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Schauspielerin Emilia Schüle Teenietochter? Junkiekünstlerin!


Mit 14 die erste Hauptrolle, mit 21 den Schauspielpreis. Emilia Schüle gilt als Talent des deutschen Films. In Oskar Roehlers neuer Komödie mimt sie eine heroinsüchtige Künstlerin. Eine Begegnung.
Von Vivian Alterauge

Für Deutschlands Taxifahrer spielt Emilia Schüle die Filmpraktikantin. Zumindest, wenn sie gefragt wird, was sie denn beruflich so mache. Praktikum, das passt doch, da hakt keiner so genau nach. Sie redet nicht gern mit jedem über ihren Beruf, sagt sie.

Autofahrten verbringt sie derzeit sowieso lieber damit, Straßenschilder zu deuten. "Was heißt noch mal die Rakete?" Einmalige Vorfahrt? "Und das hier?" Rundes Schild, weißer Hintergrund, rot umrandet: Verbot aller Fahrzeuge. Wann immer es geht, rechnet und übt sie auf ihrer Fahrschul-App. Sobald wie möglich will die Jungschauspielerin ihren Führerschein machen. Bis jetzt hatte sie dazu einfach keine Zeit.

Was sie stattdessen gemacht hat? Lässt sich ungefähr so raffen: Erste Hauptrolle mit 14, als "Freches Mädchen", gut eine Millionen Menschen schauten ihr zu. Seitdem: Mehr als 30 Rollen in Fernseh- und Kinoproduktionen. Internationales Abi. Schauspielpreis, Goldene Kamera, "Wegwerfmädchen" sei Dank.

Der "Tatort" machte sie bekannt

Mit dem Part einer ukrainischen Zwangsprostituierten in der Doppelfolge des Hannoveraner "Tatorts" rauschte Schüle nur so hinein in die Wahrnehmung des deutschen Publikums - und den Jurys deutscher Filmpreise. Vielleicht erzählt ihre Geschichte die eines klassischen deutschen Teenie-Stars, Nachwuchsschauspielerin heißt das offiziell.

Zugleich umgibt Emilia Schüle etwas Besonderes, das schwer zu fassen ist. Sie strahlt diesen kindlichen Charme mit erfrischender Abgeklärtheit aus. Beinahe altklug kann man das nennen. Man möchte sie schwesterlich schützen und gleichzeitig bewundern.

Weil sie über das Filmen redet wie eine gebrechliche Grande Dame des Kinos. Weil sie mit 22 Jahren womöglich mit mehr Menschen gearbeitet hat als andere ihr ganzes Leben lang. Und irgendwie alles spielen kann: Teenagerzicke und Verführerin, Druffi und Verschleppte. Immerzu herrlich unverkrampft.

Zum Interview erscheint sie, wie Anfangzwanzigerinnen an einem Frühlingsnachmittag in Berlin eben flanieren: hochtaillierte Jeans, marinefarbener Wollpullover, minimal bauchfrei, dazu einen grauen, knöchellangen Mantel.

Einfach spielen, nicht nachdenken

Kurz zuvor hat sie ihre Haare gefärbt, karminrot. Experimentiert, was man eben so macht als junges Mädchen. Kein Thema - außer für ihre Stylistin, wie sich später am Nachmittag herausstellt. Rote Haare lassen sich gar nicht so leicht kombinieren. Eine Lektion, wenn auch eine nebensächliche.

Bis vor kurzem musste Schüle sich schließlich wenig sorgen um Kleider, um rote Teppiche und Filmpartys. Da ging sie zur Schule, und drehte. War froh, wenn sie mal etwas Zeit für sich hatte - und ihre Nichtfilmfreunde. Ihr Vater drohte ihr schon nach dem ersten Werbefilmdreh: Wehe, du wirst jetzt eingebildet. Mit 16 bat eine Regisseurin sie, doch bitte nicht so viel nachzudenken über ihre Rollen. Sie solle doch einfach spielen. Das tat sie dann auch.

