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New Yorker Geschichten: Und immer trifft es Manhattan

Gerade hat "I Am Legend" New York zum Super-Friedhof gemacht, nun zerstört mal wieder ein grässliches Monster die Stadt: "Cloverfield" hat bereits vorab für Gesprächsstoff gesorgt und ist in den USA ein Hit. An diesem Donnerstag läuft der Katastrophenfilm in Deutschland an.

Von Ulrike von Bülow

Wie schön es ist, wenn der Horror vorbei ist und man das Kino auf der Third Avenue, Ecke 10. Straße, verlässt. Draußen fährt der typische New-York-Sound vorbei, ühüü-ühüü-ühüü, die Feuerwehr im Einsatz, und wenn man dann ein paar Blocks nach Süden geht und sich umdreht, dann sieht man das Chrysler Building in Midtown Manhattan: Die berühmte Spitze mit den Stahlbögen, die nach oben immer schmaler werden, ragt über die Häuser hinaus, und wie jeden Abend ist sie beleuchtet – ein grandioser Anblick. Warum hat man sich gerade 84 Minuten lang angeguckt, wie ein dämliches Monster diese Stadt zerstört?

Weil alle über "Cloverfield" reden, den Film, der in den USA am Start-Wochenende 41 Millionen Dollar eingespielt hat – Rekord in diesem Januar. Es wurde furchtbar viel Theater um diesen Film gemacht, da war der Hype im Internet, das große Geheimnis: Mysteriöse Trailer gab es zu sehen, virtuelle Schnitzeljagden, aber niemand wusste so recht, worum es bei "Cloverfield" genau gehen würde. Bis jetzt.

Eben noch leer, jetzt zerstört

An einer phänomenalen Handlung jedenfalls kann es nicht liegen, dass Gott und die Kinowelt in "Cloverfield" rennt, denn die gibt es nicht. Es geht um tumbe Zerstörung, sonst nichts, und was lässt sich spektakulärer zerstören als New York mit seiner Skyline? Eben noch lief Will Smith in "I am Legend" als einsamer Doktor im Kampf gegen ein Virus, das die Menschheit erledigt hat, durch ein Manhattan, in dem Löwen statt Menschen herumstreunten. Und nun ist es ein Monster, groß wie ein Wolkenkratzer, hässlich wie Godzilla, das Hochhäuser platt macht und die Brücken zum Festland zerlegt, das der Freiheitsstatue den Kopf abreißt und eine Party in einem Loft in Lower Manhattan sehr plötzlich beendet.

Das Loft gehört einem jungen Mann namens Rob (gespielt von Michael Stahl-David), der blendend aussieht, so wie auch seine jungen Freunde blendend aussehen, die an diesem Abend eine Abschiedsparty für ihn schmeißen, denn Rob soll am nächsten Tag beruflich nach Japan versetzt werden. Da sind Robs Bruder Jason (Mike Vogel) und dessen Freundin Lily (Jessica Lucas), das Mädchen Marlena (Lizzy Caplan) und Robs Kumpel Hud (T. J. Miller), der dazu auserkoren wurde, die Party mit der Videokamera festzuhalten.

Der Film beginnt mit dem Blick auf etwas, das wie ein Regierungscomputer aussieht, darauf ein Text, der besagt, dass die nun folgenden Bilder dort entdeckt wurden, wo einmal der Central Park war. Und das ist so ziemlich das Einzige, was "Cloverfield" besonders macht: Man sieht die ganze Zeit unbearbeitete Bilder, die aus der Videokamera stammen, die Hud bis zum Schluss, der auch sein Ende ist, mit sich rumschleppt. Wie manisch filmt er alles, deshalb sieht man das Grauen aus seiner Perspektive, wackeln die Bilder, wenn er und die anderen versuchen, von der einstürzenden Brooklyn Bridge zu fliehen.

Und dann will Rob unbedingt nach Upper Manhattan, ein Mädchen namens Beth (Odette Yostman) retten, das er mag. Diese Beth fleht um Hilfe, von ihrem Handy aus, das seltsamerweise funktioniert, obwohl in Manhattan längst sämtliche Telefonnetze zusammengebrochen sind. Robs Leute folgen ihm blind auf seinem Weg durch die Nacht, auch das ist seltsam. Überall scheppert und explodiert es, versucht die National Guard zu retten, wen sie noch retten kann, aber Rob und Co. irren beratungsresistent durch die Gegend. Und so stirbt hier jemand und dort – aber man leidet nicht besonders mit, denn man wird nicht warm mit diesen Figuren, die nicht viel mehr zu sagen haben außer: "This is crazy, dude!" Es geht alles zu schnell und ist viel zu konstruiert.

Zwischen "Alien" und "Blair Witch Project"

"Cloverfield" wurde von J. J. Abrams produziert, der Serien wie "Lost" und "Alias" erschuf und nun als neuer Kreativgott des Actionfilms gilt (derzeit arbeitet er am neuen "Star Trek"-Abenteuer). "Cloverfield" ist ein bisschen "Godzilla", ein bisschen "Alien", ein bisschen "Blair Witch Project" – und leider auch ein bisschen Realität: Es gibt Szenen, in denen schreiende Menschen vor Staubwolken davonrennen, sie laufen durch die Straßenschluchten von Lower Manhattan, und diese Szenen erinnern sehr an den 11. September, was in so einem Katastrophenmärchen nicht besonders geschmackvoll rüberkommt.

Trotzdem muss man Mr. Abrams eines lassen: Die Spezialeffekte sehen so echt aus, dass man keine Sekunde das Gefühl hat, "Cloverfield" sei am Computer entstanden. Vermutlich ist das der perfekte Film für Menschen, die gedankenlos und actiongeil ins Kino gehen. Und gewiss ist "Cloverfield" ein Jungsfilm: Die Mädchen, die an diesem Abend aus dem Kino auf der Third Avenue kommen, gucken alle ziemlich sparsam. Die Knaben hingegen strahlen wie 80-Watt-Glühbirnen. "I loved it!", sagen sie. Und eben auch: "This was crazy, man!"