Neue TV-Produktion Viel Shampoo, wenig Seifenoper


Am Montagabend startet auf Sat 1 die neue Frisör-Serie "Bis in die Spitzen", die deutsche Adaption der britischen BBC-Produktion "Cutting it".

Ach, die Friseurklischees. Man hätte sie mühelos zusammenkehren können wie abgeschnittene Haare und aus ihnen ein Drehbuch flechten. Blondchen, deren Intellekt gerade reicht für Shampoonieren, Ondulieren, Kaffeeservieren. Tuntig tapsige Lehrlinge. Späßchen wie: "Ihr Haar wird langsam grau." - "Kein Wunder bei Ihrem Arbeitstempo!"

Keine Schenkelklopfer, aber Augenzwinkern

Nichts davon. "Bis in die Spitzen", vom 10. Oktober an montags um 21.15 Uhr auf Sat1, erzählt von Liebe und Schmerz, tränenreich, aber nicht kitschig, zwinkert mit den Augen, statt dem Zuschauer auf die Schenkel zu klopfen, und gleitet nie ab auf das Niveau der eitlen Scheinwelt von Udo Walz. Der Ort, an dem Menschen ihre Kopfbehaarung aufhübschen und ihr Ego tätscheln lassen, wird zur Kulisse für zwischenmenschliche Dramen.

Niki (Jeanette Hain) betreibt mit ihrem Mann Philipp (Tobias Oertel) einen Friseursalon in Berlin. Er will ein Kind. Sie lieber einen zweiten Salon, gleich gegenüber. Sie setzt sich durch. Zwei ominöse Käufer schnappen ihr die Räume weg - und eröffnen, verdammt!, ein Friseurgeschäft. Die neuen Konkurrenten sind Mia (Muriel Baumeister) und ihr Mann Finn (Ralph Herforth) - Nikis Ex, den sie seit 20 Jahren nicht gesehen hat. Die Figuren entwickeln sich ohne Hast. So stellt sich heraus, dass Niki ihrem Philipp den Kinderwunsch nicht wegen der Karriere verwehrt, sondern weil sie schon ein Kind hat, von Finn, der sie als Schwangere hat sitzen lassen.

Kein Abklatsch des britischen Originals

"Bis in die Spitzen" zeigt: Auch die Deutschen können's. Gut, Sat1 hat das Format von der britischen BBC gekauft, "Cutting it" heißt das Original; der Plot ist übernommen, auch einzelne Szenen, Manchester wurde zu Berlin, die Sprache leicht entprollt. Aber abkupfern ist auch eine Kunst. Nicht mal das haben die deutschen Sender zuletzt hingekriegt. Gruseligstes Beispiel: Die RTL-"Spielerfrauen" waren ein müder Abklatsch der britischen "Footballers' Wives".

Der Unterschied: Sat1 hat Geld ausgegeben. Für gutes Licht und ordentliche Schauspieler. Und weil nicht alles am Böhmischen Platz in Berlin-Rixdorf gedreht werden konnte, wo das echte Friseurgeschäft steht, wurde der Platz in einer Halle eins zu eins nachgebaut.

Sat1 sollte weiter auf Serien setzen. "Verliebt in Berlin" beschert prächtige Quoten, "Bis in die Spitzen" könnte die Erfolgsgeschichte fortschreiben. Und über Peinlichkeiten hinwegtrösten wie den "Talk der Woche", bei dem Bettina Rust und ihre prominenten Gäste sonntäglich wild in aktuellen Themen herumstochern. Schlimmer als ein Friseurlehrling in seiner ersten Dauerwelle.

Alexander Kühn print

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