RTL-2-Reportage "100 Tage" "Es sieht aus wie auf dem Friedhof"


Zweieinhalb Monate nach den Großbränden von Griechenland hat sich ein Fernseh-Team vor Ort umgesehen, wie die Menschen mit den Folgen der Katastrophe umgehen. Herausgekommen ist eine sehenswerte Reportage über ein Thema, das längst aus den Nachrichten verschwunden ist.
Von Peer Schader

Ende August schien es so, als sei in Griechenland nichts mehr zu retten. Großflächige Brände vernichteten Wälder und Dörfer, die Menschen standen auf der Straße und mussten zusehen wie ihre Häuser abbrannten, die Feuerwehren waren völlig überlastet. Das Ausland schickte Hubschrauber und Löschfahrzeuge zur Hilfe, die Medien schickten Kamerateams und Reporter. Für ein paar Tage beherrschte die Katastrophe in Griechenland die Nachrichten. Als die Feuer gelöscht waren, sind die meisten wieder gegangen.

Was danach passiert ist und wie es heute in den Orten aussieht, die von dem Flammen überzogen waren, hört man nur selten. In den Nachrichten erst recht nicht. Dabei ist es hochinteressant, wie die Griechen mit den Auswirkungen der Brände umgehen. Genau an diesem Punkt setzt die RTL-2-Reportage "100 Tage" an. Einmal im Jahr traut sich der Sender, der sonst nicht gerade wegen seiner hochseriösen Nachrichten bekannt ist, eine klassische Reportage zu. Er schickt ein Kamerateam raus, das erforschen soll, was aus den Menschen geworden ist, die vor 100 Tagen bei einem für die Nachrichten relevanten Ereignis dabei waren.

Für "Verbrannte Erde - Die Flammenhölle von Griechenland" ist das RTL-2-Team nach Zacharo gefahren, dem griechischen Ort, an dem die Feuer besonders schlimm gewesen sind. Ein Olivenbauer hat die Gäste aus Deutschland durch seinen Hain geführt - oder besser: das, was noch davon übrig ist. 500 Bäume sind verbrannt, manche davon waren über 200 Jahre alt und schon seit Generationen im Familienbesitz. Er sagt: "Es sieht aus wie auf dem Friedhof." Ernte gibt es auf absehbare Zeit keine. Die Versicherung hat 12 Euro für jeden verbrannten Baum bezahlt. Mehr ist nicht drin.

Bald steht hier ein Hotel

An einem Hügel zeigt ein Ziegenhirte, wo seine Herde vom Feuer überrascht wurde. Er konnte die Ziegen nicht retten, weil er plötzlich von Flammen umringt war und Mühe hatte, sich selbst in Sicherheit zu bringen. Am Boden liegen mit Asche bedeckte Tierschädel, die noch niemand weggeräumt hat.

Unten im Dorf rüsten sie sich für den Winter. Wenn es dann zu regnen anfängt, wird die trockene Erde von den Hängen hinunter ins Dorf gespült, und mit ihr die vielen Baumstämme. Eigentlich steht den Bewohnern schon die nächste Katastrophe ins Haus. Waldarbeiter haben Baumstämme an den Hängen ineinander verkeilt, um Dämme zu errichten und alte Eisenbahnschienen in das Flussbett gerammt. Wenn die Überschwemmung kommt, wird eine Sirene losgehen, damit sich alle Bewohner des Dorfes in den zweiten Stock retten können. Das ist alles, was getan werden kann? Scheinbar ja.

Zugleich wissen viele, wie sie Vorteil aus der Katastrophe ziehen können. Der Bürgermeister von Zacharo, Pandazis Chronopoulos, ist selbst durch die Flammen gefahren, auf einer Straße am Hang steht noch sein verbrannter Truck. Überall muss Aufbauarbeit geleistet werden. Aber Chronopoulos hat als allererstes das abgebrannte Naturschutzgebiet in der Nähe als Bauland ausweisen lassen, zwei Tage nachdem die Feuer gestoppt waren. Jetzt soll dort ein Hotel gebaut werden. "Chronopoulos ist eines der größten Schlitzohre des Landes", heißt es in "100 Tage". Umweltexperten wollen versuchen, die Pläne zu verhindern.

Die Reportage thematisiert in unaufgeregtem Ton die unterschiedlichen Aspekte der Katastrophe: Dass bisher von der Regierung 73 angebliche Brandstifter verurteilt wurden - aber außer einem noch keiner verurteilt und niemand weiß, wer verantwortlich ist. Dass die Feuerwehr keine bessere Ausrüstung erhält, obwohl das dringend nötig wäre, um beim nächsten Feuer reagieren zu können. Und dass es einen "Kreislauf des Profits" gibt, bei dem die zerstörten Leben egal sind, weil es bloß darum geht, mit plötzlich bebaubarem Land möglichst viel Geld zu verdienen.

Der Anfang ist arg dramatisch

Ohne erschreckende Flammenbilder kommt aber auch "100 Tage" nicht aus. Dabei ist der Einstieg leider arg dramatisch geraten: Gezeigt werden die Bilder, die eine griechische Reporterin aufgenommen hat, die aus einem kleinen Ort berichten wollte und plötzlich mit einigen Bewohnern von den Bränden eingeschlossen war. Es ist zweifelsfrei beeindruckend zu sehen, wie sich Bäume entzünden als seien sie Streichhölzer - und gleichzeitig beängstigend, wie die Reporterin live über ihr Handy auf Sendung ist, während sie quasi in Lebensgefahr schwebt. Selbst als Hilfe kommt und sie in einen Hubschrauber hinauf gezogen wird, mag die Kollegin ihr Mikrofon nicht weglegen.

So funktioniert Berichterstattung manchmal eben auch: Wer die dramatischsten Bilder hat, gewinnt. Eine deutlicher Distanzierung davon hätte "100 Tage" gut getan, zumal die Reportage mit ihrem Prinzip ja selbst die üblichen Mechanismen der Medien aufzeigen soll: Schaut her, darüber seht ihr jetzt nichts mehr in den Abendnachrichten. Das wiederum ist zumindest im zweiten Teil, wenn die Feuerbilder weniger werden, gut gelungen.

Vor allem die stillen Landschaften mit den schwarzen Baumstümpfen und die Waldarbeiter mit den völlig verrußten Gesichtern sind es, die den Zuschauer erschrecken lassen und bewusst machen: In Griechenland ist längst nicht wieder die Normalität eingekehrt, auch wenn der Tourismus im antiken Olympia wieder läuft. Es wird wohl noch eine ganze Weile dauern, bis die Bewohner den Schock verwunden haben. Und es ist gut, daran erinnert zu werden, dass sich nicht alles ändert bloß weil die Kameras ausgeschaltet werden.

RTL 2 zeigt "100 Tage - Die Flammenhölle von Griechenland" am Sonntagabend um 23.40 Uhr.


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