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Sibel Kekilli: "Kampf lohnt sich immer"

"Gegen die Wand" machte sie zum Star, ihre Porno-Vergangenheit zum Opfer der Boulevardpresse. Die Schauspielerin Sibel Kekilli über Rebellion, türkische Männer und ihre drei neuen Kinofilme.

Zwei Jahre ist das nun her, der große Erfolg und die dicken Schlagzeilen. Vor allem die "Bild"-Zeitung hatte damals in der ihr eigenen Art über Kekillis Sexfilme berichtet, die sich gegen "diese dreckige Hetzkampagne" öffentlich wehrte. Zwei Jahre, die Sibel Kekilli zum Arbeiten genutzt hat: In der Türkei kam gerade ihr Film "Eve Dönüs" ("Heimkehr") in die Kinos, in Deutschland ist sie in Joseph Vilsmaiers NS-Drama "Der letzte Zug" zu sehen. In ihrem jüngsten Film "Winterreise" spielt sie Leyla, eine kurdische Studentin.

Frau Kekilli, wenn man Ihre aktuellen Rollen mit der in "Gegen die Wand" vergleicht, fällt vor allem eins auf: Sie sind viel stiller.

Ja, das zu spielen war reine Kopfarbeit. In "Gegen die Wand" bin ich gerannt, ich wurde geschlagen - da konnte ich vollen Körpereinsatz bringen. Für die Rolle der Leyla musste ich lernen, nur mit Blicken zu bestehen, still vor der Kamera zu sein und trotzdem lebendig zu bleiben. Das war viel schwieriger. Es hat mich viel mehr ausgelaugt.

Ihr Filmpartner in "Winterreise" ist Joseph Bierbichler, ein gestandener Theater- und Filmschauspieler. Wie haben Sie sich neben ihm gefühlt?

Ich habe ihn das erste Mal gesehen, als wir zusammen drehen sollten. Und da steht man dann plötzlich vor so einem großen Mann, der so eine Wucht hat und so viel Energie - ich hatte echt Angst vor ihm. Und das habe ich ihm auch gesagt.

Und?

Er hat gelacht.

Guckt man sich von so bekannten Schauspielern auch was ab?

Nein, das wäre ja Imitieren. Außerdem arbeitet jeder anders. Der Bierbichler kann zum Beispiel am Tisch sitzen, Witze erzählen und in der nächsten Sekunde einen Depressiven spielen. Ich kann das nicht. Wenn ich einmal einen Lachanfall habe, dann bleibt der auch. Ich muss wirklich in meiner Rolle leben, in dieser Stimmung sein. Leider, manchmal.

Haben Sie schon als Kind davon geträumt, Schauspielerin zu werden?

Nein, sonst wäre ich in meinem Leben einen ganz anderen Weg gegangen. Ich hätte gern Abitur gemacht und dann Jura oder Medizin studiert. Aber das wollten meine Eltern nicht. Nach der Realschule war für mich Schluss, und ich wurde Verwaltungsfachangestellte im Heilbronner Rathaus.

Warum gerade Jura oder Medizin?

Man hilft einfach. Man setzt sich für Menschen ein. Ich bewundere so was. Ich bewundere aber auch Menschen wie Muhammad Ali - auf ihn hat mich eigentlich mein Vater gebracht, weil Ali ja ein berühmter Boxer ist und ein Muslim. Ich habe ihn aber vor allem als jemanden gesehen, der sich aus schlechten Verhältnissen hochgekämpft hat. Oder denken Sie an Menschen wie die indische Frauenrechtlerin Phoolan Devi. Jemand, der Schlimmes erlebt und es hinter sich gelassen hat. So was bewundere ich.

In "Der letzte Zug" spielen Sie eine Jüdin, die den Nazis entflieht. War die deutsche NS-Vergangenheit in Ihrer Familie eigentlich ein Thema?

Meine Eltern sind nicht so sehr an Geschichte interessiert. Über die Vergangenheit von Deutschland haben wir kaum geredet. Und über die der Türkei nur, wenn es glorreiche Kapitel waren. Das Osmanische Reich, Atatürk - aber zum Beispiel nie über den Militärputsch, den es dort in den 80er Jahren gab. Das ist noch nicht lange her, da wird gerne geschwiegen. Und das bis heute.

Mussten Sie sich schon oft rassistische Sprüche anhören?

Nach "Gegen die Wand" wurde ich häufig gefragt: "Fühlen Sie sich als Türkin oder als Deutsche?" Ich bin in Deutschland geboren, so wie viele andere. Da ist es schon verwunderlich, dass immer noch dieses zweigeteilte Denken in den Köpfen ist. Und dann solche Sachen wie: "Geh zurück, wo du hergekommen bist." Aber andersherum passiert das auch. Wenn ein deutscher Mann mit einer türkischstämmigen Frau zusammen ist, muss der auch gegen Vorurteile aus deren Familie kämpfen. Oder dass ich in "Winterreise" eine Kurdin spiele - als Türkin! -, das können manche Türken überhaupt nicht verstehen.

