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Russell Crowe: "I'm a very, very lucky boy"

Zum Start von "American Gangster" spricht Russell Crowe im stern.de-Interview über seine Beziehung zu Kult-Regisseur Ridley Scott, das Familienleben eines Hollywood-Stars und sein ewiges "Bad Boy"-Image. Damit soll es nun endgültig vorbei sein, findet der Superstar.

In "American Gangster" spielt Denzel Washington die Hauptrolle, der Film handelt vom Aufstieg und unvermeidlichen Niedergang eines Gangsters. Was hat Sie daran gereizt, "nur" den Polizisten zu spielen?

Vor vielen Jahren haben Denzel und ich zusammen "Virtuosity" gedreht, und damals hatte ich die schillernde Rolle. Nun haben wir einen Ausgleich gefunden. Ich hab mich auf "American Gangster" ganz bewusst eingelassen; es hat mir Spaß gemacht, ich mag den Typen, den ich spiele. Außerdem ist Frank Lucas, der Gangster, ein gigantischer Charakter und Regisseur Ridley Scott ein Filmgenie.

"American Gangster" ist Ihr dritter Film mit Ridley Scott und Sie haben mittlerweile in "Body of Lies" mit Leonardo DiCaprio Ihren gemeinsamen vierten abgedreht. Was ist die Basis Ihrer Beziehung?

He's my man. (lacht). "Nottingham" wird unser fünfter gemeinsamer Film werden - dafür lass ich mir gerade die Haare wachsen. Wir vertrauen uns und arbeiten gern zusammen. Das ist uns zum Drehschluss von "Gladiator" klargeworden. Wir haben den gleichen Rhythmus. Er sieht vor Drehbeginn alles schon vor sich und kann mir erklären, was er von mir braucht, um diese Vision umzusetzen. Viele denken, wir hätten keine Meinungsverschiedenheiten mehr, aber das stimmt ganz und gar nicht. 67 Prozent der Dinge sehen wir aus entgegengesetzten Perspektiven. Im Kern aber sind wir beide großzügige und liebenswürdige Menschen. Deswegen nehme ich mir die Zeit, seine Ansichten zu verstehen. Er wiederum vertraut meinem Instinkt und lässt mich so lange arbeiten, bis ich zufrieden bin. Ich drehe gern mit Ridley Scott, es ist eine Privileg und eine Ehre. Ridley ist der Boss. Er ist ein großer Künstler and I'm a very, very lucky boy.

Apropos "boy", wie erklären Sie sich Ihr "Bad Boy"-Image?

(Lacht) Ich nenne Ihnen die Quelle: die Medien. Es verkauft sich einfach besser. Sie können bei jedem, dessen Leben Sie unter die Lupe nehmen, irgendeinen Mist finden. Das kann man aufbauschen und übertreiben. Für eine Weile war ich der Richtige dafür. Aber die Zeiten sind vorbei. Jetzt sind andere dran.

Sie sind mittlerweile Vater von zwei Buben. Welchen Einfluss hat das auf Ihr Leben?

(Lacht) Im Haus wird nicht mehr geraucht! Vater zu sein ist bisher die aufregendste Zeit in meinem Leben. Ich lerne jeden Tag dazu, was meine Kinder von mir brauchen und was ich für sie tun kann. Die Beziehung zu meiner Frau ist dadurch tiefer und stärker geworden. Das erste Kind zu erleben war fantastisch und atemraubend. Beim zweiten ist es noch besser, weil man alles noch einmal erleben kann. Es macht aber nicht die doppelte Arbeit. Charlie ist dreieinhalb Jahre alt und quatscht ununterbrochen, er hat schon einen riesigen Wortschatz. Ich habe ihn am dritten Tag nach der Geburt seines Bruders beobachtet, wie er sich über die Wiege beugte, ihn ein bisschen schüttelte und sagte: "Tenneyson, sag doch endlich mal was." Die beiden sind grundverschieden. Charlie ist robust und Tenneyson tapfer. Das ist ein Unterschied! Neulich wurde der Kleine geimpft, dreimal, und er hat keine Träne vergossen. Der Arzt sagte zu meiner Frau Danielle, dass er das in 18 Jahren noch nie erlebt hätte. (lacht).

Wo ist Ihr Zuhause?

Wir leben meist in Sydney, aber wir werden bald mehr Zeit auf unserer Farm verbringen. Charlie steht darauf. Er liebt es, bei den Kühen und Pferden zu sein. Aber es ist auch gefährlich. Vor zwei Wochen hatte er eine Zecke an seinem Bein. Wir sind schließlich im australischen Busch und da gibt es Schlangen und Spinnen. Ich möchte, dass meine Kinder in der Natur aufwachsen. Das ist eine immerwährende Diskussion mit meiner Frau, dass ich sie von ihren Kaffeekränzchen und in den Bush verschleppen will… (lacht)

Haben Sie noch Zeit für Musik und treten Sie noch mit Ihrer Band auf?

Das hat sich drastisch geändert, seit ich Familie habe. Solange die Kinder noch so klein sind, ist es wichtig für mich, für sie da zu sein. Weil ich damit nicht mein Brot verdiene, ist das Musikmachen auf meiner Prioritätenliste weit nach unten gerutscht. Das bedeutet jedoch nicht, dass ich nicht ständig daran denke oder Songs schreibe. Eine Tournee steht aber vor 2009 nicht auf meinem Terminplan. Ich werde allerdings jede Gelegenheit wahrnehmen, hier und da aufzutreten.

Hätten Sie Interesse, im Theater aufzutreten? Singend? Tanzend?

Angebote dieser Art bekomme ich ziemlich regelmäßig. Aber solange nichts wahnsinnig Originelles kommt, denke ich darüber gar nicht nach. Ich gehe gern mit meinem Sohn ins Theater. Es macht mir Spaß, ihn dabei zu beobachten. Aber selbst Theater spielen möchte ich nicht. Vielleicht in zehn Jahren, so eine Rolle wie den Willy Lohman. Ich brauche keinen unmittelbaren Beifall, kein Schulterklopfen. Mich interessiert mehr, im Theater einmal Regie zu führen. Für mich ist das Theater ein Anachronismus. Wenn ich mit Ridley Scott arbeite, ist das für mich Theater: Ich marschiere in "Gladiator" ins Colosseum ein und 5000 Statisten sitzen im Publikum, ist das Theater im großen Stil.

In "American Gangster" hat Ihr Charakter, Richie, mehrmals seinen Job gewechselt. Haben Sie je Ihren Beruf als Schauspieler infrage gestellt?

Ich war 25 Jahre alt, als ich meine erste Hauptrolle bekam. Bis dahin hab ich mich mit verschiedenen Tätigkeiten über Wasser gehalten. Jetzt kann ich mir keinen anderen Beruf mehr vorstellen. Obwohl ich manchmal an meiner Zurechnungsfähigkeit zweifle, wenn ich bedenke, was das alles mit sich bringt. Wenn man Schauspieler wird, lernt man nicht, wie man mit Verrückten umgeht, von denen man verfolgt wird. Von Menschen, die zu Weihnachten eine Kamera bekommen und dann als Paparazzi losziehen. Die einem vor dem Haus auflauern, den Müll durchsuchen ... Davor hat mich niemand gewarnt.

Interview: Frances Schönberger