Venedig-Tagebuch Bürokraten-Zombie im Terrorkampf


Weiterer Höhepunkt in Venedig: Harry-Potter-Regisseur Alfonso Cuarón hat in "Children of Men" aktuelle Weltgeschichte ohne Presslufthammer verdichtet. Ein Film über die Tristesse der Zukunft, der einem Hoffnung gibt.
Von Bernd Teichmann

Verkehrte Festivalwelt. Meistens werden die potenziellen Wettbewerbs-Rosinen gleich zu Beginn unters Volk geworfen, im Mittelteil passiert dann ziemlich wenig und auf der Zielgeraden kommt nochmal ein Schmankerl zum Aufwachen. Venedig 2006 ist andersrum. Nach einer eher flauen ersten Halbzeit scheint die Mostra jetzt richtig auf Betriebstemperatur zu kommen. Eingeleitet hatten die Wende der Brite Stephen Frears mit seinem famosen Royal-Psychogramm "The Queen" und das flockige Ensemble-Stück "Private Fears in Public Places" des Regie-Veteranen Alain Resnais. Beide stehen im Festival-Bulletin "Ciak" sowohl bei den Kritikern als auch beim Publikum ganz hoch im Löwen-Kurs.

Gestern nun erschütterte ein Film den Lido, den nicht wenige zwar etwas voreilig, aber durchaus berechtigt als Gewinner sehen: Alfonso Cuaróns finstere Zukunfts-Vision "Children of Men". Dass der Mexikaner zu den derzeit aufregendsten und originellsten Filmmachern gehört, hatte er schon mit seiner virilen Coming of Age-Geschichte "Y tu mamá también" angedeutet und anschließend mit "Harry Potter und der Gefangene von Azkaban" manifestiert. Die starren Regeln dieser Serie mit einer gehörigen Portion Abgründigkeit und einer eigenwillig düsteren Bildsprache zu durchbrechen, und dem Ganzen damit eine individuelle Handschrift zu verpassen, verdiente schon höchsten Respekt. Und so ist es auch keine Überraschung, dass "Children of Men" alle Erwartungen ins Leere laufen lässt, die mit der Bezeichnung "Zukunfts-Vison" verbunden sind. Hier gibt es weder himmelhohe Glaspaläste, aseptische Gangfluchten, Haushalts-Roboter oder Autos, die wie rollende Riesenhandys aussehen. Auch keinen bösen Big Brother, der das Volk unterjocht, keine wackeren Widerständler, die in ihrer unbewachten Kellerbutze die am Ende erfolgreiche Revolution austüfteln.

Tristesse, aber keine Hoffnungslosigkeit

Cuaróns Welt, genauer gesagt das London des Jahres 2027, sieht nicht nach Science Fiction aus, sondern wie eine Nachrichtensendung über das Neueste von morgen. Eine graue, aschfahle Welt, in der aus unerfindlichen Gründen schon lange keine Kinder mehr geboren werden, und die Menschheit nihilistisch in Chaos und Anarchie ihrem drohendem Ende entgegentaumelt. Mittendrin: Theo (Clive Owen), ein zum Bürokraten-Zombie verkommener Ex-Aktivist, der desillusioniert und antriebslos durch sein Leben schlurft. Bis seine einstige Liebe, Kampfgefährtin und jetzt Anführerin einer Terror-Gruppe, Julian (Julianne Moore), auftaucht. Sie bittet ihn um Hilfe, eine junge Frau außer Landes und zu Human Project zu bringen, einer sagenumwobenen Vereinigung, die im Geheimen an einer neuen, viel versprechenden Gesellschaftsordnung arbeitet. Theos Fracht ist für dieses Vorhaben von existenzieller Bedeutung: Sie ist nach 19 Jahren die erste Frau, die wieder schwanger ist.

Explodierende Cafés und Gefangene mit Kapuzen über dem Kopf

Auf ihrem Weg in eine vielleicht bessere Zukunft ist die Gegenwart allgegenwärtig. Explodierende Cafés, marodierende Banden, Häuserkämpfe, Polizeiräumungen von Ausländer-Ghettos, Internierungslager für Emigranten, Gefangene mit Kapuzen auf dem Kopf, Islamisten, die einen toten Weggefährten durch die Straßen tragen. Bilder, die uns bekannt vorkommen: aus Tel Aviv, Bagdad, den Mega-Cities Lateinamerikas, Tschetschenien, die Pariser Banlieue, Guantanamo, Abu Ghraib, Ramalah.

Selten ist es einem Film in letzter Zeit derartig imposant gelungen, das aktuelle Weltgeschehen intelligent, spannend und ohne pädagogischen Presslufthammer zu verdichten. Und er entlässt uns am Ende bei aller Tristesse nicht in die Hoffnungslosigkeit. Wir haben immer noch eine Chance. Was bedeutet Kritik am System? Was heißt Widerstand? Nach welchem Konzept sollen wir leben? Fragen, mit denen sich nicht nur Cuarón beschäftigt, sondern auch die Österreicherin Barbara Albert.

Ein Trip ins Gestern

In ihrem Wettbewerbsbeitrag "Fallen" diskutiert die junge Lehrerin Brigitte mit ihren Schülern über jene Erwartungen, Vorstellungen und Utopien, wie sie es früher selbst mit ihrem Klassenvorstand Michael getan hat. Dessen unerwarteter Tod führt die Pädagogin nach 14 Jahren mit ihren damaligen Freundinnen zusammen. Was als kleines Ehemaligen-Treffen bei der Beerdigungsfeier beginnt, entwickelt sich für die fünf unterschiedlichen Frauen zu einem wechselvollen, zwei Tage und eine Nacht währenden Trip ins Gestern, der für einige von ihnen ernüchternd, für andere einen Neuanfang bedeuten wird. Eine gelungene kleine, hautnahe Befindlichkeitsstudie über verpuffte Illusionen, Orientierungsschwierigkeiten und verpasste Möglichkeiten.

Vielleicht zu klein, um gegen Schwergewichte wie "Children of Men" oder die noch anstehenden Werke von Darren Aronofsky ("The Fountain") und David Lynch ("INLAND EMPIRE") zu bestehen. Manchmal ist die Welt ungerecht. Manchmal aber auch verkehrt.


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