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New Yorker Geschichten: Großstadt zum Kuscheln

Manhattan? Immer mehr Hollywood-Schauspieler zieht es nach Brooklyn, auf die andere Seite des East River. Dorthin, wo die Literatur-Prominenz schon lange zu Hause ist. Aber was macht Brooklyn eigentlich aus? Die Schriftsteller Paul Auster, Nicole Krauss und Rick Moody im Gespräch.

Von Ulrike von Bülow

Damals, vor 28 Jahren, wollte er eigentlich nicht nach Brooklyn ziehen, auf die andere Seite des East River, "aber dann tat ich es doch, weil es einfach günstiger war als Manhattan", sagt Paul Auster mit seiner angenehm tiefen Stimme. Dann erzählt der Autor, wie er sich in Siri Hustvedt verliebte, die als "Studentin aus Minnesota" gerade nach New York gekommen war, "und New York bedeutete natürlich Manhattan für sie." Deshalb sei sie ihm nur widerwillig nach Brooklyn gefolgt. Später aber, als beide längst verheiratet und erfolgreiche Schriftsteller waren und er ihr vorschlug, eine größere Bleibe "gern auch in Manhattan" zu suchen, habe sie geantwortet: "Bist du verrückt?" Und dann, so Auster, "sind wir einen Block weiter gezogen".

Brooklyn ist Heimat vieler kreativer Menschen. Doch was macht den einstigen Problembezirk so anziehend, dass sich hier mittlerweile auch Hollywood-Stars eine Bleibe suchen? Auster, 60, grau das Haar, rosig das Gesicht, sitzt an diesem Mittag im "Times Center", dem Hochglanzbau der "New York Times" am Times Square in Manhattan, wo die Zeitung ihre alljährliche "Arts & Leisure Week" veranstaltet. Eine Kulturwoche mit prominenten Gesprächsrunden. Der Schriftsteller, zu dessen Werken Bestseller wie "Die New York-Trilogie" oder "Mond über Manhattan" gehören, hat seine halbe Nachbarschaft mitgebracht, um über Brooklyn zu reden: Neben ihm sitzt die Schriftstellerin Nicole Krauss, Jahrgang 1974, bekannt geworden mit "Geschichte der Liebe", und neben ihr der Schriftsteller Rick Moody, 46, dessen berühmtestes Buch "Der Eissturm" von Ang Lee verfilmt wurde.

5000 Dollar für ein kleines Haus mit Garten

Natürlich, Manhattan ist die schillernde Insel, das Filetstück New Yorks. Aber Manhattan wird nicht billiger, die Mieten werden immer absurder: 5000 Dollar für eine Wohnung mit zwei winzigen, dunklen Zimmern, deren Türen sich nicht mehr schließen lassen, zu dick ist die Farbe darauf, so häufig sind sie übergestrichen worden. Immer öfter hört man: Es reicht, wir ziehen rüber nach Brooklyn, wo man für 5000 Dollar ein nettes, kleines Haus mit Garten mieten kann.

Der Stadtteil liegt im Südosten New Yorks und hat etwa so viele Einwohner wie Hamburg, um die 1,7 Millionen. Es gibt viele schlaue Köpfe dort, sagt Moody, "in Park Slope zum Beispiel kannst du auf der Straße ein Steinchen aufheben und über deine Schulter werfen - du triffst garantiert einen Schriftsteller". Auster lacht, das ist die Gegend, in der er lebt - und die anderen auch.

Aber es ist längst nicht mehr nur die High Society der amerikanischen Literatur, die in Brooklyn wohnt. Das Schauspieler-Paar Jennifer Connelly und Paul Bettany hat sich dort kürzlich ein Haus gekauft, ebenso Maggie Gyllenhaal und Peter Saarsgard. Michelle Williams und Heath Ledger, die in "Brokeback Mountain" Eheleute spielten und im wahren Leben Töchterchen Matilda Rose zeugten, zogen schon 2005 in ein wasabigrünes Haus auf der Dean Street in Boerum Hill.

Mit ihnen kamen die Paparazzi nach Brooklyn, man sah Fotos von beiden, sie schob den Kinderwagen durch die Gegend, er trug die frisch gebügelten Hemden aus der Reinigung neben ihr her. Manchmal war er allein mit seinem Skateboard unterwegs. Im vergangenen Herbst zog Ledger zurück nach Manhattan, Williams und er trennten sich. Nun liegt der East River zwischen ihnen, der mit der U-Bahn oder dem Taxi in ein paar Minuten zu unter- oder überqueren ist, was für manche Menschen aus Manhattan eine Weltreise bedeutet, darum fahren sie nicht nach Brooklyn.

Das bessere New Yok

Andere halten Brooklyn längst für das bessere New York: Es ist nicht so laut, nicht so schnell, nicht so geldgeil wie Manhattan, die Menschen reden noch miteinander und starren nicht in einer Tour auf ihre Blackberrys. Auch wenn sie alle einen haben - außer Auster, der einzige Mensch "ohne Mail-Adresse", den Moody kennt: "Ich kann dir nicht schreiben!", sagt Moody. Gibt's das echt noch?! Auster lächelt milde, er wirkt wie der Großvater hier, der Geschichtenerzähler, den sie alle bewundern. Moody nennt ihn einen "Meilenstein", er sagt, wenn die Autoren Brooklyns etwas gemeinsam hätten, dann sei es das Wissen: Wir können noch so tolle Sachen schreiben, der Auster ist immer besser als wir. Auster lacht, schlägt die Hände vors Gesicht, zu viel des Lobes. Zurück zum Thema, zurück nach Brooklyn.

Brooklyn "ist ein guter, ruhiger Platz, um zu arbeiten", sagt Auster, Kollege Moody nickt, ebenso Kollegin Krauss. "Es geht dort viel nachbarschaftlicher zu", fügt Moody hinzu, "und es gibt viel mehr Sonnenlicht, weil die Häuser nicht so hoch sind." Krauss stimmt zu. Sie ist mit dem Schriftsteller Jonathan Safran Foer ("Alles ist erleuchtet") verheiratet, beide haben einen kleinen Sohn, zwei Jahre alt, und natürlich ist diese Umgebung für Kinder viel entspannter. Und für Erwachsene auch. Denn Manhattan ist wie Kokain: Es saugt die Menschen auf Dauer aus, aber für den Moment kickt es. Und das Gute an Brooklyn ist vermutlich, dass man nur schnell den Fluss überqueren muss, um die kleine Dosis zwischendurch zu konsumieren.

Auster jedenfalls sagt, eine der schönsten Erfahrungen seines Lebens habe er in Manhattan gemacht. Ende 2003 war das, als sein Buch "Oracle Night", Nacht des Orakels, in den USA erschien, "aber ich hatte einfach keine Lust auf Interviews, auf eine Lesetour, also sagte ich: Ich lese das Buch vor, zwei Tage lang, in einer Galerie. Doch dann kam ein Schneesturm auf, und in der Galerie gab es ein Loch in der Decke, und Wasser tropfte herein. Es war bitterkalt, alle im Publikum trugen dicke Jacken". Er lächelt ganz verklärt, "aber ich las und las, und es war herrlich".