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Schmonzetten-Terror Liebe in Zeiten der Krise


Nora Ephron ist die Königin der romantischen Komödie aus Hollywood. Nach Klassikern wie "Harry und Sally" und "Schlaflos in Seattle" garantiert nun die Koch-Romanze "Julie&Julia" das Happy End im Abendrot. stern.de hat die Regisseurin gefragt, ob das wirklich ihr Ernst ist.
Von Sophie Albers

Irgendwann einmal kommt im Leben einer Frau der Augenblick, da sie mit einer anderen Frau auf dem Sofa sitzt und "Harry und Sally" guckt. "Chick flick" nennt man das, Mädchenfilm, Liebesschmonzette, Schokolade für die Augen, für die übrigens auch manche Männer zu haben sind. Laut einer Studie der Heriot-Watt-Universität im schottischen Edinburgh ein gefährlicher Augenblick, denn Fans romantischer Hollywood-Komödien hätten überdurchschnittlich häufig unrealistische Erwartungen an Liebesbeziehungen, fanden die Wissenschaftler heraus. Der Sex müsse immer großartig sein, und der Partner soll der/ dem Liebsten die Wünsche von den Augen ablesen: Da ist Beziehungsstress programmiert. 100 Probanden mussten Filme wie "E-Mail für dich" und "Notting Hill" gucken und wurden anschließend befragt. Die 100 Freiwilligen in der Vergleichsgruppe saßen vor David-Lynch-Filmen. Knäckebrot statt Schokolade.

Trotz solcher Warnungen gehört der Liebesterror weiterhin zu Hollywoods Goldeseln: Allein in diesem Jahr flimmerten schon mehr als 20 "Natürlich kriegen sie sich"-Geschichten über die Leinwände. Darunter "Er steht einfach nicht auf dich" mit Allstar-Besetzung von Jennifer Aniston bis Drew Barrymore, der weltweit mehr als 170 Millionen Dollar einspielte. "Selbst ist die Braut" mit american sweetheart Sandra Bullock - 270 Millionen Dollar. Oder auch der Angriff auf die ganz junge Zielgruppe: "17 Again" mit Teenieidol Zac Efron - 135 Millionen Dollar. Und wir haben noch drei Monate vor uns.

Der berühmteste Orgasmus der Filmgeschichte

Übermutter dieser nun wissenschaftlich anerkannten Beziehungskiller ist Drehbuchautorin und Regisseurin Nora Ephron. 1989 schuf sie mit "Harry und Sally" einen Klassiker der romantischen Komödie. Meg Ryan und Billy Crystal hassen und lieben sich mit viel Sprachwitz und dem berühmtesten Orgasmus der Filmgeschichte. 1993 legte Ephron mit "Schlaflos in Seattle" nach. Diesmal liebt Meg Ryan Tom Hanks, allerdings mit mehr Pathos als Wortelan. Diese Filme haben die Gefühls-Latte gelegt, an der sich jede romantische Komödie messen muss.

In ihrem neuen Film wendet sich Ephron an die, die das erste Happyend schon hinter sich haben. "Julie&Julia" erzählt von Eheleuten. Die Amerikanerin Julia (Meryl Streep) lebt mit ihrem Mann nach dem Zweiten Weltkrieg in Paris, lernt dort Kochen und wird zur Kochbuchautorin und TV-Kochshow-Moderatorin. Julie Powell (Amy Adams) lebt mit ihrem Mann im New York nach dem 11. September, sucht nach dem Sinn des Lebens und findet ihn in Julias Kochbuch. Sie kocht die 524 französischen Gerichte in einem Jahr durch und führt darüber einen Blog. Hauptbotschaft des Films ist allerdings, dass Julia nicht kochen gelernt und Julie nicht gekocht hätte, wenn beide nicht mit vorbildlich unterstützenden Gatten gesegnet wären. Deren mal gutmütiges, mal joviales Gewährenlassen gilt in diesem Film als Liebe.

Freunde hätten ihr vorgeworfen, diese Männer erfunden zu haben, sagt Ephron am Telefon. "Aber es gibt solche Männer, die Freude daran haben, wenn ihre Frauen sich neu erfinden." Aber darum soll es nicht gehen. Sondern um die Frage, ob die Happy-End-Zuckerwatte nicht eine Droge ist, die beziehungsunfähig macht, wie die schottischen Forscher behaupten.

Ephron zögert. Dann sagt die 68-Jährige, die in dritter Ehe lebt: "Wenn ich Filme mache, die sagen, dass es möglich ist, dass zwei Menschen sich verlieben, dass sie sich mögen, dass sie zusammen glücklich sind, ist das doch kein gefährliches, lächerliches Märchen! Ich behaupte ja nicht, dass jeder Mann ein Märchenprinz ist." Immerhin räumt sie aber auch ein, dass manche Leute mit den romantischen Komödien übertreiben. "Es gibt viele schlechte." Welche? "Das werde ich Ihnen nicht sagen." Aber ein paar Gute? "'Selbst ist die Braut' ist lustig, 'Shakespeare in Love' ist wundervoll. Und auch 'Und täglich grüßt das Murmeltier'." Was macht denn eine gute romantische Komödie aus, Frau Ephron? "Sie muss in der Realität geerdet sein."

"Sodbrennen" nach der Niederlage

Ephron selbst, Tochter von Drehbuchautoren, ausgebildete Journalistin und militante New Yorkerin, erfuhr die Erdung am eigenen Leibe, als ihre zweite Ehe zu Bruch ging. Allerdings hat sie den Schicksalsschlag erfolgreich verarbeitet: Als sie 1980, schwanger mit dem zweiten Kind, erfuhr, dass ihr Mann, "Watergate"-Aufdecker Carl Bernstein, sie mit einer gemeinsamen Freundin betrog, trennte sie sich und schrieb das Buch "Sodbrennen". Die geerdete Liebesgeschichte wurde mit Meryl Streep und Jack Nicholson verfilmt. Ephron blieb bei Beziehungsopern, in Buch und Film, und wurde damit reich.

Frau Ephron, dient das Konzept der romantischen Komödie nicht nur dem Verkauf von Büchern und Filmen? "Nein, das stimmt nicht. Außerdem gab es die romantische Liebe schon vor dem Film, vor der Erfindung der Buchpresse." Es entsteht eine Pause, die vermuten lässt, dass Ephron aufgelegt hat, doch dann sagt sie mit ihrer ein wenig exaltierten Stimme: "Ich will Liebe ja gar nicht verteidigen. Aber die Menschen wollen sich verlieben." Haben Sie eigentlich einen Schokolade-für-die-Augen-Film, nach dem Sie sich besser fühlen, Frau Ephron? "Nein, aber wir gucken zu Weihnachten immer 'Der Pate', das ist eine Familientradition." Dealer nehmen ihre Drogen bekanntlich nie selbst.


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