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"Die Verführerin Adele Spitzeder" ARD verblüfft mit Qualität


Birgit Minichmayr, Wotan Wilke Möhring, Armin Rohde - die ARD präsentiert drei große Schauspieler in drei sehenswerten Fernsehfilmen. Den Auftakt machte am Mittwoch "Die Verführerin Adele Spitzeder".
Von Bernd Gäbler

Was ist das Besondere am Fernsehprogramm in diesem Januar? Dass so viel Wintersport gezeigt wird? Wohl kaum. Dass nach kurzer Abstinenz jetzt alle Talkshows wieder da sind und über Christian Wulff noch einmal bereden, was längst überall geschrieben stand? Längst gehört es zum Alltag. Dass die ARD und ProSieben einmal wieder im Joint Venture einen Gesangs-Star für den Eurovision Song Contest (diesmal in Baku) suchen? Wir werden uns dran gewöhnen. Dass Sat.1 mit "Hannah Mangold und Lucy Palm" endlich einmal wieder eine einigermaßen originelle Krimi-Serie auflegt? Das ist in Ordnung, aber noch keine Sensation.

Es lebe der Fernsehfilm

Nein, wirklich hervorzuheben ist etwas anderes: Die Wiederentdeckung des großen Fernsehfilms durch die ARD. Wieso das? Fernsehfilme gibt es doch am laufenden Meter. Eben. Vor allem aber gibt es in letzter Zeit folgende Tendenz: Kitsch oder Krimi. Alles, was nicht Kitsch ist, also ausnahmsweise nicht von Traumhotels handelt oder von Fjorden, nicht mit Frau Neubauer besetzt ist oder Veronica Ferres, ist ein Krimi. Nur dann scheint ein Stoff noch existenziell zu sein, wenn er in das Schema von Tod, Gesetzesübertretung und Wiederherstellung der Ordnung durch Polizei, Kommissare oder allerlei andere Ermittler gepresst wird. Jetzt aber gibt es eine Alternative: Fernsehfilme, die besondere Einzelstücke sind. Fast könnte man glauben, bei der ARD-eigenen Fernsehfilmfirma Degeto habe die große Wende schon eingesetzt, so sehr unterscheidet sich das Programm vom sonstigen Einerlei.

Drei ungewöhnliche Filme, drei besondere Stars

In "Die Verführerin Adele Spitzeder" (ARD 11.1.; 20.15 Uhr) brilliert die aktuell wohl präsenteste deutschsprachige Theaterschauspielerin Birgit Minichmayr im historischen Kostüm als erfolglose Schauspielerin und populäre Gründerin einer Privatbank, die ihr ausschweifendes Leben wie ein Kunstwerk inszeniert und dafür ein weitverzweigtes finanzielles Schneeball-System ins Rollen bringt. In barocken Bildern bewegt sich die Heldin wunderbar changierend zwischen kaltem Kalkül, idealistischen Träumen und theatralischen Gesten. Mal geriert sie sich als populäre Wohltäterin der Armen, mal als vom Narzissmus getriebene Spekulantin.

Selbstverständlich kann man den Film auch moralisch lesen, womöglich als Parabel auf die Finanzkrise und die ihr zugrundeliegende menschliche Gier. Sinnvoller aber erscheint es, Xaver Schwarzenbergers Werk als einen Genuss der Sinne zu würdigen. Möglich macht dies die Hauptfigur, die Birgit Minichmayr viel variantenreicher spielt, als dies gewöhnlich in TV-Biopics über Margarethe Steiff oder Beate Uhse der Fall ist.

Sehr viel gegenwärtiger geht es eine Woche später zu. In "Der letzte schöne Tag" (ARD 18.1., 20.15 Uhr) geht es schlicht darum, was ein Selbstmord bei den Hinterbliebenen anrichtet. Zuerst ist das die Organsiererei. "Wenigstens haben sie einen Abschiedsbrief", tröstet die Polizei den Ehemann Lars Langhoff. Seine Frau, die stets angestrengt ihre Depressionen verbarg, wollte nicht mehr leben. Als die Schwester am Grab ein Gedicht vorliest, bricht er zusammen.

Nun geht der Film ganz dicht, aber doch behutsam mitten hinein in die neu zu ordnende kleine Familie. Zu Tochter Maike, der gesagt wird, Witwer, die besonders laut weinen, hätten am schnellsten eine Neue. Und zum kleinen Piet, der so lange dem Ballon nachschaut, den die drei als Geste für die Mutter aufsteigen lassen. Die Kinderdarsteller sind schon ungewöhnlich gut, aber vor allem ist es Wotan Wilke Möhring zu verdanken, dass hier ein Film entstanden ist, der ans Herz geht, ohne den Verstand überlisten zu wollen.

Viel klassischer mit Action und Thrill ist "Alleingang" (ARD, 25.1., 20.15 Uhr) angelegt. Ein ehemaliger Kiez-König ist aus dem Gefängnis ausgebrochen, nimmt Geiseln, demütigt diese, rauscht mit einem Zug durch die Gegend, spielt mit den Medien, und will auf Biegen und Brechen das Duell mit dem stoischen ehemaligen Musterpolizisten Josef Zuckmeyer, der ihn hinter Gitter brachte. Aus dem schnellen Drive wechselt der Film mit der Ermüdung seiner Protagonisten hinüber ins Kammerspiel antagonistischer Typen: die von Armin Rohde ausgespielte proletarische Physis trifft auf die sensible Leidensfähigkeit des von seinem Kollegen Schübel (Matthias Koeberlin) in Liebesdingen düpierten Polizisten Zuckmeyer, dem Alexander Held stille Stärke gibt.

Plötzlich sind da dreimal hintereinander mittwochs zur besten Sendezeit sehenswerte Einzelstücke mit hervorragenden Darstellern im Programm. Die ARD weiß also noch, was gute Fernsehfilme sind und ist in der Lage, solche herzustellen, wenn sie nur will. Warum nur will sie nicht immer so wie in diesem Januar?


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