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Thomas Mann: "Wo ich bin, ist deutsche Kultur"

Spätestens durch Heinrich Breloers TV-Dreiteiler ist das öffentliche Interesse an Thomas Mann neu entfacht worden. 50 Jahre nach seinem Tod ist sein Rang als größter deutscher Erzähler des 20. Jahrhunderts unumstritten.

Thomas Mann hat schon in jungen Jahren gehofft, "daß etwas, was ich dachte und empfand, mit Ruhm einst gehen wird von Mund zu Munde". 1899 von dem 24-Jährigen in einem Gedicht niedergeschrieben, haben sich seine frühen Hoffnungen erfüllt - bis heute, 50 Jahre nach seinem Tod am 12. August 1955. Leidenschaftliche Verehrung, aber auch heftige Ablehnung begleiteten den Literatur-Nobelpreisträger schon zu Lebzeiten. Heute aber ist sein Rang als größter deutscher Erzähler des 20. Jahrhunderts unumstritten.

Zu Manns jüngster Popularität trug besonders der spektakuläre TV-Dreiteiler von Heinrich Breloer ("Die Manns") mit Armin Mueller-Stahl bei, eine Art "Literatur-Dallas" als Familienbericht über eine deutsche Künstlerdynastie. Und der literarische Lebensbericht "Frau Thomas Mann" (über die Ehefrau Katia Mann) von Inge und Walter Jens wurde im letzten Jahr ein Bestseller. In den vergangenen Jahrzehnten hat es eine erstaunliche Zahl von Verfilmungen der Werke Manns gegeben, von den "Buddenbrooks" als Kino-Zweiteiler und TV-Serie über "Der Tod in Venedig" und "Lotte in Weimar" bis zum "Zauberberg". Den "Felix Krull" spielte der junge Horst Buchholz 1956/57.

Vorbilder, Lieblingsmärchen und Wahlverwandte

Der aus Lübeck stammende "Großschriftsteller" wurde von manchen in einem Atemzug mit Goethe genannt. Mann selbst gab als Vorbilder Tolstoi, Dickens, Flaubert und Ibsen an. Als sein Lieblingsmärchen nannte er stets Andersens "Standhaften Zinnsoldaten" ("er ist im Grunde das Symbol meines Lebens"). Mann, der in seiner Familie der "Zauberer" genannt wurde, sah sich gern in der Goethe-Nachfolge, auch wenn er sich Schiller als "sentimentalistischem" Dichtertypus verwandter fühlte.

Manns Schreibleistung war enorm. In 60 Schaffensjahren schrieb er mehr als 100.000 Seiten voll. Beim Erscheinen seines erstaunlichen Romandebüts "Buddenbrooks" 1901, das den jungen Autor weltberühmt machte, gab es jedoch zunächst negative Kritiken. Noch Jahrzehnte später urteilte Thomas Bernhard: "Der Großbürger Thomas Mann hat eine durch und durch kleinbürgerliche Literatur geschrieben." Gegen Kritik war der selbstverliebte Autor zeitlebens überempfindlich, er empfand gar "Übelkeit durch die Schimpfierung meines Lebens".

"Wo ich bin, ist deutsche Kultur"

Mit seinem weit ausholenden und oft psychologisierenden Erzählstil, seinen komplizierten Verästelungen und Nebensätzen macht es Mann seinen Lesern eben nicht leicht. Dennoch war und ist er bis heute ein Liebling der Germanisten und nach Goethe der am meisten erforschte deutsche Schriftsteller. Die erste vollständig kommentierte Gesamtausgabe bei S. Fischer, wo Manns Bücher bereits mehr als 100 Jahren erscheinen, soll bis zum Jahr 2015 komplett vorliegen. Mit 38 Bänden ist es die größte Werkausgabe in der Geschichte des Verlages. Die ersten Bände sind schon erschienen.

"Wo ich bin, ist deutsche Kultur", lautete später sein ebenso selbstbewusstes wie trotziges Wort bei seiner Emigration vor den Nazis in die USA. Sein Wandel vom Anhänger der Monarchie zum Verteidiger der Republik, seine - zunächst widerwillige - Flucht ins Exil und seine Weigerung, nach dem Krieg endgültig nach Deutschland zurückzukehren, gehören zur Biografie eines wechselvollen Lebens. Sowohl sein Künstlerroman "Doktor Faustus" als auch sein Vortrag "Deutschland und die Deutschen" stieß in seiner Heimat auf wenig Gegenliebe. Man sprach ihm das Recht ab, als einer, der "draußen geblieben war", über sein Volk zu urteilen. Dennoch war er bei den Goethe- und Schiller-Feiern 1949 und 1955 in beiden Teilen Deutschlands ein willkommener Festredner.

Zwischen Eros und Disziplin

Der Preis für Manns Ruhm war ein Leben zerrissen zwischen Eros und Disziplin. Seine posthum von Peter de Mendelssohn und danach von Inge Jens publizierten Tagebücher versetzten die Literaturwelt in Erstaunen. Sie warfen ein neues Licht auf den Großbürger aus Lübeck, der ein Leben lang bemüht war, die sexuellen "Hunde im Souterrain" in Schach zu halten und sein "bürgerliches Bügelfalten-Image" zu bewahren.

So bekannte Reich-Ranicki, für den Mann der "deutscheste aller Deutschen" war, er habe unterschätzt, dass Mann wie Goethe ein Erotiker war und dass sexuelle Motive in seinem Werk eine zentrale Rolle spielen. Seine homosexuelle Neigung klingt in seinen Werken vom "Tod in Venedig" über "Tonio Kröger" bis zum "Felix Krull" mehr oder weniger stark anklingen.

"Kurios, kurios"

"Ich kann von Glück sagen, daß ich doch mit 25, mit 50, mit 60 und 70 Jahren, mit "Buddenbrooks", "Zauberberg", "Joseph" und "Faustus" etwas wie einen kleinen Vollbringer abgeben konnte. Wahrhaftig, ich war nicht groß", schrieb der in seinen Werken oft zu leiser Ironie neigende Mann ein Jahr vor seinem Tod in sein Tagebuch. Nicht ohne sich bitter zu erinnern: "Habe (...) Zeiten durchlebt, wo kein Hund ein Stück Brot von mir nehmen wollte, nach einer Vorlesung keine Hand sich rührte."

In seinem letzten Tagebuch wird der Leser Zeuge eines verlöschenden Dichterlebens. Mann klagt über ein "verwirrtes, zerfranstes, überfordertes, leidendes Dasein" und notiert am 27. März 1954: "Es ist Golos 45. Geburtstag - und ich lebe immer noch", ein "wunderlicher Lebenstraum, der bald ausgeträumt sein wird, kurios, kurios". Um den 20. Juli 1955 erkrankt er in Holland an einem Gefäßleiden. Er fliegt am 23. Juli nach Zürich zurück und begibt sich zur Behandlung ins Spital. Dort stirbt Thomas Mann am 12. August 1955 an einem Kreislaufkollaps. "Und noch desselben Tages empfing eine respektvoll erschütterte Welt die Nachricht von seinem Tode" lautet der letzte Satz im "Tod in Venedig".

Wilfried Mommert/DPA / DPA