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Wim Wenders im Interview: "Frauen sind neurotisch konfliktlustig"

Wim Wenders' neuer Film ist eine Parodie auf den Western, ein intellektuelles Gegenstück zu dem "Schuh des Manitu". Im stern.de-Interview spricht der Regisseur über Sinnkrisen, den Mythos des Westens, die Regierung Bush - und über Männer und Frauen.

Ihr Held Howard Spence ist ein alternder Western-Star. Dreißig Jahre lang hat er alles gehabt: Sex, Drugs, and Rock'n'Roll. Irgendwann haut er dann einfach vom Set ab und flüchtet zu Mami, die er zuvor dreißig Jahre lang nicht besucht hat. Weshalb flieht er?

Vielleicht ist ihm klar geworden ist, dass es so nicht weitergehen kann mit ihm. Wenn er morgen sterben würde, würde ihm kein Mensch eine Träne nachweinen. So heldenhaft wie er in seinem Beruf als Schauspieler vorgeht, so irrelevant ist er in dem Film seines eigenen Lebens. Von ihm gibt es nicht viel Rühmliches zu berichten - außer, dass er ziemlich krass für sein Vergnügen gelebt hat.

Das vierte Gebot besagt: "Du sollst Vater und Mutter ehren". Spence hat seine Mutter aufgegeben. Stattdessen hat er in Hollywood gesoffen, gehurt und geprügelt. Zur Strafe hat er nichts von dem eigenen Sohn erfahren. Verteufeln sie das Lotterleben in Hollywood nun mit biblischer Leidenschaft?

Spence hat Mutter und Vater tatsächlich links liegen lassen. Aber weder seine Mutter noch dem Regisseur ist nach Schelte zumute. Sie empfängt ihn so, als wäre er gestern gegangen. Nur, als es um ihr Enkelkind geht, wird sie sauer darüber, dass er sich dreißig Jahre lang nicht gemeldet hat. Ansonsten verhält sie sich so, als wäre er gestern Zigaretten holen gegangen. Einen Vorwurf macht sie ihm nicht. Sie hat nicht auf ihn gewartet. Sie hat ihn abgeschrieben.

In einer Szene sagt Doreen, die Mutter seines Sohnes: "Es darf nicht sein, dass man die eigene Mutter aus den Augen verliert" ...

Sie sagt das eher mitleidsvoll. "Wenn Du tatsächlich einer bist, der selbst mit seiner eigenen Mutter keinen Kontakt hatte, dann bist Du echt arm dran," meint sie - eher bedauernd denn als Vorwurf. "Du bist ein armer Tropf. Wenn einer seine Mutter verliert, dann kann ihm keiner mehr helfen."

In einer Schlüsselszene eskaliert der Konflikt zwischen Howard und Doreen. Auch im echten Leben sind die Darsteller Sam Sheperd und Jessica Lange verheiratet. Was für eine Rolle hat das beim Drehen gespielt?

Das war eine beängstigende Szene. Sam hat sie für Jessica geschrieben. Doreen, ihre Figur, gibt Howard zunächst die Chance, sich mit seinem Sohn auseinander zu setzen. Als sie merkt, das er das nicht bringt, sagt sie ihm die Meinung. Das war die einzige Szene, die wir nicht geprobt haben. Jessica wollte das nicht. Erst als Sam die Handtasche über den Kopf bekam, haben wir begriffen weshalb. Sam war wie vom Donner gerührt. Da haben sich die angestauten zwanzig Jahre entladen, die die beiden nicht zusammen gedreht haben.

Die Frauen sind in dem Film die Starken - die Mutter des Western-Stars, die allein erziehende Ex-Geliebte - sie sind es, die Verantwortung tragen, bodenständig bleiben. Im Vergleich dazu ist der Held ein verantwortungsloser Hallodri. Was für ein Männerbild skizzieren Sie hier?

Das Männerbild, das in dem Film vorkommt, ist eines, das auf anachronistische Art und Weise immer noch von dem Genre des Western geprägt ist. Spence nimmt sich eine Freiheit, die diese Cowboys hatten, die er darstellt. Für sein Leben bedeutet das einfach die Abwesenheit von jeglicher Verantwortung. Das ist das Manko seines Lebens. Er hat keine Beziehung geschaffen. Er hat keine Bindungen. Er gehört nirgendwo hin. Ihm kräht kein Hahn nach. Das bricht als Erkenntnis über ihm zusammen. Er landet dann an dem einzigen Ort, an dem ein erwachsener Mann eigentlich nicht landen sollte - in seinem alten Jungs-Zimmer bei seiner Mutter. Das ist die Horror-Vorstellung schlechthin. Howard ist plötzlich wieder ein Junge. Er merkt, dass er dieses Jungen-Alter eigentlich nie überwunden hat.

Entspricht dieses Männerbild unserer Lebenswirklichkeit? Halten Sie Männer generell für Versager?

