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Dokumentarfilm "Man On Wire": Er balancierte zwischen dem World Trade Center

Vor fast 35 Jahren spannte Philippe Petit ein Seil zwischen den beiden Türmen des World Trade Centers, balancierte darauf und wurde dafür festgenommen. Jetzt erzählt ein Film die Geschichte des Franzosen: "Man On Wire" ist mit einem Oscar ausgezeichnet. stern.de traf Petit zum Interview in Manhattan.

Von Ulrike von Bülow, New York

Es war eine Schwindel erregende Aktion: Am 7. August 1974 spannte der Franzose Philippe Petit, damals 24 Jahre alt, in 417 Metern Höhe ein Drahtseil zwischen den Zwillingstürmen des World Trade Centers in New York - dann balancierte er darauf hin und her. Anschließend wurde er von der Polizei verhaftet. Der Dokumentarfilm "Man On Wire", der am Donnerstag in Deutschland angelaufen ist, erzählt nun die Geschichte von Monsieur Petit und seinem Ausflug auf das World Trade Center. "Man On Wire" wurde mit einem Oscar und weiteren Preisen ausgezeichnet. Der Film ist leise und doch spektakulär, eine Liebeserklärung an die Zwillingstürme.

Monsieur Petit, wenn Sie nach New York City kommen, gehen Sie dann zum Ground Zero?

Ich war dort, damals, bald nach dem 11. September. Ich denke natürlich an die Türme, aber darin sind Tausende von Menschen umgekommen, und ich spreche in diesem Zusammenhang nicht gern über die Türme. Das ist mir zu persönlich, das behalte ich lieber für mich.

Sagen Sie, wo Sie am 11. September waren?

Ich war zuhause. Ich besitze keinen Fernseher, ich hatte keine Ahnung, was geschah. Bis meine Nachbarn anriefen und sagten: Philippe, es ist etwas Schreckliches passiert. Den Rest des Tages saß ich bei ihnen vor dem Fernseher.

Der Film "Man On Wire" klammert den 11. September aus. Er dreht sich um Sie und Ihren Drahtseilakt zwischen den Türmen. Sie waren besessen von ihnen, seit Sie einen Entwurf des World Trade Centers sahen: 1968 war das, da saßen Sie in Paris beim Zahnarzt, blätterten in einer Zeitung und die Türme standen noch nicht.

Ich war 16 oder 17, als ich lernte, wie man auf dem Drahtseil balanciert; ich brachte mir das selber bei, und fortan faszinierten mich außergewöhnliche Orte oder Gebäude. Es war, als würden sie nach mir rufen. Ich sah Notre Dame, die Sydney Harbour Bridge – und wusste: Ich will dort auftreten!

Mit dem Drahtseil, was Sie auch getan haben.

Und als ich das World Trade Center sah, die Türme, habe ich mich sofort in sie verliebt. Ich musste da hoch.

On top of the world, wo es verdammt windig sein konnte: Waren Sie lebensmüde?

Nein, im Gegenteil: Ich liebe das Leben, ich würde es niemals aufs Spiel setzen. Ich balanciere auf einem Drahtseil, weil ich etwas erleben möchte. Sicher, es gehört zum Beruf des Seiltänzers, dass ein falscher Schritt, eine unaufmerksame Sekunde das Aus bedeuten kann, aber das ist bei einem Torrero nicht anders. Ich weiß, viele Menschen sehen mich an und denken, der Typ ist verrückt, aber das bin ich nicht. Ich bereite meine Projekte sorgfältig vor, monatelang, wie ein Ingenieur. Ich habe das World Trade Center in und auswendig studiert, um mein Leben zu schützen.

Wie sind Sie auf den Nordturm gelangt, von dem Sie Ihr Seil auf den Südturm spannten? Das World Trade war damals fast fertig und noch nicht eröffnet.

Ich habe verfolgt, wie die Türme gebaut wurden. Und dann flog ich nach New York: Auf den Dächern wurde noch gearbeitet, und ich habe mich als Maler getarnt, als Architekt ausgegeben oder als Journalist, am Eingang gefälschte Ausweise vorgezeigt und gesagt: Hallo, ich habe hier zu tun. Es war ziemlich einfach. Ich war häufig dort oben, um auszuloten, wie das mit dem Seil funktionieren konnte. Das größte Problem war: Wie bekomme ich das Seil auf die andere Seite, auf den Südturm? Ein Seil, dick wie ein Daumen und nicht ganz leicht? Und wie konnte ich es stabilisieren? Schauen Sie sich den Film an, dann wissen Sie, wie es ging!

Im Film sagen Sie, Sie seien einen Moment ganz starr gewesen, wie erfroren, als Sie dort oben standen und es losgehen sollte, an jenem Morgen im August 1974. Hatten Sie dann doch Angst?

Nein. Ich realisierte in diesem Moment: Das ist kein Traum mehr, es passiert – ich werde jetzt mein Leben dort hinüber tragen. Ich fragte mich: Laufe ich einmal hinüber? Hin und zurück? Bleibe ich zwei Minuten oder 45 Minuten? Darüber hatte ich noch gar nicht nachgedacht! Ich hielt also einen Moment inne, atmete, dann ging ich los. Durch die Luft, in eine andere Welt: Die Welt der Vögel. Nachdem ich die Hälfte des Seiles überquert hatte, fühlte ich mich…

...allmächtig?

Sagen wir so: Es war ein Gefühl des Sieges, ich hatte etwas Unglaubliches erreicht. Sie können auf den Fotos sehen, wie ich mich darüber gefreut habe: Ich lache darauf.

Sie schienen sich dort oben ziemlich sicher zu fühlen: Sie knieten sich eine Weile auf das Seil. Und dann unterhielten Sie sich mit einer Möwe. Was haben Sie der erzählt?

Das werde ich keinem Menschen erzählen – das war ein Gespräch unter Vögeln!

Haben Sie die vielen Menschen wahrgenommen, die unten standen und staunend zu Ihnen aufblickten? Sie sorgten ja ziemlich für Aufsehen.

Nein, in dem Moment nicht. Aber meine Freunde haben mir später erzählt, dass dort hunderttausend Menschen waren und ich einen gewaltigen Stau ausgelöst habe, weil die Leute anhielten und ihre Autos stehen ließen, um zu gucken, was ich da oben machte.

Es dauerte nicht lange, da standen ein paar Polizisten dort oben und erwarteten Sie...

...die sahen ziemlich wütend aus. Aber solange ich auf dem Seil war, konnten sie mir nichts anhaben. Ich wusste natürlich, dass die kommen, aber ich hatte nicht gedacht, dass sie mich so böse angucken würden. Ich wurde dann verhaftet, aber weil meine Aktion sehr populär war in der Stadt und die Aufmerksamkeit auf die Türme lenkte…

...mit denen die New Yorker sich noch so richtig angefreundet hatten...

...gab es dann einen Deal und man ließ mich laufen – dafür musste ich eine Show im Central Park aufführen. Es war ein guter Deal.