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Oscars 2011 Amerika sucht royalen Glanz


Sucht man in der Oscar-Nacht eine politische Botschaft, so findet man diese: Amerika sehnt sich nach dem Glanz eines Königshauses und traut seinem Vom-Tellerwäscher-zum-Millionär-Mythos nicht mehr recht.
Von Carsten Heidböhmer

Es gab Zeiten, da brauchten sich englische Könige in Amerika gar nicht erst blicken zu lassen. Noch 200 Jahre nach dem Unabhängigkeitskrieg war die britische Krone in der Neuen Welt ungefähr so beliebt wie US-Präsident George W. Bush in der Alten Welt. Insofern ist es schon unerhört, was sich vergangene Nacht in Hollywood zugetragen hat. Dort wurde ein englischer Schauspieler, der einen englischen König verkörpert, im Herzen der amerikanischen Traumfabrik mit der wohl höchsten Würde bedacht, die die republikanische US-Gesellschaft zu vergeben hat: Colin Firth wurde mit einem Oscar zum besten Hauptdarsteller der Saison gekrönt.

Doch der britische Triumphzug ging weit darüber hinaus: "The King's Speech" erhielt den Oscar als bester Film, der englische Filmemacher Tom Hooper bekam den Regie-Oscar. Den Preis für das beste Drehbuch bekam der in London geborene David Seidler. Als bester Nebendarsteller wurde der Waliser Christian Bale geehrt. Und der beste Kurzfilm entstand unter Beteiligung des Engländers Andrew Ruhemann. Ein triumphaler Abend für den britischen Film.

Oscar für Engländer-Gemetzel

Früher konnte Britannien in Hollywood eigentlich nur punkten, wenn es schlecht wegkam. 1995 etwa: Damals sorgte die Komödie "King George - Ein Königreich für mehr Verstand" über den dem Wahnsinn anheimfallenden König George III. in den USA für große Erheiterung. Der Film wurde für vier Oscars nominiert und immerhin für die beste Ausstattung ausgezeichnet. Noch bitterer wurde es für die Engländer im folgenden Jahr: "Braveheart", die Ode auf den schottischen Freiheitskämpfer William Wallace, wurde mit fünf Oscars der große Gewinner des Abends. Das Engländer-Gemetzel wurde unter anderem in den Königsdisziplinen bester Film und beste Regie ausgezeichnet. Wenig besser kamen die Engländer in "Rob Roy" weg, der Film erhielt im selben Jahr immerhin eine Nominierung für den besten Nebendarsteller. Und 2001 erhielt das Schlachtendrama "Der Patriot" über den amerikanischen Unabhängigkeitskrieg drei Nominierungen.

Ist es Zufall, dass die Zeit des großen Engländer-Bashings in Hollywood mit dem 11. September 2001 jäh ein Ende fand? Jedenfalls wurde danach kein Film honoriert, der sich aus der Verachtung der Engländer speiste. Im Gegenteil: Der sich respektvoll Königin Elisabeth II. nähernde Film "The Queen" wurde sechs Mal nominiert - und mit Helen Mirren schon einmal eine Monarchin im Herzen Hollywoods gekrönt.

"True Grit" war der große Verlierer

Der Triumph von "The King's Speech" in diesem Jahr geht aber weit darüber hinaus. Nicht nur, weil er in größerem Stil abgeräumt hat. Wo ein strahlender Sieger ist, gibt es meist auch einen enttäuschten Verlierer. Und interessant ist hier, wer angesichts des englischen Durchmarschs den Kürzeren zog: Abgeschmiert ist vor allem "True Grit", die Ode auf den amerikanischen Freiheitsdrang, auf die uramerikanische Tradition, Probleme selbst in die Hand zu nehmen und mit Waffengewalt zu lösen. Dieser Film traf ganz offensichtlich nicht den Nerv der Academy und ging trotz zehn Nominierungen leer aus. Doch auch "Social Network" und "The Fighter", beide ebenfalls als bester Film nominiert, wären mit ihrer Variation der Vom-Tellerwäscher-zum-Millionär-Geschichte geeignet gewesen, den amerikanischen Traum zu feiern.

Doch es scheint, dass die Supermacht müde geworden ist und sich angesichts der Überdehnung ihres eigenen Reichs nach etwas royalem Glanz sehnt. In der amerikanischen Geschichte wie Gegenwart, das ist die Botschaft dieses Abends, ist derzeit nichts Erbauliches zu finden.


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