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Im Kino: "Jud Süß - Film ohne Gewissen" Die Macht der Propaganda


Oskar Roehlers "Jud Süß - Film ohne Gewissen" erzählt von der Entstehung des größten Nazi-Propagandafilms. Doch Mechanismen von Stigmatisierung und Ausgrenzung wirken auch heute.
Von Sophie Albers

Eine eiserne Regel der Filmkritik lautet: "Bewerte, wie es gemacht wurde, nicht was." Allerdings gibt es Filme, deren Kontext diese Regel sprengt, weil man beides sehr genau betrachten muss. Zum Beispiel Propagandafilme.

Keine Angst, ich werde Thilo Sarrazins Buch "Deutschland schafft sich ab" nicht mit Veit Harlans antisemitischer Hetze "Jud Süß", einem der schlimmsten Nazi-Machwerke, vergleichen. Das würde dem SPD-Politiker mit Hang zum Populismus zu viel Bedeutung und Einfluss zusprechen. Allerdings hat auch Berlins ehemaliger Finanzsenator mit seinem Buch ein Propagandainstrument geschaffen. Und dazu brauchte es nicht einmal jemanden, der ihn stößt. Aber reden wir erst einmal über Oskar Roehler und seinen neuen Film.

Darf man das?

Der Regisseur von polarisierenden Filmen wie "Der alte Affe Angst" (2003) und "Elementarteilchen" (2006) nimmt seinen Job als Künstler sehr ernst, deshalb greift er immer wieder Grenzen an. Er betrat bewusst vermintes Gebiet, als er sich entschloss, "Jud Süß - Film ohne Gewissen" zu drehen. Darin verhandelt Roehler nicht weniger als die Frage nach der moralischen und politischen Verantwortung des Künstlers. Der Film erzählt, wie der leidenschaftliche Schauspieler Ferdinand Marian (eindrucksvoll gespielt von Tobias Moretti) die Hauptrolle im antisemitischen NS-Propagandafilm "Jud Süß" übernimmt - wie er mit sich kämpft und doch aus Eitelkeit und durch Selbstüberschätzung zum willigen Werkzeug der Naziideologie machen lässt.

Roehlers bis auf wenige Ausnahmen klassisch inszenierter Film sorgte bereits auf der Berlinale im Februar für Buhrufe sowie die üblichen Diskussionen, die Filme zum Thema Drittes Reich nach sich ziehen: Darf man das? (metaphorisch überdrehte Sexszene mit Gudrun Landgrebe als KZ-Kommandanten-Gattin); und ist es historisch verbürgt? (Roehler hat viel fiktionalisiert, unter anderem Marians Frau eine jüdische Abstammung verpasst)

Doch der Film bringt noch etwas mit, und das schlägt tatsächlich den Bogen über Veit Harlan zurück zu Thilo Sarrazin: Kaum eine Kinokritik zu Roehlers Film wird darauf verzichten, auf die Propagandamechanismen des Originalfilms einzugehen, dessen Entstehungsgeschichte Roehler ja erzählt. Und vielleicht schärft das auch den Blick des einen oder anderen Zuschauers und Lesers für Sarrazins Populismus und die nachfolgende Propaganda.

20 Millionen Zuschauer

Veit Harlans "Jud Süß" kam im September 1940 in die deutschen Kinos, wo er 20 Millionen Zuschauer fand. Er gilt heute als "Film zur Endlösung", denn die vom realen Schicksal des Joseph Süß Oppenheimer inspirierte Geschichte hatte einzig ein Ziel: Antisemitismus zu fördern und zu stärken, damit die Demütigungen, die Deportationen und die industrielle Vernichtung der jüdischen Bevölkerung ungestört weiterlaufen konnten.

Der reale Oppenheimer war Opfer eines Justizmordes im 18. Jahrhundert. Ihm gelang der Aufstieg vom Kaufmann aus dem jüdischen Ghetto zum engsten Finanzberater des Herzogs Karl Alexander von Württemberg. Als der starb, wurde sein Finanzier unter falschen Anschuldigungen vor Gericht gestellt. Die Anklage lautete unter anderem Hochverrat, Schändung der protestantischen Religion und Vergewaltigung einer 14-Jährigen. 1738 wurde Oppenheimer zum Tode verurteilt und gehenkt. Sein Leichnam wurde sechs Jahre lang in einem Käfig zur Schau gestellt.

