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Ulrich Tukur: Der Gratwanderer

In "Ein fliehendes Pferd" spielt Ulrich Tukur den lebenslustigen Playboy Klaus Buch: Mitten in der Midlife-Crisis. Mit dem stern sprach der Schauspieler exklusiv über seine Arbeit und seine Liebe zu Venedig - und offenbarte, wie viel Klaus Buch in ihm persönlich steckt.

Von Andrea Ritter und Eva-Maria Senftleben

Das Haar schon ein wenig schütter, aber lässig ungekämmt. Eine riesige Sonnenbrille auf seiner Nase, das helle Sakko offen, das Hemd hat er gleich weg gelassen. Klaus Buch ist Ende 40, laut, polternd und krampfhaft jugendlich. Midlife-Crisis! "Mensch, das kann doch nicht wahr sein! Helmut! Ich bin's, dein alter Kumpel, Klaus Buch", so platzt er in den Tagtraum seines alten Jugendfreundes Helmut Halm. Doch der ist gar nicht erfreut, ihn mit seiner blutjungen, blonden Freundin beim Urlauben am Bodensee wieder zu treffen.

Unerwartet taucht Klaus Buch auf, stellt Helmuts langweilige Ehe auf den Kopf und verschwindet genauso schnell wieder. Er ist ein penetranter Zeitgenosse - mit seiner ständigen guten Laune geht er Helmut schon ziemlich bald auf den Geist. Ganz so schnell möchte Helmut ihn dann doch nicht loswerden: Denn dessen Freundin Helene weckt Gefühle in ihm, die er schon fast vergessen hatte. Doch er ahnt auch, dass seine Frau fasziniert ist von Klaus, der so ganz anders ist als er selbst. Ulrich Tukur leiht Klaus Buch auf der Kinoleinwand sein Gesicht. Er spielt den lebenslustigen Playboy in "Ein fliehendes Pferd", der Verfilmung des gleichnamigen Romans von Martin Walser, die derzeit in den Kinos läuft.

Auf dem schmalen Grat zwischen Alter und Jugend

Tukur, Jahrgang 1957, ist Film- und Theaterschauspieler, Musiker und Schriftsteller. Er selbst balanciert auf dem schmalen Grat zwischen Alter und Jugend, die Midlife-Crisis ist auch ihm nicht ganz fremd. Tukur ist in zweiter Ehe mit der Fotografin Katharina John verheiratet. Seine beiden Töchter aus erster Ehe leben bei ihrer Mutter in den USA. "Das waren nach der Trennung zehn harte Jahre, für sie, für die Kinder und für mich. Ich habe mich schuldig gefühlt, aber es war richtig", resümiert Tukur. Eine Beziehung ist ideal, findet er, wenn die Partner "unabhängig sein können und sich jeden Tag wieder aufeinander einlassen. Eine perpetuierende Lebendigkeit. Der andere muss immer nicht-dechiffrierbar sein."

Sein Filmdebüt gab er 1981 in Michael Verhoevens "Die weiße Rose". Als RAF-Terrorist Andreas Baader in "Stammheim" und mit seiner brillanten Darstellung des jungen Herbert Wehner in "Wehner, die unerzählte Geschichte" machte er sich einen Namen als Schauspieler, der durch seinen Facettenreichtum überzeugt. 1990 veröffentlichte er mit "Tanzpalast" seine erste Schallplatte, fünf Jahre später gründete er seine eigene Tanzkapelle. "Es gibt so viele Dinge, die ich erleben will, ich tanze so gern auf vielen Hochzeiten. Es gibt die Gefahr der physischen und psychischen Überforderung. Und ich bin auch ein paar Mal ausgerutscht auf dem Parkett. Aber ich kann nicht anders." Zuletzt gab er im Oscar-prämierten "Das Leben der Anderen" den Stasi-Oberstleutnant Grubitz, veröffentlichte einen Kurzgeschichten-Band und ist nun, in seinem neuesten Filmprojekt, eben jener scherenschnittartige Klaus Buch.

"Ich war schon immer zeitungleich"

"Ich bin in keinem Feld eine wirkliche Hochbegabung", sagt Tukur. "Das mit dem Erfolg war eher zufällig", sagt er. Verhoeven habe ihn für "Stammheim" nur gewollt, weil er "Willy Graf ähnlich sah". Während der Schauspielausbildung sei er sowieso einer von denen gewesen, "die nicht passten. Ich war 'n totaler Klemmi, dachte immer: Wenn das Theater immer so ist, dass man alles von sich zeigen muss, dann ist mir das peinlich." Deshalb habe er lieber Straßenmusik gemacht, bis Regisseur Peter Zadek ihn 1984 an der freien Volksbühne Berlin für seine Inszenierung von "Ghetto" verpflichtete. "Der hat mich auf die Bühne gestellt und gesagt: 'Sing was! Tanz!' Und da hab ich gedacht: Jetzt, oder nie."

Mit "Die Seerose im Speisesaal" hat Tukur kürzlich sein erstes Projekt als Schriftsteller vorgelegt: Eine Sammlung von Kurzgeschichten, die alle in Venedig spielen - der Wahlheimat des Hamburgers. "Ich war schon immer zeitungleich. Immer asynchron", versucht Tukur seine Liebe zu Venedig zu erklären. Seit 1999 lebt er in der Stadt an der italienischen Lagune. Er sagt, er liebe Venedig, weil dort der Verfall allgegenwärtig, Geschichte lebendig und der Tod "öffentlich" sei. Die Stadt ist seine Zeitmaschine, seine Käseglocke: "Ich kann hier in meiner Wohnung das Berlin der 1920er leben, weil mich da draußen nicht Gelsenkirchen 2007 oder Hamburg 2006 stört."

Neuanfang im alten Venedig

In seinen Kurzgeschichten geht es um den Tod, Erinnerungen und vergangene Tage. "Ich habe die viel zitierte Angst vorm Ableben, vorm nicht mehr Sein", sagt er. Der 50-Jährige, der über den Tod sinniert und in der Vergangenheit lebt - das ist nur eine Seite des Ulrich Tukur. Denn fragt man ihn nach dem Grund für den Umzug nach Venedig, tritt wieder die Midlife-Crisis zu Tage: "In Hamburg hätte ich immer weiter Theater spielen können und wäre dann irgendwann auf dem Ohlsdorfer Friedhof gelandet. Aber das ist es nicht. Ich wollte mir vor 50 noch einmal etwas Neues aufbauen." Ein Neuanfang im alten Venedig - für ihn ist das kein Gegensatz.

Ulrich Tukur, der Gratwanderer, spielt diesen Klaus Buch so authentisch, weil er beides in sich vereint: den ungenierten Lebemann und den alternden Herrn, der das Leben aus seiner Lagune beobachtet. Es gibt eine Szene in "Ein fliehendes Pferd", in der sich Klaus Buch langsam an ein ausgebüxtes Pferd anpirscht. Mit einem Satz springt er auf, noch bevor es davon galoppieren kann. "Einem fliehenden Pferd kannst du dich nicht in den Weg stellen. Es muss das Gefühl haben, sein Weg bleibt frei", erklärt er. Wahrscheinlich ist Tukur selbst ein bisschen wie ein fliehendes Pferd: Er muss das Gefühl haben, sein Weg bleibt frei - das Gefühl, dass er jederzeit nach Gelsenkirchen 2007 oder Hamburg 2006 zurückkehren kann.

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