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stern-Gespräch

Regie-Legende: Werner Herzog: "Bei so einer Frage muss ich auf die Herrentoilette und mich übergeben"

Filmemacher Werner Herzog spricht über sexuellen Missbrauch, Größenwahn und darüber, wie man in Hollywood überlebt.

Starregisseur Werner Herzog im Interview: "Ich bin ein Soldat"

Regisseur, Schauspieler, Autor, Bayer – und Legende: Werner Herzog, 75, in München

Herr Herzog, die "Me Too"-Debatte legt die verborgenen Machtstrukturen im Filmgeschäft offen. Sichtbar wird ein düsteres Milieu, in dem narzisstische Männer Frauen erniedrigen und vergewaltigen.

Was wir hier erleben, geht weit über Hollywood und das Filmgeschäft hinaus. Das ist etwas viel Größeres. Ein Verhalten wie das von Kevin Spacey oder Harvey Weinstein beispielsweise ist in absehbarer Zukunft undenkbar. Männer wissen jetzt, dass sie nicht nur aus einem Film entfernt werden, sondern ihre ganze Lebenskarriere riskieren. Endlich kommt die Zäsur, die die feministische Bewegung schon seit den 60er Jahren zu Recht fordert. Was wir im Moment miterleben, ist epochal.

Inzwischen geben sogar Schauspieler aus Woody-Allen-Filmen ihre Gagen zurück und sagen, ich bereue, mit ihm gedreht zu haben.

Bei Woody Allen wusste man schon lange, dass er nicht ganz koscher ist.

Vor Gericht wurde Woody Allen allerdings freigesprochen.

Es spielt keine Rolle, ob er freigesprochen wurde oder nicht. Harvey Weinstein wird vielleicht auch freigesprochen werden.

Im Fall von Jörg Kachelmann konnte man sehen, dass falsche Anschuldigungen drohen, ein ganzes Leben zu zerstören.

Es ist erst einmal nichts Verkehrtes daran, wenn ein Schauspieler ein Zeichen setzt und seine Gage zurückgibt. Der Schauspieler sagt ja nicht, Woody Allen hat sich des Inzests schuldig gemacht. Vielleicht schlägt das Pendel hin und wieder zu weit aus. Auf jeden Fall haben wir eine neue Epochenlinie zu Gesicht bekommen.

2013 offenbarte Pola Kinski in einem "stern"-Interview, dass ihr Vater sie als Minderjährige sexuell missbraucht hatte. Damit wurde Klaus Kinski zu einem der ersten Fälle von restloser Entzauberung einer Film-Ikone. Waren Sie damals überrascht von Pola Kinskis Enthüllung?

Pola hat bei mir Rat gesucht, lange bevor sie an die Öffentlichkeit ging. Was in ihrem Buch stand, wusste ich schon.

Wie haben Sie auf Pola Kinskis Hilferuf reagiert?

Man kann in einem solchen Moment nicht trösten, weil es keine Tröstung gibt. Man kann nur zuhören. Und ich habe mir gesagt: Ich kann nicht wirklich helfen. Aber vielleicht einen Teil der Last übernehmen. Weil ich auch jemand war, der mit Kinski seine Last zu tragen hatte.

Werner Herzog und Klaus Kinski beim Dreh von "Cobra Verde" (1987)

Werner Herzog und Klaus Kinski beim Dreh von "Cobra Verde" (1987)

Bevor Kinski 1991 verstarb, haben Sie 25 Jahre lang mit ihm zusammen gearbeitet. Haben Sie nie etwas geahnt?

Nein. Die ersten Vermutungen kamen erst 20 Jahre nach unserem letzten gemeinsamen Film "Cobra Verde" aus dem Jahr 1987 auf. Damals haben sich Frauen bei mir gemeldet, die auch unter Kinski gelitten haben.

Sie haben fünf Filme mit Kinski gedreht, und dabei ist Ihnen nie etwas aufgefallen?

