Interview Diane Kruger "Ich will eine Charakterschauspielerin werden"


Plötzlich tauchte sie 2004 in Hollywood an der Seite von Brad Pitt auf: Die Deutsche Diane Kruger spielte die schöne Helena in "Troja". Jetzt will sie mehr sein als schöne Staffage und spielt in dem Mandela-Film "Goodbye Bafana".

Frau Kruger, nach "Troja" und "Tempelritter", in denen Sie eine schöne Zierde an der Seite der Helden darstellten, spielen Sie in "Goodbye Bafana" eine Charakterrolle: Gloria, die Frau des Gefängniswärters von Nelson Mandela, die sich von einer Rassistin zu einer Gegnerin der Apartheid entwickelt.

Es ist bestimmt eine der anspruchsvollsten Rollen, die ich je hatte - eine Frau von 28 bis 48 zu spielen und noch dazu eine Rassistin. Auch Englisch mit einem südafrikanischen Akzent zu sprechen, war eine Herausforderung. Aber Gott sei dank bietet man mir nach "Troja" oder den "Tempelrittern" solche Rollen an.

Konnten Sie die Wandlung, die Gloria durchgemacht hat, nachvollziehen?

Für mich war das plausibel. Um mich mit der Rolle zu identifizieren, habe ich Gloria oft getroffen, ihr Fragen gestellt, sie nach ihren Gründen gefragt, warum sie nicht eher, wie ihr Mann, angefangen hat, ihre Meinung zu ändern. Und sie hat mir das so erklärt: Wir haben auf einer Insel gelebt, es gab kein Fernseher, keine Zeitung. Sie musste auf die Kinder aufpassen, ihr einziges soziales Netz bestand darin, als Friseurin zu arbeiten. Und auf einmal fing ihr Mann an, mit den Schwarzen zu sympathisieren. Das hat ihr Leben total kaputt gemacht. Kein Mensch wollte sich mehr bei ihr frisieren lassen. Die Kinder wurden bedroht, sie hatte Angst um die Sicherheit ihrer Familie. Das kann ich nachempfinden. Sie ist eine einfache Frau, keine Intellektuelle oder sehr emanzipiert.

Haben Sie Original-Schauplätze in Südafrika besucht?

Mit Gloria bin ich in die Townships gegangen, habe ihr Haus auf Robben Island besichtigt, wir waren in den Gefängnissen. So gut habe ich mich noch nie auf einen Film vorbereitet.

Was waren denn die wichtigsten Fragen, die Sie gestellt haben?

Haben Sie das wirklich an die Rassentrennung geglaubt? Haben Sie nicht gedacht, dass das schrecklich ist? Wie konnten Sie Ihren Kindern so was sagen? Sie hat versucht, das zu erklären. Aber wissen Sie, wie soll sie das erklären? Sie ist so aufgewachsen, nicht mit den Schwarzen aus einer Tasse zu trinken.

Wie waren denn die Dreharbeiten in Afrika?

Alle Leute waren so begeistert über diesen Film. Es ist ein Land, das seine Wunden heilen will. Viele der Schwarzen in unserer Crew waren selbst im Gefängnis. Überall, wo wir gedreht haben, wurden wir stark unterstützt. Auf der anderen Seite ist es gefährlicher geworden, dort zu leben als vor fünf Jahren als ich das erste Mal in Südafrika war. Während der Dreharbeiten ist sogar ein Freund von mir umgebracht worden. Wir haben noch mit ihm Abend gegessen. Auf dem Nachhauseweg wurde er entführt, nackt ausgezogen, zehn Stunden in den Kofferraum seines Autos gesperrt und am nächsten Morgen auf der Autobahn erschossen - nur weil sie sein Auto klauen wollten.

Hatten Sie Angst und das Gefühl, dass die politische Lage schlimmer geworden ist?

Nein, auf der anderen Seite gibt es ja mittlerweile eine schwarze Mittelschicht, Schwarze, die in die Restaurants und in die Shopping-Malls gehen. Aber man merkt auch, dass die schwarzen Jugendlichen viel Hass und Wut gegen die Weißen haben, weil sich ihnen immer noch nicht die gleichen Chancen bieten.