Das Bild zeigt, was viele Männer auch noch heute prägt - mich eingeschlossen. Es zeigt eine gewisse Konfliktscheue. So wie die meisten Männer, die ich kenne, bin auch ich eigentlich eher dafür, etwas auszusitzen - es wird sich schon regeln, man muss da jetzt nicht drüber reden, vielleicht morgen. Frauen sind sehr konfliktbereit, zum Teil schon fast neurotisch konfliktlustig. Wenn man Zoff hat, können Frauen das nicht auch nur eine Minute im Raum stehen lassen. Das muss raus. Jeder Mann holt erst einmal eine Minute lang Luft, raucht eine Zigarette und sagt dann: Diesen Anruf, diese Konfrontation, das mach' ich morgen. Frauen haben eine andere Konfliktbereitschaft als Männer. Und die drei Frauen im Film legen diese auch alle auf sehr verschiedene Weise an den Tag.

"Don't come knocking" ist eine Western-Parodie. Der Held ist ein Weichei, die Freiheit, die der Westen verspricht, ist furchtbar leer, das wahre Leben spielt in dem Kaff Butte in Montana, wo eine Mutter ihren Mann steht. Parodieren sie den amerikanischen Mythos des Westens, der Freiheit American Style?

Der Film nimmt diesen Mythos ziemlich auseinander. Es findet ein Wechsel statt. Der Held ist am Schluss keiner mehr, die Frauen und die Kinder übernehmen die Hauptrollen. Die Freiheit, von der in Western die Rede ist, ist eine anachronistische. Der Freiheitsbegriff der drei Frauen, die ihren Mann gestanden haben, beruht auf Verantwortung. Er ist mühevoll und bedeutet Verpflichtung. Er ersetzt im Laufe des Films den Howardschen Freiheitsbegriff, der darauf beruht, dass man machen kann, was man will - oder eben keine Verantwortung übernimmt. Der Western ist nicht nur ein amerikanisches Film-Genre. Der Westen ist für uns alle zum mythischen Ort geworden. Er hat - auch in Europa - unsere gesamte Kultur geprägt. Und an diesem mythischen Ort funktioniert das Leben eben nicht so, wie uns das der Mythos immer erzählt hat.

Der Film wirkt sehr konservativ. Sie huldigen der Bodenständigkeit, dem Pflichtbewusstsein, auch der Selbstaufgabe der Frauen. Der weiten Wüste setzen Sie Small-Town-America als Ideal entgegen - Butte, Montana. Vertreten Sie damit nicht sehr ähnliche Werte wie die amerikanische Regierung?

Ich glaube, Sie sind nicht ganz bei Trost. Sie können das nicht ernst meinen - oder Sie haben einen anderen Film gesehen. Die Moral - oder die Ethik - bezieht sich auf den Western, aber durchaus auch auf die kleinbürgerlich amerikanische oder, wenn sie so wollen, auch christliche Familienvorstellung. Nur, die Realität in dem Film zeigt, dass das alles längst den Bach hinuntergegangen ist. Keiner der Beteiligten glaubt auch nur im Entferntesten an diese Werte. Die leben alle ein Parallelleben zu dieser amerikanischen Sehnsucht. Die Familie kommt nur als Sehnsucht vor, aber nicht als praktikable Vorstellung.

Die perverse Situation in Amerika ist derzeit, dass die Familien-Diskussion alles übertüncht. Zu Hause reden die Leute über Verhütung und Schwulen-Ehe - und über die Werte, die von dieser rechten fundamentalistischen Regierung proklamiert werden. Nur vor diesem Hintergrund können die ein Verbrechen wie den Irak-Krieg vertuschen, weil zu Hause keiner darüber redet. Die Amerikaner sind unglaubliche Könige im Verdrängen oder im Lügen.

In der letzten Phase des Drehbuch-Schreibens haben wir uns gedacht, dass in den letzten Jahren so viel Scheiße passiert ist in diesem Land. Sollen wir das irgendwie reflektieren oder sollen wir uns von diesen Idioten einfach den Spaß nicht verderben lassen und die Geschichte, die wir erzählen wollten, trotzdem erzählen? Wir haben gesagt: Jetzt erst recht. Jetzt erzählen wir diese ironische Geschichte des Westerns und diese ironische Geschichte amerikanischer Familienbeziehungen. Wir haben uns gesagt: Warum sollen wir uns von diesen Affenärschen auch noch unsere Phantasie nehmen lassen?

In seiner Form und seiner Bildersprache ist das jedoch zweifellos das Klassischste, was ich je gemacht habe. Das ist zwar ein ironisches Auseinandernehmen dieses Genres. Gleichzeitig haben wir das in der Form jedoch mehr bedient, als ich das jemals zuvor gemacht habe.

Ihr Held flieht und entdeckt eine andere Welt, die auch die seine hätte sein können. Verändert ihn das?

Howard ist am Ende nicht mehr diese leer Hülle, als die er anfangs in der Wüste wegreitet - auch wenn er eingesehen hat, dass er den Schaden den er angerichtet hat, nicht reparieren kann. Aber er hat dem ins Auge gesehen. Das lässt ihn auch seinen Beruf auf eine andere Art weiter machen.

Interview: Florian Güßgen