Es gab Momente mit Kinski, wo er in düsteren Drohungen gegen mich andeutete, er könne für mich so gefährlich werden wie seinen Töchtern gegenüber. Aber was das wirklich bedeutet hat, habe ich erst durch Polas Erzählungen verstanden. Da hat sich erst spät, ganz spät im Nachhinein, ein anderes Bild von ihm zusammengesetzt.

Kinskis war berüchtigt für seine Tobsuchtsanfälle.

Neben dem Wüten am Set gab es bei ihm eine ganz authentische Schrecklichkeit. Von der wusste ich nichts.

Können Sie sich Ihre Filme mit Kinski heute überhaupt noch ansehen?

Ich sehe mir nie meine alten Filme an. Ich schaue nach vorne. Aber ich stehe zu dem, was wir miteinander gemacht haben.

Verliert Kinski durch seine moralische Verwerflichkeit seinen Rang als Künstler?

Sie klingen ja plötzlich wie der Puritaner Calvin.

Wer seine Tochter missbraucht, muss doch wohl als moralisch verwerflich gelten.

Er ist nie von einem Gericht schuldig gesprochen worden. Wir können nur spekulieren. Aber natürlich gehen die Vorwürfe in eine unzweifelhafte Richtung. Für mich ist es wie ein Schatten, der auf ihm liegt.

Noch 2001 haben Sie gesagt, Sie vermissen Kinski manchmal.

Ganz selten.

Würden Sie das immer noch sagen?

Ich wünschte mir, er käme plötzlich durch diesen Raum hier. Durch die eine Tür rein, durch die andere raus.

Was würden Sie ihm sagen?

Gar nichts. Wir würden wahrscheinlich lachen, weil das so absurd wäre. Wir haben viel miteinander gelacht.

Klaus Kinski mit seiner Tochter Pola 1979 in Paris. 2013 offenbarte Pola Kinski, dass sie als Teenager von ihrem Vater sexuell missbraucht worden war

Klaus Kinski mit seiner Tochter Pola 1979 in Paris. 2013 offenbarte Pola Kinski, dass sie als Teenager von ihrem Vater sexuell missbraucht worden war

Würden Sie ihm denn nicht den Prozess machen?

Prozess? Wegen was?

Vergewaltigung seiner Tochter.

Einen solchen Prozess kann ich nicht machen. Ich bin ja weder Beteiligter noch Richter. Das wäre Hexenwahn.

Würden Sie heute noch mit Kinski arbeiten, bei allem, was man nun weiß?

Diese Frage kann ich nicht beantworten. Die stellen Sie mir besser in 150 Jahren. Aber ich vermute, er wäre nicht besetzbar. So wie es heute unmöglich ist, Kevin Spacey zu besetzen.

Sie sind Mitglied der Oscar-Academy und standen 2009 auf der "Times"-Liste der 100 einflussreichsten Persönlichkeiten der Welt. Bis hierhin war es ein langer Weg. Aufgewachsen sind Sie in einem Bergdorf im Chiemgau.

Als ich geboren wurde, fielen Bomben auf München. Ich war erst 14 Tage alt, als mich meine Mutter unter 30 Zentimeter Glasscherben und Mörtel in meiner Wiege fand. Sie floh mit uns in die Berge. Dort lebten wir auf einem Bauernhof. Wir hatten kein fließend Wasser, Schuhe gab es nur im Winter. Wir waren Flüchtlinge innerhalb des eigenen Landes. Aber ich habe mich zwischen den Bauernkindern nie als Fremdkörper gefühlt. Obwohl alle glaubten, dass meine Mutter Ärztin sei. Sie hatte einen Doktor-Titel in Biologie. Einmal verbrühte sich ein Kind mit kochendem Wasser. Da rief man meine Mutter, und sie setzte ihm eine Spritze in den Herzmuskel. Das Kind hat überlebt.

Ihre Mutter hat die Familie alleine großgezogen in diesem Dorf. Wie war das, ohne Vater groß zu werden?

