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TV-Dreiteiler "Speer und Er": Der Architekt des Bösen

Heinrich Breloer zeigt in seinem Doku-Dreiteiler "Speer und Er" das wahre Gesicht des Albert Speer: Hitlers Chefarchitekt, Rüstungsminister und Technokrat war kein verführter Künstler - sondern ein williger Verwalter des Grauens.

Hitlers ehemaliger Rüstungsminister Albert Speer geht in seiner Nürnberger Zelle auf und ab. Er liest, was die Ankläger im Kriegsverbrecherprozess ihm vorwerfen: Dass er mitverantwortlich gewesen sei für das unsägliche Leid, dass Hitler-Deutschland über die Welt gebracht hat, das Leid der Juden, der Zwangsarbeiter, der unterjochten Völker. Speer, allein in der Zelle, stockt der Atem, er hat Angst, er verkrampft sich. Aber schon kurze Zeit später hat er sich gefasst. Im Gespräch mit einem US-Militärpsychologen erprobt er die Verteidigungsstrategie, mit der er seinen Kopf aus der Schlinge ziehen wird: Verantwortung übernehmen, Reue zeigen, aber jede persönliche Schuld und das Wissen um die Gräuel weit von sich weisen.

So beginnt das dreiteilige Doku-Drama "Speer und Er" von Heinrich Breloer, das die ARD am 9., 11. und 12. Mai um 20.15 Uhr zeigt. Speer, so stellt Breloer ihn dar, hat sich nur allzu gerne verführen lassen von Hitler, hat als Architekt dem Diktator die Kulissen geschaffen für seine Selbstinszenierungen, hat als Rüstungsminister alles getan, um durch Ausbeutung von Sklavenarbeitern die Munition zu liefern für Hitlers längst verlorenen Krieg.

In Nürnberg und im Spandauer Gefängnis erfindet sich Speer neu

Aber schon Monate vor Hitlers Selbstmord und der Kapitulation der Wehrmacht denkt Speer über das Ende des Dritten Reichs hinaus. Er schreibt Briefe, die ihm einmal zur Verteidigung dienen werden. In Nürnberg und danach als Bestsellerautor im Spandauer Gefängnis erfindet er sich neu, als Technokrat, als einer, der angeblich keine Befehle gab, der vom Völkermord in den Konzentrationslagern nichts gewusst haben will. Speer liefert damit vielen Deutschen seiner Generation die Blaupause für die Verdrängung der eigenen Schuld.

Breloer und sein langjähriger Ko-Autor Horst Königstein enttarnen in ihrem Dreiteiler den "Entlastungs-Nazi" Speer. Breloer verwendet dazu - wie schon vor gut drei Jahren in seinem Welterfolg "Die Manns" und vielen anderen preisgekrönten Filmen - die Verschränkung von Spielszenen, Originalaufnahmen und Interviews.

Es ist faszinierend zu sehen, wie sehr Sebastian Koch in seiner Rolle dem echten Albert Speer gleicht, wie Tobias Moretti als Adolf Hitler seine Augen in Sekundenbruchteilen von verführerisch auf dämonisch umschalten kann, wie Susanne Schäfer die Liebe der Sekretärin Annemarie Kempf zu ihrem Chef Speer aufscheinen lässt.

Götz Weidners Nachbauten der Reichskanzlei, des Nürnberger Prozesssaals und des Spandauer Gefängnisses sorgen dafür, dass Originalaufnahmen und Spielszenen ineinander fließen. Und Gernot Roll vermittelt mit seiner Kameraführung den Zuschauern das Gefühl, sie seien mitten im Geschehen. Dass sie trotz der zahllosen Übergänge zwischen den Zeitebenen und Orten nie die Orientierung verlieren, dafür sorgt die Cutterin Monika Bednarz-Rauschenbach.

Ergreifende Kommentare von Zeitzeugen

Die ergreifendsten Momente in Breloers Doku-Drama aber sind die Szenen, in denen Zeitzeugen das kommentieren, was gerade in Spielszenen oder Originalaufnahmen zu sehen war - ehemalige Zwangsarbeiter in der unterirdischen Raketenfabrik und vor allem Speers Kinder, die sich mit der Vergangenheit ihres Vaters konfrontieren lassen. Albert Speer junior sieht in Filmaufnahmen, wie er als kleiner Junge auf Hitlers Schoß sitzt. "Kinder haben da ja kein Sensorium, Verbrecher zu erkennen", sagt er.

Jürgen Hein/DPA / DPA