Dann überrollte sie das 2014, ihr wichtigstes Jahr, sagt sie. Nicht nur zweifach ausgezeichnet. Auch glückten Castings, deren Rollen ihr bisheriges Repertoire des harmlosen Teenagers oder der Tochter durchbrachen. Neben einer Fantasy-Geschichte mit David Kross spielt sie in Oskar Roehlers "Tod den Hippes - es lebe der Punk" eine heroinsüchtige Jungkünstlerin aus New York, Sanja.

"Lass das bloß nicht lächerlich aussehen"

"Früher hatte ich oft das Gefühl, den Regisseuren würde oft der Mut fehlen, mich gegen den gesuchten Typ, wie zum Beispiel als Punk, zu besetzen", glaubt Schüle. "Es ist immer wieder mal passiert, dass ich gutes Feedback bekam - aber trotzdem ein 'nein'." Sie habe schon das Gefühl, aktiv dagegen anzukämpfen nicht in eine Schublade gepackt zu werden. Die Blonde mit dem weichen Gesicht, den Kinderaugen. Ihr Aussehen habe ihr oft nicht weitergeholfen.

Ende 2013 dann die ersten Nominierung, Günter-Strack-Fernsehpreis. Der Gewinn sollte die Karriere anschieben, genau das sein, was sie brauchte. Schüle ging leer aus. Eine Enttäuschung. Ein halbes Jahr später bekam sie den Schauspielpreis, bester Nachwuchs. "Doch da war eigentlich gerade alles perfekt und ich war an einem guten Ort." Eine Woche später begannen schließlich die Dreharbeiten zu Roehlers Film "Tod den Hippies".

Tatsächlich hatte Roehler noch nie zuvor von der jungen Schauspielerin gehört. Doch schon beim ersten Vorsprechen habe sie ihn überzeugt. Als sie die Zusage kam, vergrub sie sich in Bildbände über das Berlin der 80er. Von Roehler ließ sie sich erzählen, wie diese Frauen waren, von denen er für die Rolle inspiriert wurden, was sie dachten und fühlten. Mit einem Coach trainierte sie den amerikanischen Dialekt. Am meisten ängstigte sie die Heroinabhängigkeit der Figur. "Lass das bloß nicht lächerlich aussehen", dachte sie immer wieder.

Erotisch, ohne billig zu sein

Die Sorge ist unbegründet. Schüle spielt die Rolle der Sanja mit solch einer traurigen Hingabe, dass man zeitweilig den Plot der manchmal etwas überstilisierten Komödie vergisst. Sie tanzt und wütet und malt, oft leicht bekleidet, nie nackt, das wollte sie nicht. Sie darf sogar Schweinebraten in Stripperrobe bestellen, ohne dass man ob der faden Überzeichnung schnaubt.

Roehler selbst erkannte das erst im Schnittraum. "Sie hat sich so präzise, so realistisch auf die Rolle vorbereitet", am Set habe er das nicht honoriert. "Es war gar nicht schräg genug." Doch als er die Szenen in Ruhe ansah, war er geplättet. "Mit diesem Charme hat sie dem Film einen gewissen Ernst zurück gegeben", sagt er. Das sei genau das Richtige gewesen. Emilia habe etwas, das viele nicht haben, sagt Roehler: Star Appeal. "Sie ist erotisch, ohne billig oder komisch zu sein." Und unglaublich charmant.

Als sie am Abend in einen Designerstore in Berlin Mitte läuft, ist Schüle wieder ganz Mädchen. Brav gibt sie der Filialleiterin die Hand, "Ich bin Emilia Schüle" sagt sie. Und als die Dame kurz irritiert dreinblickt, schiebt sie hinterher: "Die Schauspielerin." Sie dürfe sich für eine Veranstaltung Kleidung aussuchen. Vorsichtig befühlt sie die Seidenkleider auf den Bügeln. Aus der Umkleidekabine dann trippelt sie auf Zehenspitzen heraus. So wie die ganz Großen.


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