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Stern Logo Academy Awards - Die Oscar-Verleihung

Coen-Brüder im Interview: Die wahren Goldjungs der Oscar-Nacht

Der Westernthriller "No Country for Old Men" war der Abräumer in der Oscar-Nacht. Der Film der amerikanischen Regiebrüder Joel und Ethan Coen bekam in Hollywood vier Trophäen überreicht. stern.de bat die erfolgreichen Brüder vor der Verleihung zum Interview.

Von Dieter Oßwald

Mit ihrem Krimi "Blood Simple" und der Baby-Komödie "Arizona Junior" avancierten die Coen-Brüder Joel und Ethan zu Kultregisseuren. Für die Hollywood-Persiflage "Barton Fink" gab es Gold in Cannes. Nach dem Flop "Hudsucker Proxy" fand das Duo mit der Kidnapper-Groteske "Fargo" zu alter Klasse samt Oscars zurück. Ähnlich ulkig fiel die skurrile Odyssee "O Brother, where art Thou" mit George Clooney und zuletzt das Remake der "Ladykillers" aus. In "No Country for Old Men", dem Thriller im Westernstil und Abräumer in der Oscar-Nacht, geht es etwas härter zu.

Ihr "Hudsucker Proxy" war ein Fiasko, die "Ladykillers" trotz Tom Hanks ein Flop. Ihr neues Werk wird seit Cannes frenetisch gefeiert - wie gehen Sie mit diesen Erfolgsschwankungen um?

Joel Coen: Erfolge sind schwer vorhersehbar. Für uns ist es schon immer wichtiger einen guten Film gemacht zu haben als ein gutes Kassenergebnis zu erzielen. Unsere Filme kosten keine 150 Millionen Dollar, die Etats bewegen sich in einem vernünftigen Rahmen, was uns gewisse Freiheiten bei unserer Arbeit ermöglicht. Solange die Investoren kein Geld verlieren, ist für uns die Sache völlig in Ordnung.

Wie weit verstehen Sie den Film als Kommentar über den Zustand von Amerika?

Joel Coen: Ich weiß nicht, ob man das als Kommentar verstehen kann. Der Film ist zwar pessimistisch, aber nicht mehr als der Roman. Uns war es wichtig, dass wir auf der Leinwand die gleichen Gefühle vermitteln, wie man es beim Lesen bekommt. Es ist eine harte Welt, in der diese Helden leben - aber die Lage ist nicht hoffnungslos.

Der Kommentar des Sheriffs am Anfang klingt resigniert, auch der Titel des Films macht wenig Hoffnung...

Ethan Coen: Der Held blickt am Anfang einfach zurück auf die gute alte Zeit. Er macht sich Sorgen über neue Formen von Kriminalität, die er auf sich zukommen sieht. Die Sinnlosigkeit dieser neuen Gewalt versteht er nicht mehr - er möchte das auch gar nicht verstehen Aber am Ende erkennt auch er, dass früher eben längst nicht alles so gut war, wie er behauptet. Die Welt war immer schon böse, das Leben war nie einfach - viele ältere Menschen verdrängen das ganz einfach gerne.

Wären Sie mit dem Prädikat Western einverstanden?

Ethan Coen: Auf gewisse Weise kann man das als Western sehen. Auch bei uns gibt es die guten und die bösen Typen, die gegeneinander antreten. Es werden aber auch andere Genre bedient. Bereits den Roman kann man als Krimi verstehen. Es gibt auch schöne Action und Verfolgungsjagden.

Ein derart langer Monolog am Ende ist nicht unbedingt kinotypisch - war das kein Risiko?

Joel Coen: Als Idee klingt das zunächst tatsächlich ungewöhnlich und riskant. Man muss so etwas eben einfach ausprobieren. Als Tommy Lee diesen Monolog zum ersten Mal gesprochen hat, waren alle Zweifel bei sofort beseitigt - für uns hat diese Szene sehr gut funktioniert.

Welches Verhältnis haben Story und Figuren bei den Coens?

Ethan Coen: Story und Figuren hängen eng zusammen. Aus dem Verhalten der Figuren ergibt sich die Handlung. Umgekehrt verhalten sich die Rollen je nach Situation. Wenn wir eigene Stoffe entwickeln, beginnen wir auf Seite eins und sehen, was passiert. Wir bauen kein Story-Gerüst, in das wir die Figuren stecken. Wir wissen zu Beginn selbst nicht genau, wie die Handlung aussehen wird. Story und Figuren reagieren aufeinander - das ist ein organischer Prozess

Wissen Sie schon beim Schreiben, wer die Schauspieler sein sollen?

