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Fernseh-Trend "White Trash": Der Katzenberger-Effekt

Wer verstehen will, wie das Fernsehen im Jahr 2010 funktioniert, muss Daniela Katzenberger kennen. Sie ist blond, großbusig, ständig am Reden - und so künstlich, dass sie schon wieder echt wird.

Die Medienkolumne von Bernd Gäbler

Daniela Katzenberger: Silikon sucht Stimme

Daniela Katzenberger ist eine vom TV-Sender Vox geschaffene Kunstfigur. Sie ist angesiedelt in der Medienwirklichkeit und ausgestattet mit eindeutigen Attributen: Eine junge Frau mit ausladenden, künstlichen Brüsten; langem, weißblondem Haar; stark geschminkt; die Augenbrauen hat sie sich rupfen und dann - viel zu hoch - auf die Stirn tätowieren lassen. Jedermann - auch Menschen ohne Stilempfinden - kann erkennen: Das ist "white trash", das ist geschmacklos, das ist billig. Zur Figur gehören ein Markenzeichen und ein Motto.

Diese Figur wurde nicht zur Identifikation geschaffen, sondern damit sie betrachtet und beurteilt wird, der Zuschauer sich womöglich sogar leicht von ihr abgrenzen kann. Der "Katzenberger-Effekt" ist nun etwas, das in jeder Sendung vorkommt, die Vox mit der Protagonistin ausstrahlt.

"Daniela ist so natürlich"

Da tauchen dann am Wegesrand "Fans", Zuschauer oder Gaffer auf, die in das von "Daniela Katzenberger" auf Mallorca gegründete Café pilgern und zu dieser Figur befragt werden. Sie zeigen sich begeistert, loben "Daniela Katzenberger" vor allem - und das ist die Überraschung - wegen ihrer "Natürlichkeit", weil sie so "echt" oder schlicht ein "herzlicher Mensch" geblieben sei.

Die Aussagen verwundern, weil sie so offenkundig dem widersprechen, was dem Zuschauer geradezu aufs Auge gedrückt wird: Diese Figur ist künstlich. Entweder erklären wir diese Leute für bekloppt oder wir nehmen ihre "Falsch"nehmung - eben keine "Wahr"nehmung - ernst. Nehmen wir die Leute ernst, dann müssen wir erklären, wie diese Wahrnehmung - nennen wir sie in Analogie zum "Doppler-Effekt" den "Katzenberger-Effekt" - zustande kommt. Daran verstehen wir, wie Medien heute funktionieren. Denn der Effekt ist ein Produkt medialer Inszenierung.

Es geht nämlich nicht um Psychologie. Es geht nicht darum, warum das Mädchen Daniela Katzenberger berühmt werden will. Die gelernte Kosmetikerin stammt aus Ludwigshafen, zapfte am Tresen im Restaurationsbetrieb ihrer Mutter das Bier. Medial startete "Daniela Katzenberger" als "Auswandererin" mit dem skurrilen Plan, als Playboy-Bunny von Hugh Hefner aufgenommen zu werden, nannte Pamela Anderson ihr Design-Vorbild und ließ sich entsprechend herrichten. So wurde sie zum Star des "Reality-TV" auf Vox.

Das Fernsehen sagt uns, dass jeder berühmt werden kann - völlig unabhängig von irgendeiner Kompetenz. Jeder kann ein Restaurant eröffnen, jeder kann singen, jeder kann Model sein. "Daniela Katzenberger", die nicht fähig ist, ein Spiegelei zu braten, hat nun ein Café in Santa Ponca auf Mallorca gegründet. Wegen ihrer medialen Popularität läuft das Café wunderbar. Natürlich ist das Café echt, aber geschaffen wurde es nur durch und wegen des Fernsehens. Die Aufmerksamkeitsökonomie wird real - es gehen tatsächlich massenhaft Menschen in das Café, bestellen Getränke und zahlen dafür Geld. Das schafft wiederum neue Aufmerksamkeit. Das Medium kann sich also aufschaukeln; Hypes werden ein alltägliches Phänomen.

