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Schwarzer, "Bild" und der Kachelmann-Prozess: Ein schlechtes Geschäft

Natürlich schweigt Alice Schwarzer nicht im Fall Kachelmann. Aber sie geht weiter: Ausgerechnet der "Bild" ist sie als Prozessbeobachterin zu Diensten. Wer nutzt hier wen aus?

Die Medienkolumne von Bernd Gäbler

Blüschen an, Blüschen aus, Höschen rauf, Höschen runter." Das steht auf Seite 1 über das fast nackte Cover-Girl Leah in der Dienstagsausgabe "Bild"-Zeitung. Auf Seite 8 schreibt Alice Schwarzer: "Ihre ganze Ausstrahlung signalisiert: Ich habe nichts zu verbergen! Ich muss mich nicht schämen!" Sie meint das mutmaßliche Opfer im Fall Kachelmann. Und bereits am ersten Verhandlungstag konnte Schwarzer einen Erfolg verbuchen: Im Bericht der "heute"-Nachrichten des ZDF gab es aus dem Kreise der Prozessbeobachter nur einen einzigen O-Ton. Den lieferte Alice Schwarzer. Sonst ist es immer Gisela Friedrichsen, die Gerichtsreporterin des "Spiegel", die vom Fernsehen als maßgebliche Instanz befragt wird.

Natürlich war Alice Schwarzer klug genug, den TV-Wettermann Jörg Kachelmann nicht simpel für schuldig zu befinden. Jeder, der etwas auf sich hält, weiß, dass nur das Gericht dies tun kann. Darum steht es ja so sehr unter Beobachtung, darum die Aufmerksamkeit, darum die offene oder heimliche Parteinahme so vieler Menschen und Medien.

Der ARD-Wettermoderator Jörg Kachelmann ist unschuldig. Jedenfalls so lange, wie das Gericht das Gegenteil nicht zweifelsfrei nachweisen kann. Vor dem Landgericht Mannheim findet die Hauptverhandlung statt und dennoch sind wir längst alle in das Verfahren involviert. Es ist ein öffentlicher Prozess, der weit vor dem ersten Verhandlungstag begonnen hat. Wir kennen den Tatvorwurf und die Unschuldsbeteuerungen; wir kennen Teile der Akten ebenso wie einiges aus dem Sexualleben des Angeklagten. Wir haben Sympathien und Antipathien. Medien haben sie geschürt. Es ist nicht möglich, emotionslos zu bleiben.

Alice Schwarzer: Frauenrechte – das bin ich

Jörg Kachelmann ist angeklagt wegen schwerer Vergewaltigung. Doch nicht er muss seine Unschuld beweisen, sondern das Gericht muss seine Schuld nachweisen. Aussage steht gegen Aussage. Am Ende wird man vermutlich "die Wahrheit" nicht gefunden haben. Widersprüche und letzte Zweifel werden nicht auszuschließen sein.

Was hat Alice Schwarzer damit zu tun? Selbstbewusst hält sie sich immer noch für die Inkarnation des Feminismus. Auch wenn jüngere Frauen ihre einstige "PorNO-Kampagne" für prüde halten oder überzeugt davon sind, dass sie in ihrer Verurteilung der Helmut-Newton-Bilder ästhetisch wie politisch fehlgeleitet war, ficht sie das nicht an. Von den Frauenrechten leitet sie jedes andere Engagement ab. Sie ist die bekannteste Frauenrechtlerin, angekommen in der Mitte der Gesellschaft. Im TV talkt sie schlagfertig oder lacht in unterhaltsamen Quiz-Sendungen.

Dieser Fall Kachelmann nun fordert Alice Schwarzer heraus. Wenn das Geschlechterverhältnis die gesellschaftliche Basis ist, dann ist Vergewaltigung das Schlüsselverbrechen. Alice Schwarzer wird das Gefühl haben, dass es jetzt auf ihr Engagement ankommt. Sie fürchtet, es könnte zu einer neuerlichen gesellschaftlichen Verschiebung zum Nachteil der Frauen kommen. Also muss sie jeden Weg nutzen, um ihre Stimme zu erheben - da kommt der reichweitenstärkste doch gerade recht. Vermutlich findet sie es unglaublich raffiniert, sich via Bild in die Bewertung der Causa Kachelmann einzuschalten.

