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Lilo Pulver: Das große Lachen wird 75

Ihr berühmtes Lachen ist zugleich ihr Markenzeichen: Die Schweizer Schauspielerin Liselotte Pulver, die mehrmals zur beliebtesten Schauspielerin Deutschlands gewählt wurde, wird 75 Jahre alt.

Lilo Pulver ist bekannt für ihre ansteckenden und unwiderstehlichen Heiterkeitsausbrüche. Jetzt wird die in Bern geborene Tochter eines Tiefbauingenieurs und einer Sängerin 75 Jahre. "Mir geht es gut, aber ich muss unbedingt kürzer treten, denn mein Alltag ist immer noch viel zu turbulent", beschreibt sie ihren jetzigen Zustand.

Seit 55 Jahren Schauspielerin

Lilo Pulver ist seit ihrem 20. Lebensjahr Schauspielerin, nachdem sie auf väterlichen Druck die Ausbildung zur Sekretärin hinter sich gebracht hatte. Dieser Entschluss entsprang - so bekennt sie heute - einer unerwiderten Liebe zu einem verheirateten Arzt: Als 15-Jährige wollte sie auf der Leinwand oder der Bühne die Aufmerksamkeit des Mannes erregen. "Ich glaube, ich bin nur zum Theater gegangen, weil ich mir mal so einen richtig schönen Mann angeln wollte."

Paul Hubschmid, O.W. Fischer, Hardy Krüger - all diese Filmgrößen spielten für Liselotte Pulver nicht nur im Film eine große Rolle. "Jahrelang bin ich einer richtigen Liebe hinterhergejagt." Die kam 1961 mit dem deutschen Schauspieler und Regisseur Helmut Schmid, mit dem sie 31 Jahre verheiratet war.

"Piroschka" war der Durchbruch

Vor dem Film wagte sich die Schweizerin auf die Bühne und startete im klassischen Fach. Ihr erstes Engagement bekam sie 1949 in Bern, wo sie die Marie in Goethes "Clavigo" spielte. Dann wechselte sie zum Ensemble des Schauspielhauses Zürich, wo sie Rollen in "Faust II", "Kabale und Liebe" oder der "Dreigroschenoper" bekam. 1950 schließlich versuchte sie die Leinwand zu erobern, und zwar in dem Schweizer Film "Swiss Tour". Doch der große Erfolg kam erst mit dem Wechsel nach Deutschland, wo sie 1955 "Ich denke oft an Piroschka" drehte. Regisseur war der 2001 gestorbene Kurt Hoffmann, der als eigentlicher Entdecker der nun gemeinhin "Lilo" genannten Schauspielerin gilt.

"Piroschka war die vielseitigste Rolle, die ich je gespielt habe", sagt die Pulver heute dazu. Sie verhalf ihr zum Durchbruch. Sie konnte das burschikose Mädchen herausstellen, das sie lange Jahre bleiben sollte. Hoffmann sei für sie ein besonderer Freund gewesen. "Er hat mich erfunden, denn er hat immer genau gewusst, welche Rollen und welche Kameramänner am besten für mich waren."

Chance auf Weltruhm vertan

Ende der 50er Jahre folgten das Musical "Das Wirtshaus im Spessart", "Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull", "Die Buddenbrooks" und die "Zürcher Verlobung" mit Paul Hubschmid und Bernhard Wicki. In "Das Glas Wasser" spielte sie an der Seite von Gustav Gründgens. Nach einigen Filmen in Frankreich rief auch Hollywood. Komödienspezialist Billy Wilder ließ Lilo in "Eins, zwei, drei" auf einem Wirtshaustisch tanzen.

Über eine verpasste Chance ärgert sich die Pulver aber heute noch: Als ihr die weibliche Hauptrolle in "El Cid" an der Seite von Charlton Heston angeboten wurde, hatte sie sich bereits für einen anderen Film - "Gustav Adolfs Page" mit Curd Jürgens - entschieden. In "El Cid" übernahm stattdessen Sophia Loren den zunächst der Pulver angebotenen Part. Die Chance zum Weltstar war vertan. "Ich wäre (heute) härter, was meine Karriere anbelangt", meint sie rückblickend dazu. "Es war mein größter Fehler, als ich aus Solidarität zu einem anderen Filmprojekt absagte."

Deutschland liebte Lilo

Deutschland liebte Lilo und ehrte sie mit mehreren großen Auszeichnungen: Sie bekam den Bundesfilmpreis, fünf Mal den Bambi, das Filmband in Gold und das Bundesverdienstkreuz I. Klasse. Mehrere Komödien etwa mit Heinz Rühmann wurden Kassenschlager. Doch dann wurde es ruhig um die Mimin mit dem großen komödiantischen Talent. Von 1973 bis 1983 moderierte sie die Fernsehserie "Sesamstraße". Eine ihrer letzten größeren Filmrollen übernahm sie Mitte der 90er Jahre in einer Hera-Lind-Romanverfilmung. Der Bühne blieb sie weiterhin treu.

Ihr Erfolg wurde aber auch von Schicksalsschlägen überschattet. 1989 nahm sich ihre Tochter Melisande das Leben. 1992 starb ihr Mann Helmut Schmid. Davon erholte sich Lilo Pulver nur mühsam. Inzwischen ist die Lebenslust zurückgekehrt, und ihr berühmtes Lachen hat sie sich bewahrt. Mit Humor nimmt sie auch ihre Lebensjahre an. "Man muss sich schon ein bisschen auf das Alter einrichten und kann nicht mehr so auf die Pauke hauen", sagt sie. Außerdem habe alt sein auch Vorteile. "Man hat ja auch eine gewisse Narrenfreiheit."

Nun will sie aus ihrem zwischen Genf und Lausanne gelegenen Haus ausziehen, obwohl Sohn Marc-Tell (geboren 1962) und ihre Schwester Corinne in ihrer Nähe wohnen. Sie denke an einen Umzug in eine Wohnung in Lausanne, Bern oder Zürich, um sich lange Wege zu sparen. "Ich komme wegen der vielen Verpflichtungen noch nicht einmal mehr zum Lesen, weil ich zu müde bin." Drei Bücher hat sie selbst geschrieben - damit sei alles gesagt. Hauptrollen will sie auch keine mehr. Nur eines noch: "Ich wäre so gern wieder mal verliebt. Jemanden finden, der Verständnis hat und mir Schutz bietet". Das wäre es noch.

Heinz-Peter Dietrich, DPA