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Letzter Film der Harry-Potter-Saga Generation P.


Harry Potter war mehr als der Held einer guten Geschichte. Er war Wegbegleiter, Spiegel, Aufklärer. Jetzt tritt er ab. Und beendet meine Jugend. Ich will das nicht.
Von Julia Prosinger

Heute ist der Tag, an dem ich entscheide, ob ich erwachsen werden will. Denn heute startet der letzte Film, "Harry Potter und die Heiligtümer des Todes II". Danach wird mein Leben anders sein, ernst, grau. Solange Harry Kind war, durfte ich es auch sein.

Ich war 13, als meine Mutter wagte, den ersten "Harry Potter"-Band unter den Weihnachtsbaum zu legen. "Mama, wir mögen so einen Fantasy-Scheiß nicht", belehrten meine Schwester und ich sie. Ich hielt mich für zu besonders, um den Hype um diese Kindergeschichte in hässlich-buntem Einband mitzumachen.

Erst im Skiurlaub, es regnete, holte ich den 336 Seiten starken Klotz hervor und begann zu lesen, lustlos. Als der erste Zauberstab auftauchte, fühlte ich mich bestätigt. Fantasy-Scheiß. Ich wollte echte Geschichten, in denen es um Gefühle, um Ungerechtigkeit, um Politik und Geschichte ging. Motzend las ich weiter. Irgendwann hörte es auf zu regnen, draußen warteten blaue, rote und schwarze Pisten, aber ans Skifahren war nicht mehr zu denken.

Liebeskummer und Gefängnis

Etwas war mit mir geschehen. Ich hatte entdeckt, dass es in "Harry Potter" um Gefühle, um Ungerechtigkeit, um Politik und Geschichte geht. Und dass Rowlings Zauberwelt überhaupt nicht so fremd ist, wie anfangs vermutet. In "Harry Potter" gibt es alles, was es bei uns auch gibt: Prüfungen, Liebeskummer und Gefängnisse, Weihnachtsgeschenke, Rassenwahn und Süßigkeiten.

Die großen Fragen, die ich mir in meinen Freundschaften stellte, kommen auch in "Harry Potter" vor: Mag der andere mich wirklich? Habe ich jemanden enttäuscht? Bin ich verliebt? Ich fühlte mit.

Aber ich dachte auch mit. Ich fragte mich, ob das Zaubergefängnis Askaban eher Guantánamo oder einem Konzentrationslager nachempfunden ist. Ob Lord Voldemort eher ein Diktator oder ein Terrorist ist und an welche historische Schlacht die Actionszenen wohl erinnern. Was gut bedeutet und was böse, und ob es nicht auch etwas dazwischen gibt: Professor Snape zum Beispiel, der Harry quält und rettet. Schuldirektor Dumbledore, der Harry beschützt und enttäuscht. Percy Weasley, der auf die Seite des Bösen wechselt und am Ende zu seiner Familie zurückkehrt.

Jahre der Sucht

Weder Michael Ende, noch Astrid Lindgren oder Erich Kästner hatten mich so stark beeindruckt. Es folgten Jahre der Sucht. Ich verschlang Band um Band, blickte im Bus erst wieder aus dem Buch auf, als mich der Busfahrer anstupste, weil ich versehentlich bis zur Endhaltestelle mitgefahren war. Schlief im Chemieunterricht ein, weil ich nachts gelesen hatte. Ging mit aufgeklapptem Buch über rote Ampeln und sagte Verabredungen ab. Nahm auf dem Weg zum Klo die Hand meiner Schwester, vor lauter Angst Lord Voldemort zu begegnen. Dabei war ich doch schon fast erwachsen.

Den letzten und siebten Band las ich auf einer 36-Stunden-Zugfahrt von Berlin nach Sankt Petersburg. Ich war auf dem Weg ins Auslandssemester. Aber für die fremde Landschaft hatte ich keine Augen und alle Einladungen meiner Mitfahrer zum gemeinsamen Wodka lehnte ich ab. Ich las ohne Unterbrechung und als das Buch durch war, weinte ich. Wenige Minuten später fuhr der Zug in die neue Stadt ein. Jetzt sollte ich erwachsen werden.

Angst vor der Leere

In den letzten Jahren versuchte ich, dem Erwachsenwerden zu entkommen. Ich las die Bücher ein zweites Mal, nun auf Englisch, hörte Hörbücher und sah mir die Filme an. Die waren natürlich nie so gut wie die Bücher. Mir fehlten Gefühle, Ungerechtigkeit, Politik und Geschichte. Aber wenigstens erlaubten mir die Filme, mich zurückzuträumen in die Zeit, als ich mit Harry, Ron und Hermine eng befreundet war. Eine Zeit, die auch deshalb so besonders war, weil Joanne K. Rowling mir die Droge Potter portionsweise verabreicht, mich süchtig gehalten hat. Der letzte Film ist die letzte Portion der Droge. Zwar eröffnet im Oktober noch die Webseite "Pottermore". Aber dort gibt es wohl eher Marketingschwachsinn wie E-Books und Computerspiele. Wenn ich heute ins Kino gehe, ist alles vorbei. Es ist das Ende meiner durch Potter verlängerten Kindheit.

Ich erinnere mich, wie Harrys Mentor Dumbledore sagte: "Es sind unsere Entscheidungen, die uns zu dem machen, was wir sind." Ich werde diesen Film nicht sehen.


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