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"Rückkehr nach Montauk": Nina Hoss verschönert die Welt

Sie bringt die Welt zum Schwingen: Nina Hoss bleibt eine Ausnahmeerscheinung im deutschen Film - das zeigt sich einmal mehr in "Rückkehr nach Montauk".

Von Jochen Siemens

Nina Hoss spielt in "Rückkehr nach Montauk" von Volker Schlöndorff

Denn was soll’s: Ist das Drehbuch mies, spielt man eben nicht mit, findet Nina Hoss, 41.

Mal ein Vorschlag zur Verschönerung der Welt: bitte alle Stimmcomputer, Fahrplanansagen der Bahn, Navigationsgeräte und Telefonwarteschleifen mit der Stimme von Nina Hoss ausrüsten. Die Welt wäre interessanter, denn selbst wenn sie nur "Zurückbleiben, bitte" sagte, am Bahnsteig machten alle dort große Ohren.

Denn jeder ihrer Sätze hat Swing, ihre Stimme erklingt klar und hat in der Grundierung einen hauchfeinen görigen Berliner Ton – obwohl sie eigentlich Schwäbin ist –, den sie am Ende jedes Satzes mit einem Tupfer Ironie verschönert. Und das führt beim Zuhören

zu Leichtigkeit, weil man immer das Gefühl hat, Nina Hoss könnte über alles Gesagte, ja über sich selbst lachen. Auch wenn sie es ernst meint. Sie kann "leidenschaftlich und schlau" reden, schrieb mal eine Zeitung.

Aber die 41-jährige Nina Hoss ist Schauspielerin, und da kann es leider passieren, dass manche Rollen von ihr eine andere Stimme verlangen, so Typ "gebrochene Frau", bisschen fahrig, unsicher, wie sie halt in deutschen Filmen oft herumlaufen. So eine ist Rebecca in Volker Schlöndorffs neuem Film "Rückkehr nach Montauk", eine blonde Deutsche aus dem Osten, die als erfolgreiche Anwältin in New York lebt und auf den ähnlich erfolgreichen Schriftsteller Max Zorn trifft, der etwas linkisch quasselnd seine frühere Liebe mit ihr reanimieren will. Zorn hat aber noch seine Lebensgefährtin dabei und erzählt nun allen, dass in Wahrheit Rebecca die Frau seines Lebens gewesen sei.

Zwischen deutschem Arthouse-Kino und amerikanischer Serie

Und so gerät der Film, wie das immer so ist, zu einem Reigen von Menschen, die mal sich selbst, mal die Liebe suchen – und das bei langen Spaziergängen am Strand. Irgendwie hat so ein Theater jeder im Kopf, der seinen jungen Jahren nachtrauert, so wie der Film dem Buch "Montauk" von Max Frisch nachtrauert. Dabei kann man nicht viel lachen, weil Rebeccas Lebensgeschichte nicht zum Lachen ist. Sich mit Nina Hoss über Rebecca und Max Zorn zu unterhalten, kann aber durchaus komisch sein, weil sie mit ihrer Hoss-Stimme Sachen sagt wie: "Na ja, Rebecca hat drei Katzen, das sagt doch schon was." Was denn? "Sie ist einsam, und Katzen zwingen sich einem nicht auf und sind doch für einen da, aber fordern dich nicht heraus. Eine Katze ginge noch, vielleicht auch zwei, aber drei sind eine zu viel. Definitiv." Und über Max Zorn, gespielt vom großartigen Schweden Stellan Skarsgård, der eben altherrig um Liebe bettelt, sagt sie: "Ich glaub ihm das nicht ganz. Er ist ein Spieler, der nimmt doch nichts ernst." Ob sie so einen auch im echten Leben kenne? Lachen. "Also genau so einen nicht, aber die Sorte schon."

Und das sind Momente, da wünscht man sich, die blonde und ziemlich große Nina Hoss würde im Kino aus dem Film heraussteigen, sich im Saal neben einen setzen und das Geschehen weiter kommentieren. "Die will sich die Liebe noch mal angucken", zum Beispiel wenn sich Max und Rebecca küssen. Weil Hoss Abstand zu ihren eigenen Rollen hält, erscheint ihre Interpretation der Rebecca umso glaubwürdiger. Würde Hoss jetzt immer noch so reden wie Rebecca und auch so verloren in die Welt linsen, die Rolle also noch theatralisch mitschleppen, würde ihr Schauspiel ausfransen.

"Rückkehr nach Montauk" wurde vor einem Jahr in Berlin, New York und eben Montauk gedreht. Ein paar Tage nach Drehschluss war Hoss wieder in den USA vor den Kameras der US-Erfolgsserie "Homeland", in der sie die deutsche Agentin Astrid spielt, die in der sechsten Staffel leider erschossen wird. "Ja, schade, ich weiß nicht genau, wie das weitergeht. Ich bin zwar tot, habe aber immer noch einen Vertrag." Wieder so ein schöner Nina-Hoss-Satz. Vergleichen will sie die zwei so unterschiedlichen Dreharbeiten – deutsches Arthouse-Kino und amerikanische Serie – nicht, die Arbeit vor der Kamera sei gar nicht so unterschiedlich. Dann aber holt sie aus: "Die Entwicklung solcher Stoffe ist in den USA anders. Bei 'Homeland' arbeiten acht Autoren an den Drehbüchern, die großartig sind, da stimmt wirklich alles. Man nimmt sich Zeit und probt und überlegt immer neu. Das ist hier in Deutschland nicht ganz so, aber es müsste so sein. Sparen an der Buchentwicklung ist der falsche Gedanke."

Nina Hoss: "Ich hatte mit 15 ein Gesicht der Lust und kannte die Lust nicht"

Das sagt sie wieder mit dem Swing in der Stimme und dem Tupfen Ironie, aber mehr auch nicht. Nina Hoss gehört nicht zu denen, die das schlechte deutsche Fernsehen oder Kino beklagen, denn was soll's: Ist das Drehbuch mies, spielt man eben nicht mit. Hoss hat wenig deutsches Fernsehen gemacht, dafür aber 22 Kinofilme, darunter "Elementarteilchen" oder "Jerichow", "Yella" und "Barbara" von Christian Petzold – und keiner davon war schlecht. Geht also. Sie hat einen Silbernen Bären als Beste Darstellerin der Berlinale, den Deutschen Filmpreis und das Bundesverdienstkreuz, um mal das Wichtigste aus ihrer Vitrine zu erwähnen. Richtig toll sind auch die sieben Hörbücher, die sie eingesprochen hat, darunter "Der Liebhaber" von Marguerite Duras, wo sie mit dieser Hoss-Stimme vorliest: "Ich hatte mit 15 ein Gesicht der Lust und kannte die Lust nicht." Was Nina Hoss aber schauspielerisch mehr in Betrieb halte, sei das Theater, sagt sie. Zurzeit ist sie an der Schaubühne in Berlin engagiert, und "es ist eben etwas anderes, wenn mir eine Figur einen ganzen Abend gehört. Da kann man immer wieder etwas aus probieren und die Figur aufbauen, es kann mir auf der Bühne keiner reinreden." Das verbietet sich von selbst, bei der Stimme.

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