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"Casino Royale": Pokerface mit Hang zur Monogamie

Der 21. Bond-Film ist chronologisch betrachtet der erste: Casino Royale zeigt, wie aus James Bond der gefürchtete Geheimagent 007 wird. Daniel Craig macht seine Sache erstaunlich gut - nur der Charme geht ihm noch etwas ab.

Von Carsten Heidböhmer

Daniel Craig als James Bond

Daniel Craig als James Bond

Mein Name ist Bond, James Bond": Erst ganz am Schluss, nach 140 Minuten voller Action, Spannung, psychologischen Spielchen und einer breit ausgewalzten Liebesgeschichte, sagt der Agent seinen berühmtesten Satz. Dass er sich damit so lange Zeit ließ, hat durchaus seinen Grund: In "Casino Royale", der Verfilmung des ersten Bond-Romans von Ian Fleming, muss der Held erst zu dem werden, der er ist - einem gefürchteten Geheimagenten. Die Selbstfindung ist hier sogar eine doppelte. So wie der unerfahrene James nicht vom ersten Tag an die Abgebrühtheit von 007 besitzt, muss Schauspieler Daniel Craig in die großen Schuhe seiner Vorgänger hineinwachsen. Das ist ihm - allen im Vorfeld geäußerten Bedenken zum Trotz - geglückt, auch wenn noch etwas Raum für Entwicklung bleibt.

Der Vorspann des Films, in dem üblicherweise die Bösen dieser Welt an abgelegenen Orten finstere Waffengeschäfte tätigen oder Mordkomplotte schmieden, widmet sich ganz dem neuen Helden. Wir sehen in dokumentarischen Schwarz-weiß-Bildern, wie der einfache Geheimdienstmitarbeiter Bond seine ersten beiden Morde verübt. Diese sind die Voraussetzung dafür, dass ein Agent seine Doppel-Null und damit die Lizenz zum Töten erhält. Als die Handlung beginnt, ist aus Bond bereits 007 geworden. Nun ist er mit fast allem ausgestattet, um die nun folgenden Verwicklungen zu überstehen. Was ihm noch fehlt, wird er bis zum Ende gelernt haben.

Dienst geht vor

Der britische Geheimdienst ist einem Finanzier des internationalen Terrorismus auf den Fersen. Bei seinem ersten Einsatz macht Bond von seinem Tötungsrecht gleich kräftig Gebrauch - und zieht eine Blutspur von Uganda über Hawaii bis nach Miami, wo er immerhin einen Anschlag auf ein Flugzeug vereitelt. In der Zwischenzeit haben wir erfahren, wie Bond zu seinem legendären Auto, dem Aston Martin DB5 gekommen ist - er hat ihn beim Pokern gewonnen. Als weitere Trophäe nimmt er zusätzlich die Geliebte des Unterlegenen mit auf sein Zimmer. Bevor es jedoch zwischen den beiden ernst wird, ist Bond längst wieder über alle Berge. Frühere Bonds hätten sich die Gelegenheit zum Schäferstündchen mit der attraktiven Solange (Caterina Murino) niemals entgehen lassen. Ganz anders der Neue: Hier hat der Dienst Vorrang, und so lässt er die Schöne kurzerhand alleine zurück - nicht ohne zuvor noch Champagner und Kaviar "für eine Person" bestellt zu haben, so viel Stil muss schon sein!

Das Herzstück des Films spielt im Casino von Montenegro. Dort kommt es am Pokertisch zum großen Showdown zwischen Bond und dem Terror-Finanzier Le Chiffre, großartig gespielt von dem dänischen Schauspieler Mads Mikkelsen ("King Arthur", "Adams Äpfel"). Die beiden treiben die Summen in astronomische Höhen, bis schließlich 115 Millionen Dollar auf dem Spiel stehen. Die Schauspieler ziehen hier alle Register ihres Könnens, um die Spannung am Spieltisch rüberzubringen, die Psychotricks und die Bluffs der Kontrahenten sichtbar zu machen.

Cool und durchtrainiert

Es sind die stärksten Momente von Craig. Mit seinem unbewegten, klaren Blick ist er ein Pokerface par excellence: so cool, so kontrolliert! Auch in den Actionsequenzen erweist sich der Brite als klarer Punktsieger gegen seine Vorgänger. Lange hat man keinen James Bond mehr gesehen, der einen derart durchtrainierten Körper auf der Leinwand präsentiert.

Dagegen vermisst man die Leichtigkeit und Selbstironie, der die Bond-Filme seit jeher ausgemacht hat. Humor scheint seine Sache nicht, und allzu oft verzieht Craig seinen Mund zu einer Entenschnute. Waren seine Vorgänger Sean Connery, Roger Moore und zuletzt Pierce Brosnan regelrechte Charmebolzen, bleibt Craig auch im Kontakt mit Frauen stets leicht unterkühlt. In "Casino Royale" wird ihm nur eine Liebschaft zugestanden - mit der hinreißenden Eva Green ("Die Träumer"), die die Finanzbeamtin Vesper Lynd verkörpert. Dass es zwischen beiden mächtig knistert, ist aber vor allem den Dialogen zu verdanken, an denen auch der Oscar-Preisträger Paul Haggis ("L.A. Crash") mitgeschrieben hat.

Als Bond Gefühle entwickelt und sich dazu bekennt, gleitet der Actionkracher kurzzeitig in eine Schmonzette ab, was das Tempo drosselt und die Spannung abfallen lässt. Den jungen Agenten hat es so stark erwischt, dass er Vesper zuliebe den Beruf an den Nagel hängen will und seiner Chefin M (wie immer großartig: Judy Dench) eine Kündigungsmail schreibt. Doch zum Ende hin hat er auch in Liebesdingen seine Lektion gelernt. Noch einmal wird sich dieser Bond von seinen Gefühlen nicht weichkochen lassen. Mit dem letzten Satz bekräftigt er, dass seine Selbstfindung nun abgeschlossen ist. Künftig wird sich Craig-Bond auch in Bezug auf Frauen ganz als der coole Hund erweisen, der er beim Töten längst geworden ist.