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New Yorker Geschichten: "Ein Charlie Chaplin ist er nicht"

Der Komiker Steve Martin stellt seine Memoiren vor: In "Born Standing Up: A Comic's Life" geht es um seine frühe Karriere als Stand-Up-Comedian - und um das schwierige Verhältnis zu seinem Vater, der seinen Sohn überhaupt nicht komisch fand.

Von Ulrike von Bülow

Es gibt ja Komiker, die sich eine Masche zulegen, um lustig zu sein. Wie der Maddin, der seine große Klappe andauernd zu albernen Grimassen verzieht. Oder Mario Barth, der die immer gleichen Witzchen über Frauen und Männer macht. Oder Otto, der stets jodelt - Hollederidi, ich bin's, euer Spaßvogel! So was ist meistens nicht besonders komisch, weil es schrecklich gewollt wirkt. Doch wenn man Steve Martin eine Weile zuhört, denkt man unweigerlich: Es kann so leicht sein, Menschen zu unterhalten.

Steve Martin ist einfach Steve Martin, er kommt ohne großes Theater auf die Bühne, das Haar schneeweiß, der Anzug asphaltgrau, er setzt sich auf einen Sessel, möchte "Guten Abend" sagen, bringt aber nur "Grmpf" heraus; offenbar hat er einen Frosch im Hals. Martin schluckt, nippt an einer Flasche Wasser, die vor ihm auf dem Tisch steht, dann sagt er etwas heiser: "Wow, what a bad opening", was für ein schlechter Beginn, und sein Publikum lacht. Und dann erzählt er ziemlich unaufgeregt aus seinem Leben, und alles amüsiert sich, ohne sich pausenlos auf die Schenkel klopfen zu müssen.

"Eine Beichte, die von Herzen kommt"

Steve Martin, Komiker, Schauspieler, Autor, sitzt in der "Kaufman Concert Hall" auf der Upper East Side in Manhattan, die 900 Plätze hat und an diesem Abend ausverkauft ist. Er hat seine Memoiren geschrieben: In "Born Standing Up: A Comic's Life" geht es um seine Karriere als Stand-Up-Comedian, die Anfang der 60er Jahre in einem kleinen Theater in Kalifornien begann und Ende der 70er Jahre aufhörte, als Martin, längst einer der größten Komiker Amerikas, sich entschied, nur noch lustige Filme zu drehen. Wie "Tote tragen keine Karos" oder "Roxanne", mit denen er in den 80ern weltberühmt wurde.

Heute spricht Martin, 62, mit dem Talkshow-Moderator Charlie Rose, der neben ihm auf der Bühne sitzt, über sein Buch, das die "New York Times" sehr treffend "eine Beichte" nannte, "die von Herzen kommt, ohne rührselig zu sein". Es ist nicht alles zum Lachen, was Martin zu erzählen hat, aber er betrachtet alles angenehm lakonisch. Auch das schwierige Verhältnis zu seinem Vater Glenn, der die Berufswahl des Sohnes gar nicht komisch fand und dessen spätere Erfolge mit den Worten kommentierte: "Nun, ein Charlie Chaplin ist er nicht."

Der Vater wäre gern Schauspieler geworden

Doch dazu kommt der Moderator später, erst mal fragt er, ob Steve Martin denn immer schon lustig gewesen sei. "Ich weiß nicht", sagt Martin und schlägt das rechte Bein über das linke, "ich glaube, ich musste das lernen." Er sei ja in Waco, Texas geboren worden, "aber mit fünf zog ich nach Inglewood, Kalifornien, fünf Jahre später kamen meine Eltern nach", sagt er, großes Gelächter. "Ja, ich war der Boss der Familie!", schiebt er hinterher, aber das ist natürlich nicht ganz richtig. Die Familie Martin zog Richtung Hollywood, weil der Vater dort gern Schauspieler geworden wäre. Jedoch: Er scheiterte und wurde Immobilienmakler.

