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Die Medienkolumne: Die "Dritten" - behaglich wie Weihnachten

Alle Jahre wieder: An den Feiertage werden die dritten Programme der ARD Quotensieger werden. Warum nur sind die Dritten gerade an Weihnachten so erfolgreich?

Von Bernd Gäbler

Die Weihnachtszeit ist keine gute Fernsehzeit. Egal, wie die Deutschen den hohen christlichen Feiertag verbringen - ob vornehmlich mit Beten und Singen oder mit Schenken und Völlerei - Weihnachten gilt als Fest der Familie, der Besinnlichkeit, Ruhe und Nähe. Auch wenn das Fernsehen allenthalben schon zu dem geworden ist, was früher einmal das Radio war - nämlich zu einem universellen Nebenbei-Medium: an Weihnachten stört es. Wer sagen würde, er verbringe die Feiertage hauptsächlich vor der Glotze, würde sogar in den Ruf zwielichtiger Amoralität kommen. Die zum Fest passende Hauptshow heißt "Christmette". Da bleiben allerlei Knabenchöre, Adventsgesänge, wahlweise christlich oder winterlich konnotierte Shows letztlich Beiwerk.

Werber und Mediaplaner, die in absoluten Zahlen rechnen, wissen: Weihnachten ist keine gute Fernsehzeit. Das kommt den TV-Machern entgegen. In diesen Tagen ist die Konserve die beliebteste Sendeform. Die Live-Belegschaft, die sich in die Sender quält, soll möglichst klein gehalten werden. Es gibt ein paar Hollywood-Schinken - am besten Wiederholungen - und die vielen schönen Schlager-Shows mit allerlei künstlichen Tannen und Schnee-Imitaten sind meist schon im August aufgezeichnet worden. Man merkt es ihnen an.

Je oller, desto doller

Diese Sendeformen sind auch deswegen so beliebt, weil über Weihnachten vor allem die älteren Semester den Fernsehapparat massenhaft einschalten. Von Werten wie Tradition, Harmonie, Ruhe ist folglich auch das Programm geprägt. Alle Casting-Shows sind rechtzeitig zu Ende gegangen; Charity-Sendungen aller Art sind vorbei, die Jahres-Rückblicke sind längst versendet, Action-Filme wirken deplaziert, Live-Hektik ist ohnehin nicht gefragt. Die jüngeren Leute treffen Schulfreunde oder verlassen schnell das Haus, wenn das familiäre Pflichtprogramm abgespult ist. Das große Familienfernsehen war gestern. An Weihnachten wird wenig Fernsehen geguckt - und wenn überhaupt, schalten vor allem ältere Zuschauer ein. Auch deswegen ist Weihnachten regelmäßig eine Hochzeit des öffentlich-rechtlichen Fernsehens.

Die "Dritten" bieten Wärme und Nähe

Man rückt zusammen, sucht Nähe. Da berührt das Lokale. Tag für Tag berichtet die WDR-"Lokalzeit" von den Weihnachtspräparationen der Familie Vogel und verbreitet die Illusion nachbarschaftlicher Nähe. Der NDR zieht über die Weihnachtsmärkte - der in Goslar hat sogar bis zum 29. Dezember geöffnet. Für seinen üppigen Lichterschmuck zahlt ein Hausherr im Dezember sogar 300 Euro extra. Das ist so nah - da kann man sogar mal zum Gucken vorbeigehen! Erst recht erfährt man, wann die Eisbahn auch abends zum Schlittschuhlaufen einlädt, welche Musicals oder Zirkus-Veranstaltungen in unmittelbarer Nähe stattfinden.

Heimat als Idylle

In der schnellen und globalen Welt präsentieren sich die "Dritten" als Hort von Tradition und Entschleunigung. Knallharte, urbane Themen sind hier selten. Wer sein Deutschlandbild aus der Addition der "Dritten" gewinnt, muss glauben, dieses Land sei vorwiegend landwirtschaftlich geprägt, bestehe aus Dörfern, nachbarschaftlichem Miteinander, skurrilen Käuzen, die komische Hobbys haben, Eisenbahnermützen sammeln oder Heimatmuseen unterhalten. Die "Dritten" zeichnen ein Bild des jeweils eigenen Bundeslandes so wie es aussehen würde, wäre es ein Freilichtmuseum. Dazu passen auf Heiligabend auch wunderbar "Hessische Geschichten" mit Günter Strack (HR) oder das "Chiemgauer Volkstheater" (BR).

Programmhighlights

Daher vornehmlich kommt die Attraktivität der "Dritten" als Weihnachtsprogramm. Ergänzt wird dies durch eine Fülle alter Filme, die es immer schon gab ("Peterchens Mondfahrt", "Die Mädels vom Immenhof") und Musiksendungen, die exakt so aussehen wie das Privatfernsehen sie parodiert ("Weihnachten mit Marianne und Michael" allerdings läuft im ZDF). Wann immer die Programm-Spießer etwas magisch Schönes erzeugen wollen, denken sie an Märchen oder Zirkus. Während sich die privaten Sender also mit "Titanic", "Gladiator" (Pro Sieben), "Ice Age 2" (RTL) oder "Merry Christmas" (Sat.1) über die Runden helfen, gibt es im Ersten und den "Dritten" allein 18 Mal Märchen und ein Märchenquiz mit Jörg Pilawa. Helmut Lotti ist Heiligabend im ZDF bei Nina Ruge, André Rieu am 1. Weihnachtstag im MDR bei Florian Silbereisen zu Gast. Was soll da irgendein modischer Kram?

In der Selbstbehauptung gegen die Moderne schießt der MDR den Vogel ab. Mischt der WDR noch munter Märchen, Lokalzeit und Zirkus, quillt der MDR über von erzgebirgischem Schnitzwerk, Kunstschnee und Kitsch. Am Heiligabend folgt auf "Fröhliche Weihnachten mit Frank (Schöbel)" "Die große Fernsehbescherung" mit Petra Kusch-Lück, die zu DDR-Zeiten das Farbfernsehen angeknipst hat und vor der Wende acht Mal zum "Fernsehliebling des Jahres" gewählt wurde. Nirgendwo fügen sich beruhigend triefende Ostalgie und Freiheitspathos so umstandslos zusammen wie in der Drei-Länder-Anstalt für Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt. Hier ist der Zuschauer Mensch, hier kann er es sein, hier muss er sich nie ändern. In diesem "Dritten" ist Fernsehen so behaglich wie Weihnachten im Kreis der Lieben mit Lebkuchen und Tannenduft.