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Natascha-Kampusch-Dokumentation: Das Arbeitstier, das den "Putzfimmel" befriedigte

3096 Tage war sie im Kellerverlies gefangen: Für eine ARD-Dokumentation kehrte Natascha Kampusch in das Haus ihres Entführers Wolfgang Priklopil zurück. Aus nachgespielten Szenen und Interviewsequenzen wird der Kriminalfall rekonstruiert. Doch viele Fragen bleiben unbeantwortet.

"Ich bin für mein Leben geächtet." Natascha Kampusch sagt dies fast ohne Zorn, Emotionen sind kaum zu spüren - und doch liegt viel Wahrheit, Bitterkeit, aber auch Trotz in diesen Worten. "Ich hab' einen Stempel auf der Stirn, wo draufsteht: Gewaltopfer." Tatsächlich ist sie das Opfer eines unvorstellbaren Verbrechens: Achteinhalb Jahre lang, ihre gesamte Jugend, musste sie in Gefangenschaft verbringen. Als Zehnjährige von der Straße weggeschnappt wie ein streunender Hund, eingekerkert in ein Kellerverlies, gehalten wie eine Sklavin.

Doch die mittlerweile 21 Jahre alte Natascha Kampusch will nicht das verhuschte bemitleidenswerte Opfer sein, will nicht klein und hilflos wirken. Sie will als junge, selbstbewusste Frau dastehen, mit einem eigenen, selbstbestimmten Leben - auch wenn das schwerfällt, wie sie im Interview sagt: "Es wird mir nie oder selten jemand wertfrei begegnen können."

Doku als spannender Kriminalfall

Deswegen hat sie schon im Jahr 2008 als Talkshow-Moderatorin gearbeitet und sich Anfang 2009 für diesen Film entschieden - und sich als Österreicherin einem deutschen Film-Team anvertraut. In ihrer Heimat spüre sie sehr viel Misstrauen und Anfeindungen, die Medien dort seien unbarmherzig, ungerecht. "Ich wollte es mal von der anderen Seite betrachtet sehen", sagte sie bei der Vorstellung des Films im Dezember in Hamburg - ihrer ersten Pressekonferenz nach der Flucht am 23. August 2006, die sie "Selbstbefreiung" nennt.

Der ehemalige Hamburger Polizist Peter Reichard, der seit Jahren als Drehbuchautor Reportagen und auch Krimistoffe ("Tatort", "Großstadtrevier") entwickelt, inszeniert zusammen mit Regisseurin Alina Teodorescu die Doku als spannungsreichen Kriminalfall. Mit unruhiger Handkamera, unscharf-verwackelten Bildern und nachgespielten Szenen in "Aktenzeichen XY"-Manier begeben sie sich auf Spurensuche. Die Hauptaussagen bezieht der 45-minütige Film jedoch aus den ausführlichen Interviewpassagen Kampuschs - immerhin sieben Tage lang sprachen die Filmemacher mit ihr; außerdem kommen andere Beteiligte wie ihre Mutter und ein Bekannter des Entführers Wolfgang Priklopil zu Wort, der zeitweilig als Komplize galt.

So ergibt sich ein facettenreiches Bild, aber kein rundes. Zwar erfährt der Zuschauer, dass Priklopil - der sich am Tag von Kampuschs Flucht das Leben nahm - während der Ermittlungen zwar überprüft, aber wegen Schlamperei der Polizei entlastet wurde. Auch die Gerüchte um Kampuschs Mutter Brigitta Sirny, an der Tat beteiligt gewesen zu sein, kann die Doku entkräften: Sie habe das Bild ihrer damals zehnjährigen Tochter ans Herz gedrückt und immer wieder "Halt durch" gesagt, berichtet Sirny stockend unter Tränen. "Für mich hat die Natascha immer gelebt, die ganzen achteinhalb Jahre." Auch die Ermittler sehen heute keine Anzeichen für eine Verwicklung Sirnys.

Diffuse Beziehung zwischen Opfer und Täter

Doch diffus bleibt nach wie vor - auch fast dreieinhalb Jahre nach ihrer Flucht - die Beziehung von Opfer und Täter. In ihrem trostlosen Kellerverlies, gerade einmal 4,78 Quadratmeter groß, hatte Kampusch natürlich Angst vor ihrem Peiniger, der sie auch "gequält" und "gewürgt" hat: "Ich hatte ein Unbehagen, so ein mulmiges Gefühl, wenn er das Verlies aufschloss." Doch dann empfand sie auch "Mitleid" für den Mann, der sie aus ihrem Kinderleben riss. "Ich hab' einfach brav funktioniert", erklärt sie ihre Passivität.

Warum ist sie nicht schon früher geflohen? "Er hat es so eingerichtet", dass er immer in der Nähe war, sie "irgendwie immer unter Druck gesetzt". Nach Fertigstellung des Films enthüllen die Ermittlungsakten dann aber doch drei gescheiterte Fluchtversuche - der Film sagt dazu nichts.

Und was hat der erwachsene Mann in dem Mädchen gesehen? Nur ein "Arbeitstier", das seinen "Putzfimmel" befriedigen musste, wie Kampusch sich beschreibt? Eine Art Ersatztochter, die der einsame Mann, dieses Muttersöhnchen, das "psychisch so labil war", brauchte?

Ein Film ist zunächst nicht geplant

Wurde Priklopil mit der Zeit auch für das Scheidungskind, das aus nicht ganz harmonischen Verhältnissen stammte, so eine Art erzwungener Ersatzvater, der - auf perverse Art - das Wohl und Wehe seines Schützlings in der Hand hielt? Oder hatte er pädophile Neigungen, gab es auch sexuelle Gewalt? Spekulationen über eine Sado-Maso-Gemeinschaft oder einen Kinderpornoring wischt Kampusch vom Tisch. "Ich hatte immer nur Kontakt zu dem Täter." Andere Personen seien nicht einbezogen gewesen.

Mehr sagt sie nicht, sagt auch der Film nicht. Das ist ihr gutes Recht. Es gibt eine Intimsphäre, über die muss die Öffentlichkeit nichts erfahren, darauf haben Medien, Leser, Zuschauer, Außenstehende keinen Anspruch. Unvollständig bleibt das Bild dennoch.

Eine fiktionale Aufbereitung, einen Spielfilm, über Kampuschs Schicksal wird es vorerst nicht geben. "Ich plane derzeit nicht, einen Film zu machen, zu produzieren oder zu unterstützen", sagte Kampusch bei der Pressekonferenz. Die deutsche Produktionsfirma Teamworx ("Der Tunnel", "Das Wunder von Berlin"), die vor einiger Zeit Interesse an dem Stoff bekundet hatte, muss sich also weiter gedulden.

Die Dokumentation "Natascha Kampusch - 3096 Tage Gefangenschaft" ist am Montag, den 25. Januar, ab 21 Uhr im Ersten zu sehen

Patrick T. Neumann/DPA / DPA