Alice Schwarzer: Gerechtigkeit – das bin ich

Andere haben dies längst getan. Dabei geht ein Riss durch Deutschland. Im Süden treiben "Focus" und "Bunte" ein ums andere Mal Akten und Ex-Geliebte auf, die Kachelmann kein gutes Zeugnis ausstellen. Doch insbesondere bei den norddeutschen Medien "Spiegel" und "Zeit" vermutet Alice Schwarzer dagegen Kumpanei mit dem prominenten Kollegen. Ausführlich haben beide Medien aus Akten und Gutachten zitiert, ohne ein vollständiges Bild zu zeichnen. Nachzulesen waren viele Passagen, in denen widersprüchliche Aussagen des mutmaßlichen Opfers dargelegt wurden. Die Glaubwürdigkeit wurde in Frage gestellt.

Wenngleich die renommierte Zeit-Reporterin Sabine Rückert den Kachelmann-Anwälten in einem umfangreichen Dossier unprofessionelles Agieren vorwirft, beschreibt sie den Fall Kachelmann letztlich als Justizirrtum. Nicht ganz so weit geht Gisela Friedrichsen, Spiegel-Gerichtsreporterin. Für sie aber ist es ausgemacht, dass Jörg Kachelmann Opfer eines "Prominenten-Malus" ist.

Alice Schwarzer findet es furchtbar, dass ausgerechnet Frauen so schreiben. Sie versteht sich als Antipode. Besonders in der Talk-Show "Anne Will" Anfang August tat sie das erfolgreich: Sie unterstellte Gisela Friedrichsen, diese habe schon für einen Freispruch plädiert. Tatsächlich allerdings erfolgt die jeweilige Parteinahme subtiler. Alice Schwarzer aber ist davon überzeugt, dass ihr Einsatz nötig ist, damit der Nebenklägerin Gerechtigkeit widerfahre. Dass diese nach der mutmaßlichen Vergewaltigung geputzt habe und CDs sortierte, sei eine typische Reaktion, spreche also für deren Glaubwürdigkeit, erklärt Alice Schwarzer.

Wer profitiert am meisten?

Alice Schwarzer will den Kachelmann-Verteidigern nicht das Feld überlassen. Sie glaubt, sie müsse ein Gegengewicht zu den bekannten Gerichtsreporterinnen schaffen: Mit "Bild" gegen "Spiegel" und "Zeit". Nach der Talk-Show "Anne Will" schrieb Jörg Kachelmann, den Alice Schwarzer drei Jahre zuvor um ein Grußwort für einen Jubiläumsband ihrer Zeitschrift "Emma" gebeten hatte, ihr eine private Mail. Alice Schwarzer entschied schnell, dass das nicht Privatsache sei und veröffentlichte Auszüge daraus.

Die Ferndiagnose, dass Kachelmann in eine Therapie gehört, hatte sie schon in der TV-Sendung getroffen. Darin spielte sie auch mit der Volksmeinung, dass seelische Demütigung fast schon Vergewaltigung ist. Jetzt antwortete sie öffentlich auf Kachelmanns Privatpost: "Vielleicht geht Ihnen aufgrund Ihrer Sexualpraktiken aber auch alles durcheinander. Vielleicht wissen Sie gar nicht, dass das kein Spielchen ist, wenn eine Frau im Ernstfall 'Nein' sagt, sondern Ernst. Und übrigens: Auch nette Männer vergewaltigen manchmal, Kollege Kachelmann: Leider." Vielleicht ist selbst das - rein juristisch - noch keine Vorverurteilung; aber eine Schuldvermutung ist es mindestens. Alice Schwarzer hält ihre Parteinahme aber für ausgleichende Gerechtigkeit. Soll sie. Aber mit Hilfe der "Bild"? In ihrem Text über den ersten Verhandlungstag greift sie tief in den Kitsch-Topf: "Die zarte, junge, blonde Frau ...ihr Gesicht ist blass, aber gefasst … mit erhobenem Haupt." Sie hat eine Mission.

Alice Schwarzer glaubt, so schreiben zu müssen, weil der Fall Kachelmann ohne sie nicht gerecht beurteilt werde. Die Sicht speziell der betroffenen Ex-Geliebten und der Frauen generell müsse berücksichtigt werden. Das vertritt sie selbstbewusst, selbstgewiss und ohne Zweifel. Darum ist sie es, die die "Bild"-Zeitung nutzt. Bei nüchterner Analyse würde sie die Machtverhältnisse berücksichtigen: Meist hat der Stärkere den größeren Nutzen. "Bild" nutzt den Nimbus von Schwarzer: Schwarzer legitimiert "Bild". Als sei so sichergestellt, dass "Bild" Frauenrechte respektiert und keine Kachelmann-Kumpanei betreibt. Die Symbiose Schwarzer-"Bild alles andere als symmetrisch: "Bild" ist das Wirtstier, Alice Schwarzer der Putzerfisch.

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