Wie war denn die Zusammenarbeit mit Joseph Fiennes?

Wir waren schon zwei Monate vor Beginn der Dreharbeiten in Südafrika, um den Akzent zu lernen. Wir hatten die gleiche Trainerin. Es war eine sehr professionelle Arbeit mit ihm. Er kommt aus der englischen Drama-School, und die bereiten sich intensiv auf die Rollen vor. Er hat zum Beispiel drei Tage im Gefängnis gelebt und dort als Wärter gearbeitet.

2004 waren Sie plötzlich unsere Frau in Hollywood. Was ist von dem Traum übrig geblieben und was hat Sie desillusioniert?

Der Traum ist intakt. Das Schöne war, dass mich "Troja" bekannt gemacht hat - obwohl ich das Gefühl habe, dass viele Leute mich nur als schöne Helena sehen und das war's. Auch wenn ich Ambitionen habe, eine Charakterschauspielerin zu werden und nicht nur als Dekoration zu dienen. Ich möchte mit Regisseuren drehen, die anspruchsvolle Themen machen und nicht unbedingt kommerziell arbeiten. Ich hoffe, dass es durch Filme wie "Goodbye Bafana" oder den Beethoven-Film "Klang der Stille" langsam, aber sicher in diese Richtung gehen wird. Ich bin mir sicher, dass die Hälfte der Journalisten den Film schrecklich finden, weil es ein politisches Thema hat, und andere Leute den ganz toll finden werden. Ich möchte Rollen spielen, die kontrovers sind.

Bekommen Sie denn vor allem solche Drehbücher angeboten, in denen Sie schöne Staffage sein sollen wie bei "Troja"?

Dauernd. Nicht unbedingt in Europa, aber in Amerika dauernd. Und es ist wirklich ein Kampf. Ich sage Nein zu 90 Prozent der Drehbücher, die ich erhalte.

Haben Sie jemals bereut, "Troja" gedreht zu haben?

Gar nicht. "Troja" war mein dritter Film. Wolfgang Petersen und Brad Pitt sind Leute, von denen ich damals noch nicht mal träumen konnte. Ich war auf der Schauspielschule in Frankreich und hatte französische Filme gedreht. Auf einmal bietet man mir solch ein Werk an.

Was ist Ihr nächstes Projekt?

Der zweite Teil von "Das Vermächtnis der Tempelritter 2". Der fängt in zwei Wochen an. Mit der gleichen Crew wie beim ersten Teil, Nicolas Cage, Regisseur Jon Turteltaub, alle sind wieder dabei, ich freue mich auf das Wiedersehen.

Sie sagten, Sie wollen gerne anspruchsvolle Rollen spielen, Filme mit einer Botschaft machen. "Das Vermächtnis der Tempelritter" gehört nicht in diese Kategorie.

Es war ein sehr erfolgreicher Film, und ich bin realistisch. Diese Blockbuster erlauben mir, Projekte wie "Goodbye Bafana" zu machen. Für eine unbekannte Schauspielerin, die kleine Filme dreht, würde niemand Geld in ein Projekt stecken. Außerdem sehe ich mir selbst gerne Blockbuster an. Ich schätze den Luxus schon, beim Drehen einen eigenen Wohnwagen zu haben und nicht im Hinterzimmer eines Studiogebäudes auf meinen Auftritt zu warten.

Für ihre Filme pendeln Sie zwischen Amerika, Frankreich und ihrer Heimat Deutschland. Wo fühlen Sie sich zu Hause?

In Paris. Ich habe letztes Jahr gerade eine Eigentumswohnung gekauft, die ich zehn Monate lang umbauen ließ. Dort bin ich zu Hause, obwohl ich letztes Jahr nur anderthalb Monate dort war. Ich mag Europa gerne, da bin ich schnell in Italien oder in Deutschland. Die meisten meiner Freunde leben in New York oder Los Angeles. Aber mir ist dieser ganze Celebrity-Wahnsinn zu extrem. Welche Designer zieht man an, auf welche Partys geht man, auf welchen Roten Teppichen muss man laufen - ohne das geht es in meinem Job nicht mehr. In Frankreich ist das nicht so.

Interview: Kathrin Buchner

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