Joel Coen: Bei eigenen Drehbüchern stellen wir uns beim Schreiben meistens vor, wer für eine Figur in Frage kommt, das hilft bei der Entwicklung. Wenn wir wie hier eine Buchvorlage übernehmen, ist das etwas anders. Wobei Javier Bardem schon ganz am Anfang unsere erste Wahl war. Wir wollten schon lange mit ihm arbeiten – und hier ergab sich endlich eine schöne Gelegenheit, weil sein spanischer Akzent so gut in die Geschichte gepasst hat.

Was macht die besondere Qualität von Bardem aus?

Ethan Coen: Das kann man wohl gar nicht genau in Worte fassen. Es bedarf schon eines sehr guten Schauspielers, damit aus solch einer Figur kein Klischee wird: ein rücksichtsloser Killer als schlichter Terminator wäre nicht sehr spannend. Bardem zeigt stattdessen einen Menschen, und genau das macht ihn interessant. Javier gehört zu diesen Menschen, denen man, aus welchen Gründen auch immer, einfach sehr gerne zuschaut.

Wer kam auf die Idee mit der Frisur des Killers?

Ethan Coen: Im Roman gibt es fast keine Beschreibung vom Aussehen des Killers, es ist lediglich die Rede davon, dass er Cowboy-Stiefel trägt. Die Kostümabteilung hat ein altes Foto aus den 70er Jahren gefunden, das in der Bar einer Grenzstadt zu Texas gemacht wurde. Dort trug jemand ganz genau diese Kleidung und die Frisur, mit der Javier nun im Film zu sehen ist - wir sind gespannt, ob dieser reale Typ sich nach dem Film bei uns melden wird.

Der Film spart nicht mit Brutalität - wo liegen Ihre Grenzen bei Gewaltdarstellung? Haben Sie beim Schnitt einige Szenen entschärft?

Joel Coen: Beim Schnitt überlegen wir natürlich, wie lange eine Gewalt-Szene dauert und welchen Effekt das auf die Zuschauer hat. Man muss das richtige Maß finden, was man zeigt. Entscheidend dabei ist immer der Kontext, in dem diese Gewalt stattfindet. Deswegen kann man abstrakt kaum Regeln aufstellen: Was in der einen Szene sinnvoll ist, mag in einer anderen Szene übertrieben sein.

Wie passt dieser Film in die Coen-Werken? "Blood Simple" trifft "Millers Crossing"?

Ethan Coen: Cormac McCarthy (der Autor des Romans) hat ein paar Mal erwähnt, dass ihm "Millers Crossing" ganz gut gefiel. Ich würde solche Bezüge jedoch nicht machen. Wir verzichten ohnehin lieber darauf, irgendwelche Parallelen anzustellen. Wenn sich andere Menschen darüber Gedanken machen wollen, können sie das gerne tun. Uns ist das ziemlich gleichgültig.

Sie produzieren und schreiben Ihre Filme stets gemeinsam - worüber streiten Sie am meisten?

Joel Coen: Wir streiten nicht, auch nicht mit den Crew-Mitgliedern. Dazu sind wir viel zu harmoniesüchtig. Wenn wir mit dem Drehen beginnen, sind die Dinge ohnehin schon geklärt. Beim Schreiben gibt es allenfalls kleine Diskussionen über diverse Details.

Wie sieht Ihre Zusammenarbeit konkret aus: gehen Sie da ein paar Wochen in die Berge in eine Hütte oder funktioniert das per Email?

Ethan Coen: Das ist ganz unspektakulär. Wir setzen uns in unserem Büro zusammen, reden über die Szenen und schreiben die Ergebnisse dann mit einem Computer auf.

Welches sind die Coen-Lieblingsfilme der Coen-Brüder?

Joel Coen: Wir haben keine Coen-Lieblingsfilme. Wir schauen die Filme später auch nie mehr an, wenn sie einmal fertig sind.

Was machen Sie als nächstes?

Joel Coen: Als nächstes machen wir etwas völlig anderes. Wir arbeiten bereits daran, das wird kein Thriller, sondern handelt von Menschen in Washington. Es geht um einen CIA-Agenten und jemand, der im Fitness-Studio arbeitet...

Es gibt etliche Bücher, die Ihre Arbeit ausführlich analysieren. Lesen Sie solchen Sachen?

Ethan Coen: Nein. Die sind ja alle auf Deutsch! (lacht)