Satire Harald Schmidt wird wie ein Messias gefeiert


Dirty Harry is back: Bei dem One-Man-Happening im Kölner Museum Ludwig lief er vor gut 800 Gästen zu alter Hochform auf. Gewohnt zynisch und bissig teilte er ordentlich aus.

Braungebrannt und sichtlich gut gelaunt präsentierte sich Harald Schmidt bei seinem Comeback als Entertainer: Der frühere Late-Night-Talker bewies bei einer Kunstaktion am Donnerstag in Köln, dass er auch als Early-Night-Man Zuschauer begeistern kann. Bei dem One-Man-Happening im Museum Ludwig in direkter Nachbarschaft zum Dom lief er vor gut 800 Gästen im Foyer des Museums zu alter Hochform auf. "Das ist das, was ich seit seinem Ausscheiden vor fünf Monaten vermisse. Das macht ihm keiner nach", freute sich zum Beispiel Karin Selb, die extra aus Münster angereist war.

Als Schmidt gegen 19.30 Uhr in das übervolle Foyer trat, brandete riesiger Beifall auf. "Endlich ist er wieder da", sagte Stefan Meuten. Was er machen wollte, hatte der vor fünf Monaten aus seiner Talk-Show ausgestiegene Allrounder Schmidt niemandem verraten. Museumschef Kaspar König deutete vor den Gästen nur an: "Das, was hier ablaufen wird, wird sicher Teil dessen sein, was wir erfahren." Ein Zuhörer meinte: "Der Schmidt ist doch Programm genug."

Aus dem Stehgreif gewohnt zynisch

Und dann ging's los. Schmidt redete aus dem Stegreif ohne Punkt und Komma und ließ wahre Wortkaskaden ab. Mal zynisch, mal witzig teilte er nach allen Seiten hin aus: gegen Politiker, Wirtschaftler, Kultur und junge Leute. Gerade Letztere wollte er nach eigenem Bekunden mit der Aktion zu einem Besuch in Museen ermuntern. Doch eigentlich habe er schon vor 25 Jahren jeden Kontakt zu Jugendlichen abgebrochen. Er wolle auch gar nicht, dass die ewig knutschenden und gelangweilten jungen Leute ihm "den Blick auf die Klassiker verstellen".

"Köln ist das Leipzig der NRW-Kultur"

Auf dem kleinen, nur zehn Zentimeter über dem Boden aufragenden Holzpodest wirkte der schlanke Entertainer alles andere als abgehoben. Mit beiden Händen das Mikrofon umklammernd machte es ihm sichtlich Spaß, nach der selbstverordneten Kreativpause wieder zuzulangen. Zunächst gratulierte er der Reviermetropole Essen, die wenige Stunden zuvor Köln im Rennen um die NRW-Stadt beim Wettbewerb Kulturhauptstadt Europas geschlagen hatte: "Köln ist das Leipzig der NRW-Kultur", frotzelte Schmidt und hatte die Lacher auf seiner Seite.

Folter oder Benetton?

Globalisierung und EU-Osterweiterung waren weitere Themen, die bei der "lokalen Einmann-Biennale" im Museum. Die mit viel Musik gefeierten Feste zur Erweiterung hätten ihn schon an "einen Musikantenstadl mit Lebenden" erinnert. Und bei den Bildern der strömenden Massen habe er an die Aufnahmen der Menschenströme nach dem Mauerfall denken müssen. Auch die Gräueltaten amerikanischer Soldaten im Irak kamen zur Sprache. "Man muss wissen, dass das Folter ist. Sonst denkt man als Zuschauer an Benetton", meinte Schmidt.

"Ich bin weder angestanden noch abgestanden"

Gegen Ende widmete er sich dann der Kunst. Die aktuelle Ausstellung im Museum Ludwig, "Die blauen Reiter", die bereits über 100.000 Zuschauer angelockt hat, erklärte er mit den Worten, einer der Künstler habe halt gerne blau gemalt, und ein anderer sei Pferdefreund gewesen. Und dann ist Schluss. "Kunst ist anstrengend", meinte Schmidt noch, bevor er im Jubel seiner Fans im Museumscafe verschwand.

Dort sagte er einer Lokaljournalistin auf deren Frage nach einem möglichen Comeback: "Das wird sich zeigen. Ich bin weder angestanden noch abgestanden." Zur Late-Night-Sendung seiner Nachfolgerin Anke Engelke bei Sat1 wollte er nichts sagen. Er selbst scheint sich außerhalb des Fernsehens sehr wohl zu fühlen. Als nächstes ist er im Theater des Berliner Ensembles zu sehen. Am 8. Juni trete er dort mit einer Lesung vors Publikum, kündigte Schmidt an. Von Juli bis September geht er mit Manuel Andrack auf Kabarett-Tour.

Andreas Rehnolt, AP AP

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