Angetrieben von Propagandaminister Joseph Goebbels machte Harlan aus dem Justizmord eine gerechte Verurteilung. Und die Vergewaltigung mit anschließendem Suizid der von Harlans Gattin Kristina Söderbaum gespielten "Arierin" Dorothea sorgte in den Kinos für antisemitisches Gepöbel.

Die überhöhte emotionale Darstellung in "Jud Süß" befeuerte bereits vorhandene Ressentiments. Alle Vorurteile und Klischees der nazistischen Blut- und Rassenlehre wurden bestätigt. Eine ganze Bevölkerungsgruppe wurde stigmatisiert als schmierig, kriminell, gierig, gewalttätig, manipulativ, "schädlich" dargestellt, bis am Ende der hasserfüllte Ausruf stand: "Der Jude muss weg". Goebbels war begeistert. "Falsche Gefühle hochzüchten und glaubhaft machen" nennt es Harlans Sohn Thomas in Felix Moellers umfassender wie beeindruckender Dokumentation "Harlan - Im Schatten von 'Jud Süß'", die am 23. September um 23:15 Uhr im WDR läuft und auch auf DVD vorliegt.

Zerrbilder

Im Hochzüchten und Glaubhaftmachen üben sich auch Sarrazin und die Kolporteure seiner Thesen: Er schafft eine neue Bevölkerungsgruppe, indem er die unterschiedlichsten Herkünfte und Hintergründe unter der Religionsbezeichnung muslimische Migranten zusammenfasst und verunglimpft sie. Sie seien erblich bedingt dümmer, weniger tüchtig, weniger moralisch gefestigt und integrationsunwillig, heißt es. Und das, so die Ausführungen des ehemaligen Bundesbankvorstandes, alles zum Schaden Deutschlands, wo man doch immer stolz war auf den Fleiß und die Tüchtigkeit der Bevölkerung. Unterlegt wird die allgemeine Herabwürdigung mit unsauberen Statistiken und Zerrbildern. Sarrazin schürt damit unter Deutschen bereits vorhandene existenzielle Ängste um Job, Familie und Rente - zudem unterstützt vom Massenblatt "Bild", das mit dem Titel "Das wird man ja wohl noch sagen dürfen" den Angriff zur Verteidigung stilisierte.

Und es hat gewirkt. Während sich Spitzenpolitiker in der Ablehnung von Sarrazins Thesen einig waren, ergab eine Umfrage des "Stern" Anfang September, dass 61 Prozent der Bevölkerung Sarrazins Thesen teilweise zustimmen. Eine Umfrage des Info-Instituts Mitte September zeigte, dass 37 Prozent der Bundesbürger Sarrazin Recht geben. Dem stehen immerhin 42 Prozent gegenüber, die ihn ablehnen. Allerdings habe die islamkritische Haltung zugenommen. Waren im Januar dieses Jahres 30 Prozent der Deutschen der Meinung, dass der Islam "keine friedfertige Religion" sei, sind es nun 39 Prozent. "Da im Zeitraum seit Januar in der Integrationspolitik nichts Außergewöhnliches passiert ist, muss die Zunahme mit der Debatte um Sarrazin zu tun haben", ließ sich Info-Instituts-Chef Holger Liljeberg zitieren. Jeder sechste Befragte halte die islamische Religion zudem für "eine Bedrohung für die deutsche Kultur".

"Gerade unter dem schönsten Baum sitzt immer schon der Wurm, der an der Wurzel nagt und später die Krone zum Welken bringt", schreibt Sarrazin im Vorwort zu "Deutschland schafft sich ab" (Vorabdruck, Anm. Red.). Wenn materieller Wohlstand und gesellschaftliche Stabilität die Krone sind, dann sind Menschen mit Migrationshintergrund die Würmer? Man muss Thilo Sarrazins Buch nicht mit übler Propaganda vergleichen, er tut es schon selbst.


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