Bei den Martins wurde wenig geredet und wenig gelacht, der kleine Steve holte sich seinen Spaß anderswo: "Ich war fasziniert von Laurel und Hardy", erinnert sich Martin, "und mit zehn bekam ich von meinem Onkel einen Zauberkasten geschenkt, mit dem übte ich vor Publikum." Das gefiel ihm so gut, dass er später in Disneyland jobbte: "Mit 15 trat ich dort in der Zaubershow auf. Der Typ, der mich anlernte, sagte immer zu den Besuchern: Guten Tag, kann ich Ihr Geld haben… äh, kann ich Ihnen helfen? Ich fand das sehr komisch - im konservativen Disneyland!"

Sehr schnell, sehr schlagfertig

All das habe ihn geprägt, und es zog ihn auf die Bühne: Steve Martin war keine 20, da hatte er seine ersten Auftritte in kleinen Clubs. "Damals, es war vielleicht 1962", sagt er, "war Comedy furchtbar Pointen-orientiert. Aber so wurde das Publikum doch dirigiert: Es hörte einen Witz, die Pointe kam - und es machte hahaha. Wie bei einem Konzert: Nach dem Song kommt der Applaus. Ich fand, die Pointe war ein Killer, also habe ich auf der Bühne einfach etwas erzählt, als stünde ich abends daheim im Wohnzimmer und müsste berichten, was mir im Laufe des Tages widerfahren ist. Ich erntete ratlose Gesichter, und irgendwann lachten die Leute - aus reiner Verzweifelung." Das Publikum in der "Kaufman Concert Hall" lacht, "sehen Sie, wie hier", sagt Martin und muss selber lachen. Dann will er etwas erzählen von einer College-Tournee, die er als junger Komödiant absolviert hat, "da kam ich nach Georgia, an die Vanderbuilt-Universität…" - aber der Moderator unterbricht ihn: "Die Vanderbuilt-Universität ist doch in Nashville, Tennesse." - "Ach, sind die umgezogen?", fragt Martin, sehr schnell, sehr schlagfertig. Großes Hahaha.

Steve Martin hat sich auf diese Art und Weise einst hoch gequatscht. In die legendäre "Tonight Show" von Johnny Carson und dann zu "Saturday Night Live", wo er mit Dan Aykroyd, James Belushi oder Eddie Murphy vor der Kamera stand. "Ich habe diese Show geliebt!", sagt er. "Wir hatten unglaublich viel Spaß!" Irgendwann aber sei das mit der Stand-Up-Comedy ein bisschen langweilig geworden. "Der Vietnam-Krieg war vorbei, alle machten Witze über Richard Nixon, wir auch, und immer gab es dafür Applaus von unserem irre liberalen Publikum." Und als er seine erste Hauptrolle in dem Film "Reichtum ist keine Schande" spielte, da habe er gewusst: "Ich kann nicht mehr zurück. Wenn du Stand-Up-Comedy machst, musst du jeden Tag dabei sein, um lustig zu bleiben."

"Du hast alles erreicht, was ich erreichen wollte"

Und dann war da ja noch die Sache mit seinem Vater. Er hatte keinen Draht mehr zu ihm, ewig nicht. Anfang der 80er Jahre aber sagte ihm ein Freund: Wenn du etwas zu klären hast mit deinen Eltern: Mach' es, bevor sie nicht mehr da sind. "Der Vater dieses Freundes war beim Überqueren einer Straße von einem Auto erfasst und getötet worden", erzählt Martin, "und seine Mutter hatte daraufhin Selbstmord begangen - am Muttertag."

Also begann er, seine Eltern jeden Sonntag zum Lunch auszuführen. "Aber mein Vater war streitsüchtig; wann immer meine Mutter etwas sagte, unterbrach er sie, dann unterbrach sie ihn und dann war Schweigen. Das ging über Jahre so, bis ich auf die Idee kam: Lade beide jeweils allein zum Essen ein!" Und so kamen Vater und Sohn Martin einander doch noch näher. Und kurz bevor der alte Herr 1997 nach langer Krankheit starb, gab es für immer versöhnliche Worte. "Du hast alles erreicht, was ich erreichen wollte", sprach der Vater, und der Sohn sagte: "Ich habe das alles nur deinetwegen erreicht."

Und während Steve Martin von seinem Vater erzählt, lacht sein Publikum nicht mehr. Es lächelt, sehr gerührt.