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Interview zu "Radio Rock Revolution": "Die besten Jahre sind schrecklich"

Filme wie "Vier Hochzeiten und ein Todesfall" und "Tatsächlich Liebe" haben Regisseur Richard Curtis zum Meister der romantischen Komödie gemacht. stern.de hat ihn gefragt, was nach dem Happy End kommt.

Von Sophie Albers

Er hat Hugh Grant entdeckt und der Liebeskomödie einen britischen Akzent verpasst. Ohne Richard Curtis gäbe es weder "Vier Hochzeiten und ein Todesfall" noch den "Bridget Jones"-Film und auch nicht das Über-Mädchenkino von "Tatsächlich Liebe". Doch Curtis kann auch anders: Angefangen hat der Drehbuchautor und Regisseur mit brachialer britischer Komik in den TV-Serien "Mister Bean" und "Blackadder". Nun hat der 52-Jährige einen Film ohne Romantik, ohne Mister Bean und ohne Hugh Grant gemacht: die Pophommage "Radio Rock Revolution".

Mister Curtis, wo ist Ihr Lieblingsschauspieler? Wo ist Hugh Grant?

Ich glaube in New York mit Sarah Jessica Parker. (lacht) Diesmal gab es keine Rolle für ihn. Wenn er bereit gewesen wäre, sich einen Schnurrbart wachsen zu lassen, vielleicht... Hugh ist einer der am wenigsten an Pop interessierten Menschen auf der ganzen Welt. Er besitzt drei Alben. Das Beste von David Cassidiy, Joseph and the Amazing Technicolor Dreamcoat und The Carpenters. Er ist nicht der Mann für Popmusik.

Also wollten Sie tatsächlich Schauspieler, die sich mit Musik auskennen?

Sie sollten sie zumindest nicht hassen.

Wie kommt man auf die Idee, einen Film über acht größenwahnsinnige Männer auf einem Boot zu drehen?

Der Wunsch, diesen Film zu machen, kam aus zwei Ecken: Zum einen liebte ich die Idee, einen Film über nichts als Popmusik zu machen. Zum anderen arbeite ich tatsächlich in einem Büro mit acht anderen: Da sitzen Schriftsteller, ein Journalist, ein Regisseur. Eines Tages habe ich über Piratensender nachgedacht und darüber, wie großartig es wäre, die acht größten und größenwahnsinnigsten DJs Großbritanniens in so ein Büro zu packen, wo sie zusammen arbeiten müssen und zusammen leben müssen. Jeden Tag, ohne Familien. Diese Idee von massiven Egos auf einem Haufen, die nicht fliehen können, fand ich lustig.

Sie sind der Meister der romantischen Komödie. Haben Sie eine Formel gefunden?

Sobald ich sie gefunden habe, höre ich auf. Es ist keine gute Idee nach Formeln zu schreiben. Als ich damit angefangen habe, waren wir uns alle einig, dass es darum geht, dass wir es witzig finden, und nicht, dass die Leute es witzig finden werden. In dem Augenblick, in dem du weißt, dass eine romantische Komödie mit zwei Menschen anfängt, die nicht zusammenpassen, dann kommen sie zusammen, dann streiten sie sich, und am Ende küssen sie sich im Regen, musst du aufhören! "Vier Hochzeiten und ein Todesfall" war ehrlich gesagt gar nicht als romantische Komödie geplant, obwohl es zu einer total romantischen Komödie geworden ist. Ich habe an drei Filme gedacht, als ich das Drehbuch geschrieben habe: "Breaking Away", "Gregory's Girl" und "Diner". Und das sind alles Filme über Typen, die zusammen rumhängen. Liebe kommt auch vor, aber ich dachte, ich schreibe mehr über die soziale Gruppe als über Liebe. "Nottinghill" war dann wirklich als romantische Komödie gedacht. Drei hatte ich noch im Kopf, und die habe ich alle in "Tatsächlich Liebe" gepackt. Das war's. Das war der Plan. Ich habe noch an "Bridget Jones" mitgeschrieben, aber das war für meine Freundin Helen Fielding.

Also wird es keine Liebeskomödien mehr von Ihnen geben?

Nein. "Radio Rock Revolution" ist ein Film über die Phase vor der Freundin. Dieser Film ist über die 60er und das Boot, aber vor allem darüber, dass die meisten Leute nach der Schule in eine schreckliche WG ziehen. Zwei Leute magst du, zwei nicht. Mit einer Person hast du aus Versehen geschlafen. Eine Person schläft mit allen, eine mit niemandem. Du hörst die ganze Zeit Musik, und das Essen ist widerlich. Ich habe jedenfalls zwischen 1978 und 1982 so gelebt. Wir haben Police gehört und Madness und Abba und Elvis Costello. Du hast einfach nur mit deinen Freunden rumgehangen, fettiges, ekeliges Zeug gegessen und hättest glücklich sein können. Aber du suchst nach der Liebe, die zum nächsten Level führt. Das macht diese Zeit deines Lebens so verrückt. In "Radio Rock Revolution" geht es um diese Zeit.

Glauben Sie an das Konzept der guten alten Zeit?

Nein. Jeder hat sie, das meinte ich mit 25, aber sie sind ja immer auch schrecklich wegen Unsicherheit, Herzschmerz oder einem schlechten Job. Es gibt auch heute tolle TV-Serien, tolle Filme und tolle Musik. Die wird es immer geben, so wie es auch immer schlechte geben wird. Ich sehe an meinen Kindern, dass Popmusik heute genauso wichtig ist wie für mich damals. Das ist wie mit der Liebe. Das ist ein durchgehendes Thema. Meine Tochter durchlebt gerade mit Songtexten Verliebtheit und Liebeskummer. Die guten alten Zeiten sind für Leute, die von der Gegenwart enttäuscht sind.