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"Günther Jauch" zu billigen Lebensmitteln: Bauer Willis Wut verpufft in Jauchs "Quatschbude"

Mit seinem Wutbrief hat "Bauer Willi" einen Nerv getroffen. Als Gast diskutierte er bei Günther Jauch über billige Lebensmittel. Doch die Sendung wurde zum Quassel-Desaster.

Von Sylvie-Sophie Schindler

Ein Wutbrief ist nicht genug. Willi Schillings alias "Bauer Willi" will, so kündigte er es am Sonntagabend in der Talkshow bei Günther Jauch an, einen weiteren Brief schreiben. Seinen Ärger sollen dann nicht nur die Verbraucher zu spüren bekommen, sondern er wolle "alle treffen", also alle, die in der Kette der Lebensmittelerzeugung mit drin hängen, vom Futtertrog bis zum Teller. Die sechzig Minuten bei Jauch hätten ihn darin bestärkt: "Nach diesem Abend ist die Hoffnung, dass sich die Bedingungen ändern, relativ gering."

Als Fazit mochte der Moderator das nicht gelten lassen. "Niemand ist daran gehindert, aus dieser Sendung einen Erkenntnisgewinn zu ziehen", resümierte er deshalb. Nur bitteschön, worin soll dieser Erkenntnisgewinn liegen bei einer Sendung, die der Gastgeber nicht mal insofern im Griff hatte, dass die Gäste einander ausreden ließen?

Der eine fiel ins Wort, die nächste quatschte dazwischen, der dritte mischte sich auch noch ein - fast schon babylonisches Sprachengewirr. Und das gefühlte 59 Minuten lang. Kein Wunder, dass Jauch bei der Übergabe an Tagesthemen-Sprecherin Caren Miosga betonte, und das halb abgekämpft: "Ihr redet niemand dazwischen."

"Sie sitzen da wie ein Häuflein Elend"

Im Onlineforum zur Sendung empörten sich zig User. Einer beispielsweise schrieb: "Ihre Sendung ist die reinste Quatschbude, nur weil Sie unfähig sind, die Sendung wirklich zu moderieren. Sie sitzen da wie ein Häuflein Elend, dem das ganze über den Kopf gewachsen ist. Ich habe Sie abgeschaltet."

Grund zum Abschalten gab es auch sonst. Mit dem Titel "Die Wut der Bauern - Sind unsere Lebensmittel zu billig?" wurde ein Thema eröffnet, von dem schon bald nicht mehr klar wurde, wohin die Reise eigentlich ging. Angerissen wurde vieles, mal dies, mal das, vergessen oder auch verschwiegen das meiste. Es fiel das Stichwort Überproduktion, doch was weiter?

Auch angesprochen wurde der mögliche Einfluss der Landwirte in den Genossenschaftsmolkereien, doch wie ist die aktuelle Situation tatsächlich? Nichts Konkretes dazu. Ganz zu schweigen von den Lobby-Verbänden der Milchwirtschaft. Auch das Thema Agrarsubventionen wurde weitestgehend ausgeklammert, wie spielen die mit hinein? Und was genau machen die Spekulationen an den Lebensmittelbörsen mit den Preisen? Keine Erläuterungen. Keine Fragen.

Preiswerte Lebensmittel gut für "arme Leute"

Und wenn Fragen kamen, die interessante Antworten versprachen, dann grätschte garantiert irgendein Talkgast dazwischen. Jauch wollte beispielsweise wissen: "Wer verdient an den von deutschen Bauern erzeugten Lebensmitteln?" Hätte doch jemand der Anwesenden detailliert aufschlüsseln können. Von wegen. Marketing-Professor Thomas Roeb lenkte ruckzuck in eine andere Richtung, und schwupps verlor man sich in der Runde in allerhand Unterthemen. Was natürlich prima geht, wenn der Moderator es laufen lässt.

Irgendwann war die Frage zwar – Überraschung - wieder da, Roeb aber rechnete nur oberflächlich vor und lieferte zu dem immer noch erhofften Erkenntnisgewinn nur Banalitäten. Sein Fazit: Unsere Lebensmittel seien nicht zu billig, nicht alle Bauern hätten ein Problem. Er fände es zudem "normal", dass der Anteil an Ausgaben für Lebensmittel sinke, sobald der Wohlstand, wie aktuell in Deutschland, steige. Lebensmittelproduzent Jürgen Abraham hingegen sprach von den "armen Leuten" hierzulande. Preiswerte Lebensmittel seien deshalb auch eine "soziale Leistung".

Verbraucher sollen bewusster einkaufen

Die ehemalige Bundeslandwirtschaftsministerin Renate Künast appellierte an den Verbraucher, er solle seine Marktmacht nutzen und bewusst einkaufen. Die Landwirte sieht die Grünen-Politikerin in der Pflicht, sich mit dem Verbraucher zu verbinden, der habe schließlich keinen Einblick in den Herstellungsprozess: "Bauern müssen helfen, dass der Verbraucher weiß, was er da genau in Händen hält."

In Deutschland, so argumentierte Künast außerdem, sei ein entscheidender Fehler gemacht worden: Man habe zu stark auf den Export gesetzt. Und tue es noch. Sie verwies dabei auf die Bestrebungen der CDU/CSU in der Bundesagrarpolitik.

"Hat Spaß gemacht"

Timo Wessels, Milchbauer aus Brandenburg, machte deutlich, dass der Handel auf die Molkereien Druck mache: "Wir werden veranlasst, den Milchpreis zu senken." Er forderte, dass nun, nachdem der Mindestlohn eingeführt sei, auch ein Mindestpreis für Lebensmittel festgelegt werden solle.

Trotzdem wirkte er nicht wie einer, der morgen gleich den Aufstand probt. Auch Wutbriefschreiber Willi Schillings war niemand, den man in seinen hochgekochten Emotionen hätte bremsen müssen. Er wiederholte zwar seine inzwischen bekannte These, der Verbraucher wolle seine Lebensmittel möglichst billig – und stelle gleichzeitig zu hohe Ansprüche, aber letztlich saß er mit einem breiten Grinsen da und sagte über die Sendung: "Hat Spaß gemacht." Daraufhin Jauch: "Ihnen hat es Spaß gemacht - das ist die Hauptsache." Schon verstanden, der Fernsehzuschauer wird nicht gefragt.

  • Sylvie-Sophie Schindler