HOME

Johnny Knoxville: Philosoph der Dummheit

Seit zehn Jahren lässt sich Johnny Knoxville für "Jackass" vor laufender Kamera anpinkeln, zusammenschlagen oder vom Baum holzen. Jetzt auch in 3D. Aber zumindest in Berlin war der Extrem-Clown zum Heulen.

Von Sophie Albers

Angespannt ist er, hat die Bierflasche fest im Griff, die er auf amerikanische Art in eine Papiertüte gesteckt hat. In eine Kotztüte, genauer gesagt, aber dazu später. Johnny Knoxville, fleischgewordener Wahnsinn aus einer Überdosis Pubertätshormonen und zuweilen fast melancholischer Todessehnsucht, steht im Keller des Berliner Clubs White Trash und starrt immer wieder mit dämlich geöffnetem Mund in Kamerablitzlichter. Sobald das Foto geschossen ist, klappt der Mund zu, und in den dunklen Augen scheint der letzte Rest Licht auszugehen. Dann spricht er mit hartem Mund ein paar knappe Worte mit seinem Bodyguard oder Regisseur Jeff Tremaine, der neben ihm steht und definitiv mehr Spaß hat.

Keine Ahnung, wofür die Jungs 20 Millionen Dollar Budget ausgegeben haben, aber der dritte "Jackass"-Film ist fertig und hat in den USA in nicht einmal zehn Tagen knapp 87 Millionen eingespielt. Neu ist eigentlich nichts in der Welt des Schmerzes, der Fäkalien und des Schwachsinns. Nicht einmal die dritte Dimension verschafft den Stuntmen Tiefe. Aber darum geht es ja auch nicht in "Jackass 3D", der am Montag in Berlin Europapremiere gefeiert hat, und der am Donnerstag in die Kinos kommt.

"Einfach gegen den Wind pissen"

Das Bier stecke in der Tüte, weil er eben altmodisch sei, sagt Knoxville, klappt den Mund auf, reißt die Augenbrauen nach oben, Foto, Mund zu. "Ist doch toll hier", sagt er müde. Das Haar ist Ton in Ton mit den dunklen Augenringen. Egal wie häufig man schluckt, das Wort "bitter" liegt einem auf der Zunge. Verdammt noch mal, wo ist der "Jackass"-Spirit? Wo ist das "einfach gegen den Wind pissen"?

Eben hat er noch im Kino gesessen, jedenfalls kurz. "Ich dachte, dass wird 'ne Pressevorführung oder so was", lallte der mit welchen Mitteln auch immer dichte "Jackass"-Star Bam Margera auf dem roten Teppich und versuchte, Werbung für eine Band zu machen, die keiner kennt. Den geradezu künstlerisch gelungenen Vorspann (zu dem auch ein geradezu künstlerisch gelungener Abspann gehört) schaut Knoxville sich an. Mit ernstem Gesicht, Finger am amerikanisch-markanten Kinn, 3D-Brille auf der Nase. Eine Nase, die so häufig gebrochen war, dass er den Geruchssinn verloren hat. Auch die ersten Stunts - Steve-O lässt sich einen Baseball ins Gemächt schlagen oder die Jungs machen Faxen hinter einer Flugzeugdüse - bringen ihn nicht zum Lachen. Einmal singt er mit, dann sieht er zu, wie er sich selbst von ein paar Buffalos über den Haufen rennen lässt. Dann geht er.

"Sind Sie furchtlos, Mister Knoxville"

Zwei Stunden bevor Knoxville sich kurz im Kinosessel ausgestreckt und das keine Ahnung wievielte Bier des Tages getrunken hat, saß er noch in einem Nobelhotel und parlierte todernst über seinen "Jackass"-Job.

"Was halten Sie vom Tod, Mister Knoxville?"
"Wir reden immer mal wieder drüber. Das Wissen darum ist da, aber bisher hatten wir Glück." Er klopft drei Mal auf den Tisch und lacht ein raues Lachen, das nicht tiefer reicht als bis zur Kehle. Er sieht echt fertig aus, wird später ein Kollege flüstern.
Es folgen die Fragen nach der Angst, die sich einfach stellen, wenn man sieht, wie die Jungs sich ins Unglück werfen. Sei es vor einen aggressiven Bullen oder mit einem Jetski über einen Gartenzaun.

"Sind Sie furchtlos, Mister Knoxville?"
"Nein. Ich habe manchmal Schiss. Aber ich glaube, meine Angst offenbart sich in lautem Lachen." Er wirft den Kopf zurück und zeigt seine vortrefflich renovierten Zahnreihen. Diesem Versprechen auf einen tieferen Blick in die "Jackass"-Seele folgt dann aber nur Geschäftsmannsgequatsche: "Der Schauspieler in mir will wegrennen, aber der Produzent in mir bleibt dann einfach stehen. Wenn du coole Aufnahmen willst, musst du stehenbleiben." Er zuckt mit keiner Wimper.

Es muss echt sein

Gut, werden wir eben gemein.
"Sind Sie nicht irgendwann zu alt dafür?" Knoxville ist 39, auch wenn er älter aussieht.
"Alles, was ich tun muss, ist Stehenbleiben, wenn der Bulle kommt. Das kann man in jedem Alter."

Noch gemeiner. Ran an die Stuntman-Ehre: "Einige Szenen im Film sehen ziemlich gestellt aus."
Er macht sich gerade: "Alles ist zu 100 Prozent echt! Nichts nervt mich mehr, als wenn ich online etwas schreiend Komisches entdecke und dann merke, es ist gestellt. Alles außer Vor- und Abspann des Films sind echt. Alles muss echt sein, sonst betrügen wir die Leute." Das sagt er auch einer Journalistin, die ihn nach dem Interview abfängt und fragt, ob er in eine Currywurst beißen und so tun könne, als sei die total scharf. "Es muss echt sein", murmelt er etwas unentschlossen, und gibt die Wurst an seinen Bodyguard weiter.

Vielleicht ist es einfach doch nicht so befriedigend, wie man denkt, wenn jemand wortwörtlich Scheiße zu Gold macht. Knoxville klappt den Mund auf, reißt die Augenbrauen nach oben, Foto, Mund zu. Das hier ist nicht seine Party.

Themen in diesem Artikel