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Und jetzt ... Django Asül: Das Resttürkentum der Aygül Özkan

Da legte Christian Wulff politisch vor und engagierte eine türkische Ministerin. Dann wollte sie Kruzifixe entfernen - und wurde ruckzuck die Knef von Niedersachsen.

Eine satirische Abrechnung von Django Asül

Nicht wenige sahen in dem niedersächsischen Landesfürsten Christian Wulff eine Spaßbremse. Von diesem Makel hat er sich mit einem wahren Coup befreit. Normalerweise werden Politiker immer zu Witzerzählern oder setzen sich bei Thomas Gottschalk auf die Couch. Aber das war Wulff wohl zu banal. Er wollte eher dem politischen Establishment einen Streich spielen á la Michel aus Lönneberga. Und was liegt da näher, etwas Urdeutsches wie ein hohes landespolitisches Amt jemandem aus dem Ausland anzutragen?

Und so kam Wulff auf die Idee, einer gewissen Dame aus Hamburg ein Ministerium in Niedersachsen anzubieten. Eine an sich hochexplosive Konstellation. Ähnliche Brisanz verheißt traditionell nur ein Wechsel eines Spielers von Schalke zu Dortmund oder umgekehrt. Doch plötzlich stand Wulff da als Modernisierer der vermufften CDU.

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Denn die neue Dame sah nicht hanseatisch aus, hatte keine hanseatischen Gene und verbreitete Gedankengut, das in die Union so gut hineinpasst wie eine quietschgrüne Leggins in die Kanzlerinnengarderobe. Damit war klar: Wer Standpunkte vertritt, die sonst eher subversiven Krawallorganen wie Bundesverfassungsgericht, Grüne oder SPD zu Eigen sind, kann keine echte Deutsche sein. Nicht mal bei astreiner türkischer Genetik. Wulff selber sieht darin einen klassischen Fall von intellektueller Redundanz. Auf den ganzen Wirbel hin, den die alttürkische Neuministerin entfacht hat, meinte er nämlich ganz lässig: "In zwanzig Jahren wird man darüber lachen." Bei allem Verständnis, Stress und Hektik vermeiden zu wollen, muss doch mal mit Verlaub die Frage gestellt werden: Ist das nicht ein bisschen zu lang? Nichts gegen hintergründigen Humor, der nicht laut brüllend mit fliegenden Fahnen daherkommt. Aber diese zeitliche Verzögerung sollte der Ober-Niedersachse dem Volk nicht zumuten. Eine Unionsfrau, die nicht wie die Union denkt, als Antiwitz, den man erst zwanzig Jahre später kapiert, hat jedenfalls derzeit keinen leichten Stand. Weder in der Union noch in Deutschland.

Die historische Parallele, die Wulff zum aktuellen Fall zog, trägt daher auch nur bedingt zu einer Beruhigung bei. Er verglich Frau Aygül Özkan mit der Hildegard Knef, die sich im Film nackt zeigte und so einen Eklat sonders gleichen der damaligen cineastischen und mentalen Schwarzweiß-Republik verschaffte.

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Die Wulffsche These besagt also: Eine türkischstämmige Frau im Jahre 2010, die sich zu einem BVG-Urteil bekennt, ist moralisch so geachtet wie eine nackte Frau kurz nach dem Krieg, die nicht mal im angezogenen Zustand BVG-Urteile gelesen hat. Oder auf einen ganz einfachen Nenner gebracht: Das Bundesverfassungsgericht ist eine pornographische Anstalt. Zumindest gefühlt. Aber in zwanzig Jahren würde man das BVG als seriöse Einrichtung akzeptieren und sich nicht mehr drüber aufregen.

Jetzt schlägt natürlich wieder einmal die Stunde der Kritiker. Grüne und Sozis wollen Frau Özkan abwerben, weil die Union angeblich noch nicht so weit sei, eigene Meinungen zu verkraften, solange eine meinungsfreie Frau an der Parteispitze steht.

Leicht reaktionäre Kräfte hingegen wollen die neue Sozialministerin am liebsten gleich wieder los werden, ohne die ethnische Karte auszuspielen. Deshalb auch die immer öfter vorgetragene Forderung, man möge nur solche Personen zu Ministern machen, die nachweislich schon mal als Minister gearbeitet haben. Und genauso taucht die Frage auf, was denn bitte Modernisierung mit Türken zu tun hätte, da diese doch im Großen und Ganzen eher rückwärtsorientiert bis antieuropäisch unterwegs seien. Dazu trägt auch noch der Umstand bei, dass Frau Özkan mit einem Türken verheiratet ist. Gelungene Integration sieht doch anders aus. Auch wenn der Mann mittlerweile eingedeutscht und ein Arzt ist. Ein gewisses Resttürkentum bleibt da immer. Und vom Resttürken zum Restzweifel ist es ja wirklich kein weiter Weg.

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Gemäßigte Kreise dagegen unternehmen den Versuch, die wahren Beweggründe von Christian Wulff zu erörtern. Sie interessiert: Was will Wulff wirklich? Mehr Farbe im Kabinett? Das geht mittels Selbstbräuner und Haartönung wesentlich geräuschfreier und unspektakulärer. Alternativ werden halt ein paar Kabinettsitzungen draußen bei Sonnenschein abgehalten. Und es gibt selbst in der Union immer mehr Stimmen, die zu Sachlichkeit und Mäßigung aufrufen.

Schließlich habe die junge Frau weder versucht, in Lyon ein Tor gegen den FC Bayern zu schießen, noch habe sie den Griechen deutsches Geld im unbeugsamen Kampf gegen die Staatspleite versprochen.

Ein bisschen schade ist es um die anderen drei Neuminister im Kabinett Wulff. Die gingen nämlich komplett unter bei der Vereidigung. Nur weil sie keine türkischen Eltern haben, wurden sie von den Medien mit Nichtachtung bestraft. Da hilft auch keine schnelle Scheinehe mit einem türkischen Kassenarzt.

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Wulff hat aber eines gelernt aus diesem Vorfall: Im Wettlauf der Parteien um die größten Integrationsleistungen muss er in Zukunft höllisch aufpassen. Die Formel "Wenn ich einen asiatischstämmigen Niedersachsen im Bundeskabinett unterbringe, kann ich auch eine türkischstämmige Hamburgerin ins Landeskabinett hieven", geht nicht reibungslos auf.

Und die Union muss sowieso niemandem mehr beweisen, ob und wie integrationsfreudig sie sich präsentiert. Immerhin ertragen es CDU und CSU mit aufrechter Fassung, dass jemand aus dem Osten Kanzlerin ist. Ohne je in Niedersachsen Ministerin gewesen zu sein.