Die Filme von Fatih Akin, der Nobelpreis für Orhan Pamuk - hilft das dem Ansehen der Türken in Deutschland?

Ja, ich denke schon. Weil es um ernsthaftere Inhalte geht. Wenn hier vorher etwas türkisch war, dann diese Kanaken-Sprache, und das sollte dann witzig sein. Klar, ich lache auch über Türken, aber diese Klischees finde ich langweilig. "Gegen die Wand" hat ein Tor geöffnet - vor allem, weil der Film von Problemen handelt, die ganz typisch sind für Deutsch-Türken.

Man redet immer so viel über unterdrückte türkische Frauen. Aber das Problem sind doch die Männer, oder? Wie kann man die zum Umdenken bringen?

Ich sehe nur, dass das in meiner Generation noch viel schlimmer geworden ist. Die jungen Männer sind nationalistischer und noch viel konservativer, wenn es um Sachen wie "Ehre" geht. Ich würde mir wünschen, dass die alle mal in eine türkische Großstadt fahren, nach Istanbul zum Beispiel. Dann würden sie sehen, wie Frauen und Männer in der Türkei zusammenleben. Das könnte helfen.

Sie selbst sind nach "Gegen die Wand" und dem Aufsehen, das der Film erregt hat, zu einer Art Symbolfigur geworden. Eine junge Frau, die sich freikämpft.

Darauf bin ich auch stolz. Der Film mag drastisch wirken - aber die Realität zeigt eben: Es passieren Ehrenmorde, es werden Frauen geschlagen, vergewaltigt und eingesperrt. Das ist etwas, wogegen ich mich immer einsetzen werde. Und ich hoffe, dass noch viel mehr Filme kommen, die das thematisieren, dass noch viel mehr darüber geredet wird.

Nun ist es ja oft so, dass Frauen sich auch noch gegenseitig das Leben schwer machen, indem sie sich als Konkurrentinnen wahrnehmen, statt sich zu "verschwestern". Wie gehen Sie damit um?

Zunächst mal muss ich die Frauen verteidigen: Wir leben in einer Männerwelt, die Frauen dazu zwingt, sich gegenseitig als Konkurrentinnen zu sehen.

Inwiefern?

Na einfach, weil es in der Regel Männer sind, die Frauen etwas zuteilen. Jobs, aber auch Macht und Verantwortung. Beim Film gibt es zum Beispiel viel weniger gute Frauenrollen als Männerrollen, und sie sind sehr schwierig zu bekommen - das steigert den Konkurrenzdruck. Ich empfinde das als sehr unangenehm.

Denken Sie, dass bei einem Mann auch die Aufregung um eine Porno-Vergangenheit weniger groß gewesen wäre als bei Ihnen?

Dazu sag ich nichts.

Warum nicht?

Weil es ist, wie Sie sagen: Vergangenheit.

Und darüber möchten Sie nicht reden?

Ich habe dazu schon alles gesagt. Ich bin keine Schallplatte. Ich möchte ein neues Kapitel aufschlagen. Und irgendwie spricht das ja alles auch für sich. In "Gegen die Wand" sagt Sibel: "Ich will Spaß haben, ich will ficken, nicht nur mit einem Mann." Wenn ein Mann so was sagt, würden alle klatschen und johlen. Bei einer Frau ist das gleich ein Riesenskandal. Das zeigt doch die herrschende Doppelmoral. Offenbar ist es schwierig, damit umzugehen, wenn eine Frau frei sein will, in jeder Beziehung. Und offenbar ist es nicht nur von einer konservativen türkischen Seite schwierig, damit umzugehen.

Warum haben Sie Ihren Eltern eigentlich nicht vor "Gegen die Wand" von den Pornos erzählt? Hätte das nicht die ganze Aufregung verhindert oder zumindest eingedämmt?

Ich sage dazu nichts.

Schade. Aber gut: Sie haben sich damals oft als "Rebellin" bezeichnet. Wenn Sie zurückblicken: Hat sich die Rebellion gelohnt?

Ich habe damals natürlich nicht gesagt: "Mann, das ist ja alles wahnsinnig rebellisch in meinem Leben." Das ist nichts, worüber man bewusst nachdenkt, sondern man ist einfach so. Und natürlich hat mich das letztlich dahin gebracht, wo ich jetzt stehe. Jetzt kann ich diese Energie für meine Rollen nutzen.

Was würden Sie heute einem türkischen Mädchen raten, das seinen Eltern etwas verheimlichen muss, aus Angst vor einem Bruch mit der Familie?

Ich kann nur so viel sagen: Man lebt nur einmal. Und man sollte es sich gut überlegen, ob man das eigene Leben leben möchte oder das der Familie. Ob man unter Umständen für immer unglücklich sein möchte oder nur für begrenzte Zeit, weil man sich mit seiner Familie verkracht. Das muss man abwägen. Aber ich finde, der Kampf lohnt sich immer. Auch wenn er viel Kraft kostet.

Interview: Andrea Ritter / print