Auf dem Weg in eine neue Kunstwelt

Mittlerweile gibt es Spezialsendungen mit ihr zur Prime Time. Zwei Stunden lang gehen die Inszenatoren der Frage nach: "Daniela Katzenberger - plötzlich Popstar?!" So wie Hänschen Klein in die Welt hinaus will, wird hier die bereits etablierte Kunstfigur in eine neue Kunstwelt geschickt. Endlos langatmig wird verfolgt, wie die Protagonistin sich schlägt. Sie muss in ein Tonstudio. Sie muss ein aufwendiges Video drehen. Sie muss Singen lernen, Bikinis anprobieren, Tanzen üben. Alles wird pseudo-dokumentarisch von der Kamera begleitet. Was wichtig ist: Stets wird hervorgehoben, über welche enormen Kompetenzen die Handwerker der neuen Kunstwelten verfügen, mit wem also die Betreiber des Tonstudios schon Platten produziert haben, mit welchen Größen der Popbranche der Regisseur schon Videos für MTV gedreht hat.

In die Kamera hinein gibt "Daniela Katzenberger" einen schier unendlichen Redefluss ab. Erklärt, wie sie sich fühlt, welche Probleme sie sieht. So entsteht die Authentizitätsvermutung des Publikums. Die Kamera wird zum Kumpel, wenn "Daniela Katzenberger" vermeintlich das "Wirkliche" ausspricht: Dass sie Hunger hat; dass der Regisseur ruhig streng sein darf; dass sie Angst hat, ausgelacht zu werden; dass es zwischen "sexy" und "billig" doch immer nur ein schmaler Grat ist… Aber es gibt noch eine weitere Ebene. Es gibt Bilder, zu denen ein Off-Kommentator mit sonorer Stimme spricht. Er wiederholt dann die "Daniela Katzenberger"-Geschichte, nennt das jetzige Leben "märchenhaft", fragt zweifelnd, ob "Daniela" - hier kommt sie mit Vornamen vor - die neuen Herausforderungen meistere. Auch Ironie und Ermahnungen kommen hier vor. Jetzt also soll ein Song - eine Cover-Version von Samantha Fox' "Nothing's gonna stop me now" - in den Charts platziert werden. Genauso gut könnte man danach mit "Daniela Katzenberger" ein Haus bauen und einrichten oder am Ende - kluge Berater mögen verhüten, dass es soweit kommt - mit ihr eine "Schuldnerberatung" inszenieren.

Ausführlich wird gezeigt, was die Tonstudio-Leute alles aus einer piepsigen Stimme machen können oder wie groß der Aufwand ist, mit dem der erfahrene Regisseur tolle Bilder für das Video herstellt. Das Medium TV zeigt also das Handwerkszeug, mit dem andere Medien wie Musik und Film künstliche Welten basteln - das Fernsehen erklärt uns die Manipulationsinstrumente. Die dazu fast permanent laufende Tonspur der "Daniela Katzenberger" wird so zu einem einzigen Dokument der Selbstbehauptung gegenüber diesen Manipulationen: Setzt sie sich bei der Wahl des Bikinis durch? Soll sie den Tonleuten glauben, die ihren Gesang gut fanden? Was machen die Medien mit uns oder können wir sie zu unseren Zwecken nutzen? Das ist das stets präsente Subthema bei "Daniela Katzenberger".

Ist Katzenberger die neue Feldbusch?

Dabei erinnert "Daniela Katzenberger" an Verona Feldbusch. Wenn sie etwa ausführlich nachdenkt, wie denn Choreografie - also: "Tanzen halt" - ausgesprochen wird und dann doch bei "Geographie" bleibt oder fragt, ob "Alter Ego" ein Mann sei. Bei Verona Feldbusch vermuteten viele, sie sei doch eigentlich eine clevere Geschäftsfrau, die alle an der Nase herumführe.

Genau dieses Bild ist in die Figur "Daniela Katzenberger" bereits eingearbeitet. Ihr Motto: "Sei schlau. Stell' dich dumm" thematisiert die vermeintliche Überlegenheit der Figur, die gegenüber der Medienmaschine, die sie schuf, doch immer Subjekt bleibt und nicht zum Objekt wird. Auch deshalb sind die Zuschauer dann auf ihrer Seite. Aber auch das ist der "Katzenberger-Effekt": Die Medienmaschine selbst funktioniert heute nur noch mit der scheinbar offenen Zurschaustellung des manipulativen Handwerks und der ambivalenten Funktion der Medien, künstliche Welten zu schaffen und sie zu durchschauen.