Wunderbar. Wir waren froh, dass wir nicht irgendeinen Feldwebel hatten, der uns herumkommandierte. Und sehr schnell haben wir dann meine Mutter erzogen. Wir fanden sie in vielem zu altmodisch.

Mit 13 zogen Sie in eine Pension in München. Dort haben Sie Ihr Schicksal getroffen.

Ich weiß, worauf Sie hinauswollen.

Klaus Kinski wohnte ebenfalls dort.

Er war ein tobsüchtiger Tornado. Er hat alle tyrannisiert und alles kurz und klein geschlagen. Das erste Mal, als ich ihn gesehen habe, lief ein kreischendes Dienstmädchen hinter ihm her. Die hat ihn dann mit einem Serviertablett verdroschen. Vier Monate später flog er raus. Niemand konnte ihn mehr ertragen.

James Franco, Nicole Kidman, Damian Lewis und Werner Herzog auf der Premiere von "Königin der Wüste" bei den Berliner Filmfestspielen 2015

James Franco, Nicole Kidman, Damian Lewis und Werner Herzog auf der Premiere von "Königin der Wüste" bei den Berliner Filmfestspielen 2015

Schon als Teenager begannen Sie, viel zu reisen.

Ich wollte früh selbstbestimmt sein. Es gab auch schon Ansätze für erste Filmprojekte. Die Frage war nur: Soll ich das auf die Schulter nehmen oder nicht? Ich wusste, dass es ein kompliziertes Leben werden würde. Ich musste Geld verdienen, um erste Filme zu machen. Noch während der Schulzeit habe ich nachts als Punktschweißer in einer Stahlfabrik gearbeitet.

Mit 27 haben Sie Kinski dann das Drehbuch zu Ihrem Film "Aguirre, der Zorn Gottes" geschickt.

Ich wusste, dass er in Rom lebt. Er hat mich angerufen. Mitten in der Nacht. Ich wusste erst nicht, ob ein schreiendes Tier oder ein Mensch am anderen Ende der Leitung war. Erst nach einer halben Stunde konnte ich herausfiltern, dass er noch nie ein Drehbuch von so einem Kaliber gelesen habe. Da habe ich mir schon gedacht, dass er es machen würde. Ich fand das gut, dass jemand mit einer solchen Wut davon überzeugt war, dass er der Richtige sei.

Wer war verrückter: Er oder Sie?

Weder er noch ich. Wir waren beide professionell. Nur im Umgang miteinander sind wir an letzte Grenzen gestoßen – von unterschiedlichen Seiten her. Eine gefährliche Mischung.

Wer war gefährlicher von Ihnen beiden?

Der kläffende Hund ist nie gefährlich.

Und Sie kläffen nicht.

"Fitzcarraldo" haben wir im Urwald von Peru inmitten von indianischer Bevölkerung gedreht. Diese Menschen gehen völlig anders miteinander um. Wenn sie Konflikte lösen wollen, setzen sie sich in einen Kreis und flüstern. Und dann kam der tobsüchtige Kinski und schubste Leute herum. Ich habe mich bei dem Häuptling dafür entschuldigt. Später sagte er mir, ich hätte sicher bemerkt, dass sie Angst gehabt hätten. Aber ich sollte bloß nicht glauben, dass sie sich vor diesem tobsüchtigen Kerl gefürchtet hätten. Die hatten Angst vor mir. Weil ich so still war.

Dieser Häuptling hat Ihnen dann angeboten, Kinski zu töten.

Ein ganz ruhiges, höfliches Angebot. Der hätte es gemacht.

Sind Sie heute stolz, Kinski gezähmt zu haben?

Zähmen ist nicht der richtige Ausdruck. Ich habe ihn für die Leinwand produktiv gemacht. Ich habe seine Hysterie kanalisiert. In all meinen Filmen ist Kinski gut. Über seine 200 anderen Filme redet heute keiner mehr.

Walter Saxer, Produktionsleiter all Ihrer Kinski-Filme, sagt allerdings: "Kinski hat Herzog gemacht."

In gewisser Weise war es ja gut, dass er der Architekt seiner Rolle war. Aber manchmal musste ich ihn lenken. Wie das geschah, war von außen schwer einsehbar. Manchmal hat er das Team nur noch angeschrien. Und ich wusste, es ist nicht wegzukriegen. Es sei denn, ich provoziere ihn. Dann hat er stundenlang getobt. Manchmal nur wenige Zentimeter vor meinem Gesicht. Er brüllte, bis er Schaum in den Mundwinkeln hatte. Festen Schaum. Und als er zu Ende getobt hatte, sagte ich: "Jetzt können wir drehen." So entstanden oft seine besten Szenen.

Muss man selbst Tyrann sein, um ein großes Werk zu schaffen?

Ich bin nie Tyrann. Ich habe eine klare Vision und weiß, sie umzusetzen. Dadurch ergibt sich Autorität.

Der Schauspieler Peter Berling sagt, am Set von "Aguirre" sei Ihr Spitzname "Tyrannosaurus Rex" gewesen.

Unsinn. Völliger Unsinn. Ich war der Leiseste von allen. Es gibt viele, die außerordentlich Dummes von sich gegeben haben.

Beim Dreh von "Cobra Verde" haben Sie viele Statistinnen gegen sich aufgebracht.

Nein, ich war ihre Vertrauensperson. Aber die Amazonen-Darstellerinnen waren einmal wütend, weil sie nicht rechtzeitig bezahlt wurden. Das war erstaunlich, weil diese 800 jungen Frauen wochenlang in militärischem Drill ausgebildet worden waren. Die waren außergewöhnlich selbstbewusst. Wenn ihnen etwas nicht gepasst hat, ging es zur Sache. Ich war beeindruckt, mit welcher Intensität da junge Frauen zu Werke gegangen sind.

Die Amazonen wollten Geld. Ist das Ihre Guerilla-Strategie: Erst einmal mit dem Dreh anfangen und später schauen, woher noch Geld kommen könnte.

Einen größeren Unsinn habe ich noch nie gehört von einem Journalisten. Ich bin ein professioneller Filmemacher. Ghana war damals ein schlecht geordnetes Land. Manchmal hat es lange gedauert, bis Nachschub kam. Und man musste immer wieder frische Geldbündel herananschaffen, kiloweise, Schubkarren voll davon, weil die Inflation so hoch war.

1991 streuten Sie Kinskis Asche in den Ozean. Was überwog – Trauer oder Erleichterung?

Respekt. Sonst hätte ich das nicht gemacht. Er hat Außergewöhnliches geleistet für meine Filme. In ihm hatte ich einen Mitstreiter, der mir viel bedeutete.

1995 sind Sie Hals über Kopf nach Amerika gezogen.

Ich habe eine wunderbare Frau kennengelernt, mit der ich seither zusammenlebe.

Für Ihre Frau haben Sie Ihre Heimat Bayern verlassen.

Ich wollte mit ihr zusammenleben. Sofort. Ich bin nur mit einer Zahnbürste in die USA gereist.

Sie sind Romantiker?

Das hat mit Romantik gar nichts zu tun. Ich wollte ein Signal setzen: Alles, was ich bislang gemacht habe, ist von bedingter Bedeutung.

Ihre Frau ist Fotografin.

Richtig, aber sie lebt auch in der Welt der Literatur und Philosophie. Sie kannte keine Filme von mir. Sie hat jahrelang gezögert, bis sie sich überhaupt einen Film von mir angeschaut hat.

Warum?

Sie hatte Angst, dass meine Filme grottenschlecht sind. Es gibt ja fast nur schlechte Filme. Sie hat sich dann heimlich "Aguirre, der Zorn Gottes" angeschaut.

Und?

Erleichtert.

Wer? Sie oder Ihre Frau?

Meine Frau. Ich weiß eh, dass meine Filme gut sind.

Gehört das Ehepaar Herzog zur Hollywood-Gesellschaft?

Ich war in 20 Jahren nur auf zwei Partys. Ich habe kaum Kontakt zu Hollywood.

Und trotzdem wollen die großen Stars mit Ihnen arbeiten: Nicole Kidman, Tom Cruise, Christian Bale.

Weil sie wissen, dass ich mit Schauspielern richtig gut bin und dass sie in meinen Filmen besser sind, als irgendwo sonst. Jeder, der vor meiner Kamera steht, wird wie ein König behandelt.

Ihre Filme waren nicht immer Kassenerfolge.

Finanzielle Niederlagen hat es bei mir immer gegeben.

Trotzdem kommen Sie immer wieder an Geld. Wie schaffen Sie das?

Ich kann mit kleinem Budget große Filme machen. Bei mir haben die Financiers keine Angst. "Bad Lieutenant" mit Nicolas Cage sollte 19 Millionen Dollar kosten. Ich habe den Produzenten gesagt: "Ich bleibe unter Budget." Die haben geantwortet: "Niemand bleibt unter Budget." Ich sagte: "Zahlt mir einen guten Bonus, wenn ich unter Budget bleibe." Und habe den Film 2,6 Millionen Dollar unter Budget abgeliefert. So etwas hat es noch nie gegeben in Hollywood.

Für "Batman Begins" bekam Christian Bale 9 Millionen Dollar. Hat er Ihnen einen Freundschaftspreis für seine Rolle in Ihrem Vietnam-Drama "Rescue Dawn" gemacht?

Ich habe ihm gesagt: "Du musst das große Geld woanders verdienen." Und da hat er gesagt: "Überhaupt kein Problem." Und war stolz, dass er mitgemacht hat.

Christian Bale war es auch, der gesagt hat, man müsste einen Film über Ihr Leben machen.

Das hätte er besser nicht sagen sollen. Der Depp. Warum soll man mein Leben verfilmen?

Weil Sie eine irre Biographie haben: Sie essen ihre eigenen Schuhe auf. Sie springen freiwillig in einen Kaktus. Sie lassen ein Dampfschiff im Urwald über einen Berg wuchten. Sie canceln im letzten Moment einen Flug, und dann stürzt diese Maschine ab, und es gibt nur eine Überlebende.

Das ist das Leben. Und das war's auch schon.

Werner Herzog is bigger than life.

Nein, ich bin 1,82 Meter und bleibe es auch.

Die Amerikaner lieben das Original Werner Herzog. Sind Sie eine Hollywood-Figur?

Weder kenne ich Hollywood, noch kenne ich mich selbst wirklich. Ich will mit mir selbst auch nur am Rande zu tun haben.

Füllen Sie gerne den Mythos Werner Herzog aus?

Bei so einer Frage muss ich auf die Herrentoilette und mich übergeben.

Sie sitzen hier als etwas knurriger, aber hoch konzentrierter Herr vor uns. Und dann gibt es diesen Besessenen, der bei einem Interview vor laufender Kamera angeschossen wird und trotzdem einfach weiter spricht.

Wenn Sie angeschossen werden, dann tut das halt weh.

Sind Sie in jeder Situation Regisseur?

Im Leben vollziehe ich Leben. Da bin ich nicht Regisseur meines Lebens.

Aber Ihr Leben und die Anekdoten über Sie sind doch verrückt: Zwei Tage, nachdem Sie angeschossen werden, ziehen Sie Joaquin Phoenix aus einem brennenden Auto.

Hätten Sie auch gemacht, wenn Sie der Erste am Unfallort sind.

Warum ist Werner Herzog immer der Erste am Unfallort?

War ich erst zweimal in meinem Leben.

Wie viel Selbststilisierung braucht es, um zur Legende zu werden?

Sie reden von Selbststilisierung. Dabei sind Sie es, der mich hier stilisiert.

Fühlen Sie sich wohl in der Kunstfigur Werner Herzog?

Ich kann Ihnen sagen, wo ich Kunstfigur bin: Wenn ich in einem Film wie "Jack Reacher" an der Seite von Tom Cruise mitspiele.

Dort sind Sie ein russischer Killer, der im Gulag seine eigenen Finger abgenagt hat, um zu überleben.

Ja, da bin ich eine wirklich schöne Kunstfigur.

Die sehr gut funktioniert, weil sie sich vom Mythos Werner Herzog speist.

Dort verbreite ich nicht dadurch Schrecken, dass ich um mich schieße. Sondern nur dadurch, dass ich rede. Ganz ruhig.

Das haben Sie ja schon im Dschungel mit Kinski geübt.

Ich weiß nicht, im Dschungel geübt. Das sind ja ganz reale Verhältnisse, mit denen Sie klarkommen müssen.

Fest steht: Werner Herzog ist Kult. Junge Leute strömen in Ihre Film-Seminare.

Da geht es nie um mich. Sondern die haben meine Filme gesehen. Und so was haben die ja überhaupt noch nie gesehen. "Fitzcarraldo" ist einfach besser als alles, was damals gemacht wurde. Und auch meine jetzigen Filme sind besser als die von anderen.

Gibt es Größe ohne Größenwahn?

Ich weiß, dass ich das, was ich mache, richtig gut mache. Der Einzige, der außer mir "Fitzcarraldo" hätte machen können, war Ludwig II. Der hätte es in sich gehabt. Kein anderer.

Das ist entweder realistische Selbsteinschätzung oder Größenwahn.

Weder noch. Ich schätze einfach Ludwig II. gut ein.

Sie eignen sich zum Guru.

Sobald ich merke, dass mich jemand als Guru wahrnimmt, breche ich jeden Kontakt ab.

Sie haben immer wieder die Extreme gesucht: Rauchende Vulkane oder brennende Ölquellen haben Sie nicht schrecken können. Was treibt Sie?

Erzählfreude. Ich weiß, ich kann das. Und ich weiß, ich bin da auch gut. Und deswegen hat Hollywood auch immer ein Auge auf mich. Deren Stärken sind Special Effects, Star Power und Merchandising. Aber Geschichten erzählen – da wissen die einfach, dass ich gut bin. Deswegen gibt es immer wieder Kontakte.

Einmal jedoch kamen sogar Sie an Ihre Grenzen: Eine Dokumentationsserie über zum Tode Verurteilte in amerikanischen Gefängnissen haben Sie nicht fortgesetzt.

Im letzten Teil ging es um einen jungen Mann – der jüngste zum Tode Verurteilte in Texas. Er hat ein kleines Mädchen, das gerade erst zu laufen und zu reden anfing, in einem grausamen Exorzismus-Ritual ermordet. Ich bekam Fotos von dem Opfer, dem kleinen Mädchen, zu sehen. Das wollte ich gar nicht. Ich bin mitten in der Nacht aufgewacht, weil ich einen Schrei gehört hatte. Dann stellte sich heraus: Derjenige, der geschrien hatte, war ich.

Was lernt der Mensch in Grenzsituationen über sich selbst?

Mit diesen Filmen wollte ich tief in uns hineinschauen. Zum Vorschein kam unsere dunkele Seite, die man normalerweise nicht zu sehen bekommt. Seltsamerweise sind alle, die ich im Todestrakt kennen gelernt habe, nur einen kleinen Schritt von uns entfernt.

Eigentlich sind Sie kein großer Freund von Selbstbespiegelung.

Ich halte die Psychologie für einen der größten Fehler des 20. Jahrhunderts. So, wie das betrieben wird, hat es kaum jemandem je wirklich gutgetan. Ich glaube, das müsste man sehr viel behutsamer betreiben. Ebenso wenig tut es uns gut, wenn wir um unseren eigenen Nabel kreisen.

Was ist bei Ihnen stärker: Die Angst, demaskiert zu werden, oder die Sehnsucht, erkannt zu werden?

Wieder so eine Fremdlingsfrage. Da haben Sie hier sofort einen Alien vor sich sitzen.

Immerhin eine Frage, bei der Sie nicht gleich auf die Herrentoilette müssen.

Sagen Sie das noch mal. Raus damit. Das ist so grotesk. Bitte lassen Sie das im Interview drin.

Was ist bei Ihnen stärker: Die Angst, demaskiert zu werden, oder die Sehnsucht, erkannt zu werden?

Sakrament! Ja, Kruzifix!

Und jetzt Ihre Antwort.

Ich bin unwichtig. Wer mich erkennt und wie ich erkannt werde, ist unbedeutend.

Also haben Sie Angst, demaskiert zu werden.

Unsinn. 20 Meter an meinem Kopf vorbeigezielt.

Keine Geheimnisse?

Natürlich habe ich die. Deswegen gehe ich ja auch nicht zum Psychiater. Ein Mensch, von einem Psychiater bis in den letzten Winkel ausgeleuchtet, wäre ein unbewohnbarer Mensch.

Apropos Geheimnis: Sie tragen ein Tattoo auf dem Oberarm.

Ich erinnere mich an kein Tattoo.

Kommen Sie.

Seit Jahren nehme ich es nicht mehr wahr. Ich schaue mir ja auch nicht in die Augen beim Rasieren. Ich sehe nur zu, dass ich mich nicht schneide. Aber ja, ich erinnere mich wieder, ich habe wohl ein Tattoo.

Beschreiben Sie mal.

Ein Totenkopf, der in ein Mikrofon singt. Auf dem Mikrofon steht ZDF.

Rache am deutschen Fernsehen, das Sie nicht genügend wertgeschätzt hat?

Ich war damals mit dem jungen John Paul Getty III. unterwegs. Der hat gesagt: "Du, ich lass mir ein Tattoo machen. Komm doch mit, ich trau mich nicht." Da bin ich mit. Und während er sein Tattoo bekam, habe ich mir die Mappe durchgesehen. Ein Motiv zeigte den Tod im Smoking, der in ein Mikrofon sang. Das habe ich mir dann mit dem Schriftzug "ZDF" stechen lassen.

Stress mit dem Sender?

Es gab damals irgendeine Zusammenarbeit. Die haben über den Film gemault. Ich sagte: "Passt auf, wir lassen das besser unverändert. Sonst verdiene ich die nächsten Jahre mal ganz viel Geld. Und dann kaufe ich den Laden und setze euch alle an die Luft."

Was ist schrecklicher: Das deutsche Feuilleton oder unsere Öffentlich-Rechtlichen?

Deutsches Feuilleton lese ich nicht. Das hat einen Kulturbegriff, der war schon in den 60er Jahren passé. Und öffentlich-rechtliches Fernsehen sehe ich ganz selten.

Der "Tatort" läuft immer noch.

Den habe ich noch nie gesehen. Fernsehen ist überall bedrückend. Nicht nur die Öffentlich-Rechtlichen. Trotzdem schaue ich Fernsehen. Ich will nicht weltfremd sein.

Sie haben 70 Filme gemacht und auf sieben Kontinenten gedreht. Gibt es noch ein offenes Traumprojekt?

Da gibt es viele. Aber ich werde nicht Jahre damit verbringen, Finanzen für hoffnungslose Projekte aufzutreiben. Da verbringe ich keine schlaflosen Nächte. In den letzten zehn Jahren sind 18 Filme entstanden. Richtig, es gibt Projekte, ein oder zwei, die ich nicht gemacht habe so what.

Es muss immer weiter gehen.

Während ich hier sitze, arbeite ich schon an meiner neuen Gorbatschow-Dokumentation und habe schon die nächsten drei Spielfilmprojekte im Kopf.

Sind Sie workaholic?

Es gibt schon noch so etwas wie – vorsichtig gesagt – Privatleben. Ich habe drei Kinder. Alle erwachsen. Ich bin gerne mit ihnen zusammen. Außerdem kann ich sehr schnell drehen. Filmtage dauern bei mir nicht lange. Bei "Bad Lieutenant" waren wir an vielen Drehtagen um drei Uhr nachmittags fertig.

Da arbeitet Donald Trump länger. Der macht erst um vier Schluss.

Dabei hätten wir bis sieben drehen können. Alle waren nervös, weil ich immer so früh Schluss gemacht habe. Normalerweise drehen Hollywood-Regisseure Zusatzmaterial, um sich abzusichern. Die Leute sagten alle: "Jetzt schon ins Hotel zurück?" Bis Nicolas Cage sich auf eine Kiste gestellt und vor versammelter Mannschaft gesagt hat: "Endlich arbeite ich mit einem Regisseur, der weiß, was er tut."

Herr Herzog, hat das Leben einen Sinn?

Da müssen Sie den Papst fragen. Ab mit Ihnen in den Vatikan!

Glauben Sie ein an ein Leben nach dem Tod?

Dafür gibt es keine Belege. Und es wäre wahrscheinlich auch bedrückend, wenn wir dauernd als Wiedergänger auftauchten.

Was ist übrig geblieben von Ihrem religiösen Erweckungserlebnis, das Sie mit 14 hatten?

Nur noch ein fernes Echo. Etwas, das die Katholiken Heilsgewissheit nennen. Aber nicht im religiösen Sinne, sondern was meine Arbeit betrifft.

Liegt Ihr Heil also in Ihrer Arbeit?

Es geht darum, etwas Sinnvolles mit der Zeit zu tun, die man als flüchtiger Gast auf Erden hat.

Fürchten Sie den Tod?

Warum sollte ich?

Ist doch ganz schön hier.

Ich tue mein Bestes. Ich glaube, dass ich ein guter Soldat bin. Ein Soldat, der unerschrocken einen Außenposten hält, den alle anderen schon aufgegeben haben.

Wie heißt der Film?
Hallo, seit langer Zeit bin ich auf der Suche nach einem Film, den ich vor ca. 25 Jahren gesehen habe. Es ist ein französischer Film von oder in der Art wie Eric Rohmer. Der Titel könnte "Betrug" oder ähnlich lauten. Es geht um eine Dreiecksgeschichte, bei der ein Mann von seiner Ehefrau und seinem besten Freund betrogen wird. Der Film erzählt seine Geschichte in Rückblenden und steigert die Spannung dadurch, dass der anfangs unwissende Zuschauer von Rückblende zu Rückblende mehr Informationen erhält, bis er gegen Ende sogar wissender ist als die Darsteller. Wie ein roter Faden zieht sich dabei die Frage durch den Film: Wer hat zu welchem Zeitpunkt was gewusst. - Ab wann wusste der betrogene Ehemann, dass er betrogen wurde? - Ab wann wussten die Betrüger, dass der Ehemann wusste, dass er betrogen wurde usw. Der Film beginnt äußerst langatmig. Wenn ich mich recht erinnere mit einer 20-minütigen fast statischen Kameraeinstellung. Zwei Personen (Ehefrau und Liebhaber) sitzen an einem Tisch eines sehr einfachen Restaurants. Aus dem Gespräch erfährt man, dass sie früher einmal ein Verhältnis hatten. Im Laufe der Unterhaltung verdichtet sich allmählich die Befürchtung, der Beste Freund/ Ehemann könnte eine Ahnung gehabt haben. Dann folgt die erste Rückblende. Dieses Prinzip von sich verdichtender Ahnung verstärkt sich immer mehr und verleiht dem Film eine - wie ich finde - einzigartige Dramaturgie. Wäre wundervoll, wenn jemand helfen könnte. Gruß Leo