der Künstlerin Knef gekümmert hat, war das von Übel. Die Berater, Agenten, Finanzmakler ließen sich die Gagen, Konzerteinnahmen aufs Konto überweisen und verschwanden, in der Regel nach Südamerika. Fast 35 Millionen Mark hat Hildegard Knef in den vergangenen 50 Jahren verdient. Sie hat gut gelebt, aber sie ist auch mächtig betrogen worden.

Und nun ist fast alles weg. Es scheint, als ob Hildegard Knef den geldwerten Vorteil ihrer Person nie wirklich geschätzt hat. Anders ist es nicht zu erklären, dass sie große Teile ihres Vermögens einfach verdusselt hat. Dies mit einer merkwürdigen Mischung aus Größenwahn, Zutraulichkeit und Leichtsinn. Und so ist das Thema Geld für sie eine bittere Niederlage, "in der, bitte schön, nicht mehr gebohrt werden soll".

Untrügliches Zeichen für Erfolg ist, wenn man imitiert wird. Sie ist oft imitiert worden. Viele Kleinkunstbühnen haben ihre Chansons im Programm. In Berlin machte kürzlich der Kabarettist Ulrich Michael Heissig Furore mit einer Persiflage auf das Leben der großen Knef. Seine Heldin ist die kleine Knef, die Zwillingsschwester Irmgard, die einmal für 15 Minuten berühmt sein will, statt jahrelang Trübsal zu blasen, nämlich Herrn Trübsal vom dritten Stock. Das Stück war ein großer Erfolg in Berlin. Nein, sie habe die Show nicht gesehen, sagt Hildegard Knef müde. "Aber es gibt viele, die gut von meinen Songs leben, es gibt noch so ein Kabarett in Amsterdam." Persiflage oder nicht - es ist immer eine Hommage. Auch die DDR bediente sich der Knef. Im Philosophie-Unterricht für Gymnasiasten wurde allen Ernstes die Chanson-Zeile "Der Mensch an sich ist einsam ...", herausgepickt, als Beispiel für Einsamkeit und Entfremdung im Kapitalismus. Als sie das hört, muss Hildegard Knef laut lachen.

Drei Ehemänner, eine eindrucksvolle Karriere, ein glückliches Kind, und nun wieder in Berlin - keine schlechte Bilanz für ein 75-jähriges Leben. Vielleicht wäre es an der Zeit, grübelt die Deutsche, die nach dem Krieg einen amerikanischen Pass hatte und nun einen britischen hat, aufs Amt zu gehen und einen deutschen Pass zu beantragen. Es wäre ihr erster nach 55 Jahren.