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Tag 2: Küsse von Denzel Washington

Stars zum Anfassen erlebten die Filmfans am Lido. Während Denzel Washington das Bad in der Menge sichtlich genoss, verweigerte Steven Spielberg sämtliche Interviews zu seinem Eröffnungsfilm "The Terminal".

Von Bernd Teichmann

Sollte die bebrillte, blonde Mittvierzigerin einen Terminkalender besitzen, dürfte da jetzt unter dem 2. September 2004 in der Spalte 20.15 Uhr ungefähr Folgendes stehen: "Denzel hat mich geküsst. Auf die rechte Wange!!!" Und sie war nicht die Einzige. Das Vorspiel zur Premiere von Jonathan Demmes exzellentem, außer Konkurrenz laufenden Verschwörungs-Thriller "The Manchurian Candidate" demonstrierte einmal mehr, wie dünn die Grenze zwischen den Stars und den Normalsterblichen in Venedig nach wie vor ist.

Während in Cannes - dieser eine letzte Vergleich sei noch mal erlaubt - nur die Fotografen-Bataillone ganz nah dran sind, muss auf dem Lido jeder Zaungast damit rechnen, plötzlich mit Kalibern wie Tom Hanks, Denzel Washington, Meryl Streep oder Liev Schreiber ein paar Worte zu wechseln, Händchen zu drücken oder ein gemeinsames Foto zu knipsen. Besonders anhänglich war an diesem Abend Denzel Washington, den das Festival-Personal schließlich mit zärtlicher Bestimmtheit ins Kino lotsen musste, damit das erlauchte Publikum im Sala Grande auch was von ihm hatte.

Fragen nach George W. Bush

Scheint ein bisschen launisch zu sein, der Gute, denn während der Pressekonferenz am Nachmittag hatte er vor allem mit einsilbigen Antworten und gelangweiltem Habitus geglänzt. Immerhin einmal ließ er sich zu herzhaftem Gelächter hinreißen, woran ein zauseliger TV-Reporter aus Chile Schuld war, der sich offenbar vorgenommen hat, mit jeweils einer vermeintlich originellen Frage rund um George W. Bush die Celebrities in Verlegenheit zu bringen: "Mr. Washington, ich habe gerade draußen eine kurze Umfrage durchgeführt, wer der nächste US-Präsident werden soll - Kerry, Bush oder Sie. Die meisten Antworten fielen auf Sie, also, wie wär's?" Auf ein Statement wartet der Kollege noch immer, ebenso wie auf das von Tom Hanks, den er Tags zuvor gefragt hatte, wann er denn die Fortsetzung von "Saving Private Ryan", "Saving Private Bush" drehen würde.

Stattdessen erfuhren die Anwesenden von diesem erschreckend sympathischen Menschen, dass er erst mit 21 das erste Mal geflogen ist, und Steven Spielberg verriet seinerseits, dass er 1987 mal 24 Stunden auf dem Flughafen von Chicago festsaß und dreieinhalb Stunden in der Waschraum-Schlange ausharren musste.

Keine Interviews von Steven Spielberg

Weniger amüsant fanden indes diverse Kollegen, dass der Regisseur sämtliche Interviews zu seinem Eröffnungsfilm "The Terminal" absagte. Angeblich hatten die vorwiegend durchwachsenden Kritiken den sensiblen Hit-Fabrikanten zu sehr verunsichert. Völlig zu Unrecht. Sein modernes Märchen um einen Mann (Hanks), der wegen politischer Unruhen in seinem fiktiven Land gezwungen ist, auf unbestimmte Zeit im Transit-Terminal des New Yorker Flughafens zu kampieren, ist ein wunderbares Feelgood-Movie voller Idealismus und Wärme. Ab 7. Oktober übrigens in den deutschen Kinos zu sehen.

Der erste Favorit auf den Goldenen Löwen

Im selben Monat, zwei Wochen später, kommt auch das neue Werk des französischen "8 Frauen"- und "Swimming Pool"-Regisseurs François Ozon zu uns. "5 x 2" blickt in fünf Episoden zurück auf das gemeinsame Leben eines Paares, von der Scheidung bis zum ersten Kennenlernen. Intensiv, lebensnah, radikal, entlarvend - ein brillantes Beziehungs-Psychogramm, das bereits jetzt als einer der Favoriten im Rennen um den Goldenen Löwen gilt.

"The Manchurian Candidate" läuft jetzt seit knapp einer Stunde. Vor dem Palazzo del Cinema herrscht mittlerweile wieder normale Betriebstemperatur. Die Schaulustigen haben sich verzogen, Polizisten schlendern umher, am Eingang plaudert eine Handvoll Festival-Bediensteter, ein paar Spaziergänger bleiben stehen und blicken versonnen in den Wald rot illumierter Säulen, von deren Spitzen die großen, beflügelten Gold-Löwen aufs Meer blicken. Morgen, so gegen 20.00 Uhr, wird hier wieder kein Durchkommen sein. Dann hat Michael Manns atemberaubende Killer-Studie "Collateral" ihre Lido-Premiere. Die Hauptrolle spielt Tom Cruise. Dass er kommt, ist noch nicht bestätigt. Sollte er aber, werden die Chancen auf ein Küsschen bestimmt nicht schlecht stehen.