VG-Wort Pixel

Oskar Roehlers "Jud Süß" Kaspertheater um eine vergiftete Karriere


Regisseur Oskar Roehler widmet sich in seinem Melodram "Jud Süß - Film ohne Gewissen" der Entstehungsgeschichte des antisemitischen Erfolgsfilms und stellt den Jud-Süß-Darsteller Ferdinand Marian ins Zentrum der Geschichte.

Im Giftschrank der Filmgeschichte lagert seit fünf Jahrzehnten der antisemitische Erfolgsfilm "Jud Süß", der 1940 von Regisseur Veit Harlan im Auftrag von NS-Propagandaminister Joseph Goebbels gedreht wurde. Regisseur Oskar Roehler widmet sich in seinem am 23. September anlaufenden Melodram "Jud Süß - Film ohne Gewissen" der Entstehungsgeschichte dieses Machwerks, indem er das Schicksal des Jud-Süß-Darstellers Ferdinand Marian ins Zentrum stellt. In Roehlers Lesart ist der Österreicher Ferdinand Marian zwar bekannt, aber ein noch zweitklassiger Darsteller, als ihm Goebbels, der seit Monaten das Filmprojekt forciert, die Hauptrolle anträgt.

Wie bereits zuvor Stars wie Gustav Gründgens, Emil Jannings und Willi Forst, die unter allen möglichen Ausreden ihre Mitwirkung in dem Hetzfilm über die historische Figur des Finanzbeamten Jud Süß Oppenheimer absagten, verweigert sich auch Marian. Doch Zampano Goebbels macht erfolgreich Druck auf den aufstrebenden Mimen, unter anderem mit Drohungen gegen dessen halbjüdische Ehefrau. Der Film hat einen Riesenerfolg, wird von 20 Millionen Deutschen gesehen und während des Krieges Soldaten und SS vorgeführt.

Der eitle Marian, der sich ausbedungen hat, der Zerrfigur des Jud Süß sympathische Züge zu verleihen, merkt zu spät, dass er damit die Hetzwirkung des angeblichen Historienfilms noch steigert. Als Liebling des Nazi-Establishments genießt er seinen Ruhm und hadert zugleich mit sich. Während jüdische Kollegen verfolgt werden, verliert der frühere Bonvivant und Frauenheld die Kontrolle über sein Leben. Bei Kriegsende ist er ein nervliches Wrack. Warum sind so viele Filmkünstler im Dritten Reich geblieben, ist die Frage, die Roehler auf den ersten Blick umtreibt.

Das Melodram hat einen leicht bräunlichen, im historischen Agfa-Farbton der damaligen Zeit gehaltenen Look und lässt die Größen der Nazi-Filmindustrie Revue passieren. Doch auch die einzigartige Starbesetzung - unter anderen Tobias Moretti als Marian, Martina Gedeck als seine leidgeprüfte Gattin, Moritz Bleibtreu als Goebbels und Justus von Dohnanyi als Veit Harlan - nützt nichts: Auf der Berlinale wurde der Film ausgebuht - zu Recht.

Roehler ("Elementarteilchen"), ohnehin nicht für Subtilität bekannt, kann sich nicht entscheiden zwischen wahrheitsgetreuer Schilderung, aufgetuntem Ausstattungs-Melodram und entlarvender Sexgroteske. Ein schlimmer Fehlgriff ist es, Marian eine halbjüdische Ehefrau anzudichten, um seine Entscheidung zu legitimieren und ihn letztlich statt als Karrieristen und Mitläufer als Opfer zu zeigen. Auch wird verschwiegen, dass Marian nach "Jud Süß" keinesfalls in Ungnade fiel und bis Kriegsende gut beschäftigt war. Vor seinem tödlichen Unfall 1946 - im Film ein angedeuteter Selbstmord - stand er kurz vor Abschluss des Entnazifizierungsverfahrens.

Bleibtreu gibt Goebbels als tobendes Rumpelstilzchen, während die übrigen Darsteller mit zombiehaft-theatralischer Starrheit chargieren. Moretti tut zwar sein Möglichstes, um der Hauptfigur Wahrhaftigkeit zu verleihen. Doch das Drehbuch kommt ihm ständig in die Quere. Sexszenen, in denen etwa seine Partnerin verlangt, dass er die "Jud- Süß"-Vergewaltigung des "arischen" Mädchens nachspielt, oder die Umtriebe des notgeilen Goebbels verweisen zwar auf die sexuellen Unterströmungen von Antisemitismus und faschistischer Ideologien. In dieser unausgegorenen Machart wirken sie aber lediglich als Verstärker eines ziellos hysterischen Kaspertheaters.

APN APN

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker