Interview Mennan Yapo Ein Deutsch-Türke für Hollywood


Nach nur einem Film erhielt der deutsch-türkische Regisseur Mennan Yapo das Angebot, in Hollywood zu drehen. Jetzt ist sein US-Film "Die Vorahnung" in Deutschland angelaufen. Im stern.de-Interview redet Yapo über die Arbeit mit Sandra Bullock, die Arbeit in der Traumfabrik und die kleinen, aber feinen Unterschiede.

Herr Yapo, 2004 kam Ihr erster Film "Lautlos" in die Kinos. Kurz darauf erhielten Sie schon Angebote aus Hollywood. Waren Sie überrascht?

Ein bisschen schon. Nachdem mein Kurzfilm in Palm Springs lief, hatte mich ein Agent einer großen Agentur aus Los Angeles angesprochen. Ich sollte einen Spielfilm drehen, dann könne er für mich tätig werden. Als "Lautlos" dann fertig untertitelt war, hab ich ihn im April 2004 sofort rübergeschickt. Die Agenturen waren außer sich. Danach kamen dann bis zu zehn Drehbücher die Woche per Kurier. Es folgten 130 Meetings in Los Angeles mit allen Produktionsstudios. So stand ich 18 Monate später am Set.

Worum geht es in "Die Vorahnung"?

Die Geschichte dreht sich um die Hausfrau Linda Hanson, gespielt von Sandra Bullock, die eines Tages entdeckt, dass ihr Leben an einer Gabelung angekommen ist, an der sie alles in Frage stellt und verschiedene Wege ausprobiert, aber eigentlich nur, um wieder zu sich selbst zu finden. Zu ihrer Liebe, zu ihrer Familie, zu ihrem Mann. Ich fand ganz toll, dass der Stoff auch mit Trauerbewältigung zu tun hat. Mit dem Tod und wie das Innere dann durcheinander geraten kann.

Ist der Film ein Stück weit autobiografisch?

Ich kenne dieses Gefühl. Als ich das Drehbuch bekam, kannte ich diese Figur. Zwei Jahre lang hatte ich sehr intensive Träume. So stark, dass ich nach dem Aufwachen nicht wusste, ob das Erlebte real war. Wenn im Traum ein Freund starb, hatte ich wirklich Angst ihn anzurufen. Das war eines dieser Gefühle, die auch dieser Film haben musste. Wie Linda diese Tage durchlebt, konnte ich total nachvollziehen.

Sie haben vom Produzent bis zum Drehbuchautor beinahe alle Stationen der Filmproduktion abgearbeitet. Sogar als Nebendarsteller in "Good bye, Lenin!". Warum die späte Berufung zum Regisseur?

Ich habe schnell begriffen, dass die Arbeit eines Regisseurs der eines Dirigenten ähnelt. Du musst deine Instrumente kennen. Und du musst diese Menschen kennen, die diese Instrumente spielen. Ich hab mir gesagt: Nimm dir Zeit, schau dir alles an. Ich will sicher sein. Ich glaube, das war der richtige Weg.

Hatten Sie immer das Fernziel, Regisseur zu werden?

Das kam 1990. Ich habe mich gefragt: Besuche ich eine Filmschule oder besser nicht? Wenn der Traum ehrlich ist, schaffe ich es auch alleine. Das ist umso härter, keine Frage. Jeden Tag muss man sich fragen: Hast du dich stark genug bemüht, alles gegeben, um deinen Traum zu erreichen? Es war ein harter Weg und hat ab 1990 neun Jahre gedauert bis zu meinem ersten Kurzfilm. Dann weitere drei Jahre bis "Lautlos". Und dann noch mal zwei ganze Jahre bis "Die Vorahnung".

Nach 18 Monaten in den USA: Gibt es Unterschiede zwischen deutscher und amerikanischer Arbeitsweise?

Ja, aber mehr auf organisatorischer Ebene. Die Wohnwägen und LKWs sind größer. Und die Egos vielleicht auch. Es wird immer ein großer Aufwand betrieben. Du hast zwei oder drei Leute, wo du hier einen hast. Groß ist der Einfluss von Gewerkschaften beim Dreh. Hier packt jeder mit an. Jeder hat zwar seinen Bereich, aber man ist ein Team. Dort ist es ein bisschen anders. Wenn unter einem Stuhl eine Matte liegt, die der Tonmann dort abgelegt hat, darf er diesen Stuhl aber nicht anfassen. Der Stuhl gehört ja zur Ausstattung. Dafür ist der Set Decorator verantwortlich. Selbst der Regieassistent darf den Stuhl nicht anfassen. Also muss er erst den Set Decorator holen. Ich hab aber nach einem Tag erfahren, dass ich als Regisseur alles anfassen darf. Da haben sich natürlich alle schlapp gelacht und gefragt, was denn der Europäer da veranstaltet.

Wie war die Arbeit mit Sandra Bullock?

Ganz toll. Sie ist sehr menschlich. Das Gute ist, dass sie selbst Filmemacherin ist. Sie hat also immer versucht, das Beste für den Film rauszuholen und mit mir gekämpft: Soll ich irgendwo einen Aufstand machen? Brauchst du was? Weil sie so gut deutsch spricht, hatten wir natürlich gleich eine enge Verbindung. Auch jetzt stehen wir noch in engem Kontakt und schreiben uns alle paar Tage E-Mails.

Größen wie Wolfgang Petersen und Roland Emmerich haben den Weg für Deutsche nach Hollywood geebnet. Sind die Amerikaner zurzeit verrückt nach Deutschen?

Das hat ja historische Wurzeln. In den Dreißigern hat es ja die erste Welle deutscher Filmemacher in Hollywood gegeben. Komponisten, Regisseure, Kameramänner. Wir haben einfach den Ruf von Genauigkeit, Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit. Wir sind ja harte Arbeiter. Ich finde, es spricht für die deutsche Filmszene, dass Deutschland Talente generieren kann. Zurzeit sind sogar zwölf Regisseure in Hollywood aktiv.

"Die Vorahnung" kommt fast ohne Spezialeffekte aus und hat eine sehr verschachtelte Geschichte. Wie haben die Amerikaner nach Effektfeuerwerken wie "Transformers" auf solch einen Film reagiert?

Sehr gut. Der Film hat 50 Millionen Dollar eingespielt. Das ist viel, weil er nur 20 Millionen gekostet hat. Er ist eben sehr emotional. Ich glaube, dass sich hier ein Trend herausbildet. Zum einen diese bombastischen Filme wie "Transformers", die ein Ereignis darstellen, und solche wie "Die Vorahnung", die nach innen gehen, zur Emotion, zur einfachen kleinen Geschichte.

Werden Sie Deutschland nach Ihrem Erfolg erhalten bleiben?

Ich versuche, beides hinzubekommen. Mein neuestes Projekt heißt "The Ambassador". Ein großer und aufwendiger Thriller. Die Geschichte spielt in Berlin und soll auch dort gedreht werden. Das wäre natürlich ideal für mich als Wahlberliner. Aber auch in Deutschland stehen einige Projekte an. Trotzdem versuche ich, die Ruhe zu bewahren. Ich muss jetzt nicht gleich eine Villa kaufen, so wie es ja doch einige machen. Man muss nicht gleich ausflippen, weil man jetzt einen Film gemacht hat. Ich liebe Deutschland und es gibt einfach Geschichten, die ich auch hier erzählen möchte.

Interview: Felix Disselhoff

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