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VIN DIESEL: »Ich war schon immer das Alpha-Männchen«

Die Eleganz eines Yeti und der Charme eines Vorschlaghammers: Vin Diesel will als Super-Spion »XXX« die Nachfolge von 007 antreten - und Hollywood ist entzückt über seinen neuen Action-Star.

Die Welt rettet man heutzutage wohl besser im Muskelshirt als im Smoking. Und schicker auf dem Snowboard als auf Paarski. Es macht auch mehr Eindruck auf die Guten wie die Bösen, sich in einer geklauten Corvette von der Brücke zu stürzen, als im Aston Martin über Jahrgangs-champagner zu sinnieren. Neue Qualitäten sind gefragt beim Agenten von heute. Mehr Kraft als Köpfchen.

Denn auch das Böse residiert nicht mehr auf Pazifik-Atollen oder Berggipfeln, sondern betreibt neuerdings neben Zerstörungsplänen einen düsteren Club in Prag und hört Rammstein. Die Finsterlinge heißen nicht mehr »Dr. No« oder »Blofeld«, sondern »Anarchy 99«. Und von smarten Herren mit Fliege lässt sich der trendbewusste Terrorverein gar nicht beeindrucken - solche Heinis werden gleich beseitigt.

In der Not sucht der US-Geheimdienst also einen neuen Mann - und findet den vorbestraften Extremsportler Xander Cage. Ein Rebell mit Tattoo-Tick, der mit spektakulären Stunts wie dem Corvette-Absturz Geld verdient und nun zum Agenten wider Willen wird. Er gewinnt das Vertrauen des Anarcho-Chefs und das Herz von dessen Freundin, während er skysurfend oder vor Lawinen flüchtend die Menschheit vorm Untergang bewahrt. Weil Xander drei X auf den Nacken tätowiert hat und ausgesprochen maskulin agiert, bekommt er den Codenamen XXX - Triple X.

Das passt auch schön zu 007, der nun, so die Botschaft des Action-Spektakels, ausgedient hat. »Triple X« ist die Popcorn-Antwort auf den britischen Superspion: ein James Bond der Gosse, ein Antiheld für die Playstation-Generation. Oder, wie Regisseur Rob Cohen sagt, ein »King of Cool, so wie Vin«.

Vin Diesel. Der ehemalige New Yorker Türsteher wird nun von Hollywood hofiert als neuer Action-Held. Eine Gage von zehn Millionen Dollar erhielt der 35-Jährige, für die Fortsetzung sind 20 Millionen im Gespräch. So viel bekommen sonst nur Superstars wie Tom Cruise.

»Ich habe immer schon gesagt, wo's langgeht. Ich war immer das Alpha-Männchen«, sagt Diesel mit einer Stimme, die klingt, als habe der junge Barry White zu viel gefeiert. Zum Interview legt ihm einer seiner Kumpels Zigaretten bereit und serviert Red Bull, obwohl Diesel nicht aussieht, als brauchte er zusätzliche Energie. Schon auf der Leinwand strotzt er derart vor Kraft, dass man bei jedem Kuss um das Wohl seiner Filmpartnerin Asia Argento besorgt ist.

Wer Diesel im Alien-Verschnitt »Pitch Black« oder dem Überraschungshit »The Fast and the Furious« - eine US-Variante von »Manta, Manta«- gesehen hat, der erwartet außer Bizeps wenig Bemerkenswertes. Und ist dann überrascht. Von Diesels Charme und seiner Höflichkeit, von seiner Leidenschaft für Filme. Als Kind ging er jede Woche mit seinem Stiefvater ins Kino und wollte seither nur eins: zum Film. Mit seinem ersten selbst finanzierten Kurzwerk »Multi-Facial« beeindruckte er Steven Spielberg und bekam prompt eine Rolle in »Saving Private Ryan«. Um sein Debüt produzieren zu können, verkaufte Diesel, der eigentlich Mark Vincent heißt, ein Jahr lang am Telefon Schraubenzieher.

Wenn er nun auf die Plakate schaut, die weltweit »Triple X« anpreisen, ist er auch stolz, »weil es früher keine Kino-Idole gab, die so aussahen wie ich«. Diesel hält seine Herkunft geheim und rasiert seit Jahren seine Afromähne ab. Es heißt, seine Mutter sei italienischer Abstammung, sein Vater Afroamerikaner, sein Zwillingsbruder blond und blauäugig. »So wie James Bond England repräsentiert, stehe ich für die Multikulti-Gesellschaft.«

Vielleicht ist das sein Erfolgsgeheimnis: Er soll Jugendliche jeder Couleur ins Kino locken, gerade jetzt, da mit Schwarzenegger und Co. kein Geld mehr zu machen ist. Er ist der moderne Wilde unter den Action-Helden - nicht so schmalbrüstig wie seine Mitstreiter Matt Damon oder Tobey Maguire, nicht so hohl wie der Wrestler »The Rock«. »Natürlich ist 'Triple X' nicht Shakespeare«, sagt Diesel. »Aber dafür gibt es einen Helden, wie ihn die Welt noch nicht gesehen hat.«

Bianca Lang