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Lars von Trier im Interview "Ich mag ein Schwein sein, aber ein Nazi bin ich nicht"


Eine unüberlegte Äußerung - und plötzlich sah Filmemacher Lars von Trier die Festivaltüren von Cannes nur noch von außen. Im Interview spricht er über seine Erfahrung mit dem Trubel danach - und warum er einer Entschuldigung nicht viel abgewinnen kann.

Lars von Trier gilt seit Jahren als das Enfant terrible der Filmszene. Mit seinen Werken wie "Antichrist" und "Dogville" provoziert er regelmäßig die Kinogänger. Bei den diesjährigen Filmfestspielen in Cannes sorgte er dann bei der Präsentation link;http://www.stern.de/kultur/film/filmstart-melancholia-so-schoen-kann-der-weltuntergang-sein-1735256.html;seines neuen Films "Melancholia"# sogar für einen der größten Eklats in der Geschichte des Festivals: In einer Pressekonferenz verrannte sich der 55-Jährige verbal und fasste seine Ausführungen zu seiner deutschen Herkunft mit den Worten "Ich bin ein Nazi" zusammen. Einen Tag später wurde der Däne vom Festival zur unerwünschten Person erklärt - und gab nur wenige Stunden später der Nachrichtenagentur dpa und anderen Medien Interviews - zu den umstrittenen Äußerungen und zu seinem Film.

In einem verschlafenen Bergdörfchen etwas abseits von Cannes. Von Trier empfängt die Journalisten in dem Garten eines Nobelhotels, unter Sonnenschirmen und bei Vogelgezwitscher. Er selber sitzt in einem Ledersessel, hinter ihm ein antiker Raumteiler mit Stiefmütterchen-Muster. Von Trier, der seit seiner Kindheit wegen Depressionen in Behandlung und getrieben von zahlreichen Phobien ist, gibt sich selbstbewusst, doch seine Hände zittern immer wieder.

Wie fühlen Sie sich?

Von Trier:

"Schrecklich (lacht)."

Können Sie das etwas ausführen?

Von Trier:

"Ich bin heute auf der ersten Seite einer großen dänischen Zeitung und die titelt "Nazi-Schwein". Positiv interpretiert ist das interessant. Meine Familie ist darüber aber natürlich nicht so glücklich. Die Leute in dieser Zeitung wissen eigentlich auch, dass ich kein Nazi bin. Ich mag ein Schwein sein, aber ein Nazi bin ich nicht. Aber das ist eben, wie solche Medien funktionieren."

Warum haben Sie solche Sätze überhaupt gesagt?

Von Trier: "Ich denke, wenn ich so etwas dänischen Medien in Dänemark gesagt hätte, dann hätten die verstanden, auf was ich hinauswill."

Entschuldigen wollen Sie sich also nicht?

Von Trier:

"Ich hasse das Wort "Entschuldigung". Denn das ist für mich ein sehr hohles Wort, das oft sehr oberflächlich benutzt wird und etwas sehr Amerikanisches ist. Ich muss immer noch daran denken, wie (der ehemalige US-Präsident) Bill Clinton das zu seiner Frau gesagt hat - und alle nur gelacht haben. Denn: Welchen Unterschied macht das? Ich möchte mich dagegen dafür entschuldigen, dass sich Leute wegen meiner Äußerungen schlecht fühlen. Ich wollte nicht, dass Leute sich schlecht fühlen."

Können Sie verstehen, dass sich besonders Opfer des Holocausts verletzt fühlen?

Von Trier:

"Ja. Und nein, denn diese ganze Sache basiert auf einem großen Missverständnis und wurde aus dem Zusammenhang gerissen. Was ich gemeint habe, war: Ich dachte mein halbes Leben lang, ich sei ein Jude. Aber dann fand ich heraus, dass ich einen anderen Vater hatte. Heute tut mir leid, dass ich nicht gesagt habe, dass er ein Deutscher war. Wir in Dänemark sagen manchmal so Sachen wie "Er war Deutscher .... er war ein Nazi". Diese Äußerung war aber eigentlich nicht für ein größeres Publikum gedacht. Das war natürlich total bescheuert. Ein blöder Witz. Es war meine Art klarzumachen, warum ich in diesen Film auch deutsche Romantik einbezogen habe. Als ich also gesagt habe, ich sei ein Nazi, meinte ich damit, dass ich selber ein Deutscher bin - kein Nazi."

Und die Äußerung, dass Sie mit Hitler sympathisieren?

Von Trier:

"Natürlich sympathisiere ich nicht mit dem, was Hitler getan hat. Natürlich nicht. Ich kann ihn mir nur vorstellen, besonders da, wo er im Bunker sitzt. Ich kann ihn als ein menschliches Wesen sehen. Und wenn es irgendeinen Sinn in dem gegeben hat, was ich gesagt habe, dann ist es dieser: Es ist wichtig, dass wir nicht nur ein paar Leute dafür verantwortlich machen, das Böse der Erde zu sein - und uns selbst dabei vergessen. Denn in jedem von uns steckt ein kleiner Nazi, da bin ich mir sehr sicher."

Steckt in jedem Ihrer Filme auch immer ein bisschen das Gefühl von Melancholie?

Von Trier:

"Oh ja, da bin ich mir sicher! Ich glaube, dass es in jedem Stück Kunst steckt, das wir mögen. Es gibt immer etwas Melancholie mit drin, zum Beispiel in Musik. Ich glaube, dass es ein wichtiger Teil jedes Menschen ist. In diesem Film habe ich versucht, die Essenz der Melancholie zu erfassen. Es ist ja irgendwie auch ein verlockendes Gefühl, von der Erde zu verschwinden."

Welche Aspekte einer Depression wollten Sie mit Ihrem Film darstellen?

Von Trier:

"Ich kann mich nur auf meine eigene Depression beziehen, also die physischen Symptome und die Art und Weise, wie sie behandelt wird. Meine Depression begann durch Angst. Ich vermute, dass, wenn man zu viel Angst hat, der Körper irgendwann eine Auszeit braucht. Und das führt zu einer Depression, bei der man nicht mehr aus dem Bett herauskommt. Die Angst ist furchtbar für einen selbst, aber eine Depression ist auch furchtbar für die Familie, weil man nichts für sie tun kann. Danach fängt man an, wieder ganz langsam kleine Schritte zu gehen - und kann in ein Gefühl der Melancholie übergehen."

Hilft Filmemachen da als eine Art Therapie?

Von Trier:

"Ja, ich glaube, die Krankheit hilft beim Filmemachen."

Was würden Sie sagen: Fühlen Sie sich mehr von Licht oder von Dunkelheit angezogen?

Von Trier:

"Je älter und reifer ich werde, desto mehr kann ich Licht und Leichtigkeit besser genießen. Das heißt aber nicht, dass Sie künftig viel leichtere Filme von mir sehen werden!"

Sie haben auf Ihrer einen Hand die Buchstaben FUCK tätowiert. Warum?

Von Trier: "Ich bin im sogenannten Panik-Alter. Ich bin jetzt 55 Jahre alt. Und Gilles Jacob (der Leiter des Filmfestivals Cannes) hat in einem Buch geschrieben, dass ich einst ein Rebell gewesen sei. Das hat mich natürlich extrem provoziert. Denn wenn du 55 und kein Rebell mehr bist, dann musst du Sachen wie diese machen (zeigt auf seine Tätowierung). Meine Töchter, die 20 und 16 Jahre alt sind, haben allerdings zu mir gesagt: "Aber Papa, das geht nicht mehr ab!""

Aliki Nassoufis, DPA DPA

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