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Oscars 2015: Was uns Hollywood damit sagen will

Trotz großartiger Filme war die Oscar-Verleihung beeindruckend öde. Also reden wir lieber über das Kino! Und darüber, warum Gastgeber Neil Patrick Harris plötzlich in Unterhosen dastand.

Von Sophie "Fletcher" Albers Ben Chamo

Als Neil Patrick Harris "Birdman"-mäßig blank zog, hätten eigentlich alle wissen müssen, dass Michael Keatons Existenzkrise gewinnen würde.

Als Neil Patrick Harris "Birdman"-mäßig blank zog, hätten eigentlich alle wissen müssen, dass Michael Keatons Existenzkrise gewinnen würde.

Wäre die Oscar-Verleihung der Film "Whiplash", hätte man Neil Patrick Harris stellvertretend für Hollywood einen Stuhl an den Kopf pfeffern müssen. Mit einem trockenen, fletcheresken "Nicht mein Tempo." Und dann hätte man seine Wut über diesen öden Abend von der Kette lassen und losbrüllen können: "Warst du zu langsam oder zu schnell?!" Und dann hätte Neil Patrick Harris angefangen zu weinen.

Nein, das soll er natürlich nicht. Aber seine Oscar-Gala war im Vergleich zu der von Ellen Degeneres im Vorjahr eine glatt polierte Enttäuschung. Loser. Big Time. Harris in Unterhosen konnte Degeneres' Superselfie und dem Pizzaboten nicht mal das Wasser reichen. Unterhosen? Sie haben richtig gehört. Höhepunkt der Harris-Show war es, irgendwann plötzlich in neonweißen Unterhosen, mit schwarzen Strümpfen und Lackschuhen auf der Bühne zu stehen. Natürlich eine Anspielung an die Szene in "Birdman", als Michael Keaton nicht mehr ins Theater kommt und in Unterhosen über den Broadway rennen muss. Die Szene stammt aus eben jenem Werk, das am Ende den Königspreis für den besten Film gewonnen hat. Und für die Regie. Und fürs Drehbuch. Und für die Kamera. Männer-Ego-Kunst mit Jazz-Getrommel und immer kurz vor der Hysterie. Allemal schlaues Kino über die Existenzberechtigung von Stars, aber doch deutlich flacher als "Boyhood". Richard Linklaters Zwölf-Jahres-Experiment, das diesen Oscar so sehr verdient hätte. Mit dem die Academy hätte zeigen können, wie ernst sie es mit dem Kino meint. Genau, lassen Sie uns über die Filme reden. Denn die Gala ist nicht wirklich der Rede wert.

Kriegsveteranen und Whistleblower

Es waren politische Oscars, schon im Vorfeld. Größter Diskussionsgrund war die Abfuhr für das Martin-Luther-King-Drama "Selma", das so aufwühlend und berührend vom Kampf gegen den Rassismus erzählt. 1965, aber auch heute. Der Song "Glory" hat gewonnen. Und die Musiker John Legend und Common haben in ihrer Dankesrede Stellung bezogen. Aber das war's. Ansonsten war "Selma" nur in der Kategorie bester Film nominiert.

Clint Eastwoods "American Sniper" ist umstritten, behandelt jedoch das so dringende Thema der Kriegsveteranen. "Whiplash" lässt sein Publikum Blut und Wasser schwitzen, wenn ein Elite-Musiklehrer faschistische Methoden auspackt. "The Imitation Game" erzählt von einem Kriegshelden, der nach Kriegsende in den Tod getrieben wird, weil er homosexuell war. Mut bewiesen hat die Academy, indem sie "Citizenfour", die Dokumentation über den Whistleblower Edward Snowden, mit einem Goldjungen geehrt hat. Großartig ist der Oscar für das polnische schwarz-weiße Meisterwerk "Ida" als bester ausländischer Film.

Die Hauptdarsteller-Oscars entsprechen voll und ganz der bekannten Academy-Logik, das Porträt körperlicher Gebrechen zu honorieren. Allerdings haben beide - Julianne Moore im Alzheimer-Drama "Still Alice" und Eddie Redmayne im Stephen-Hawking-Porträt "Die Entdeckung der Unendlichkeit" - Edelsteine ihrer Kunst abgeliefert.

Öde, öde, öde

Wie Alejandro González Iñárritus "Birdman" hat auch Wes Andersons "Grand Budapest Hotel" vier Oscars gewonnen - allerdings in den "kleinen Kategorien" wie Soundtrack und Ausstattung. Doch ist das eine anzuerkennende Vorbeugung vor der Eigenwilligkeit des Kinos.

Alles in allem waren die Oscars 2015 ein gutes Jahr fürs Kino. Auch wenn der Oscar für den besten Film nicht die beste Entscheidung war. Fürs Entertainment allerdings waren sie eine Niederlage. Viel zu lieb, zu glatt, zu einstudiert war selbst Harris in Unterhosen. Eben deshalb kursieren nun die ganzen kleinen Videos, die skurrile, spannende oder lustige Situationen im Publikum zeigen. Auf der Bühne war es einfach zu langweilig.